Seelsorge, Predigten

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Heilsarmee Zürich Zentral  

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Predigt zum 5.10.08 (Martin Gossauer)

Gesunde Beziehungen entwickeln (Lukas 10, 30-37)

Einleitung

Nach dem gestrigen Vortrag über das Thema Beziehungen aufbauen, abbrechen, klären, gestalten und annehmen, möchte ich heute in meiner Predigt bei diesem Thema bleiben, d.h. es geht um uns Menschen.

Zuerst möchte ich zwei Tatsachen festhalten:

1. Menschen sind das kostbarste Gut, das eine Gemeinde besitzt.

Wir mögen ein wunderschönes Gebäude besitzen, mit der bestmöglichen Einrichtung, an der besten Adresse, in der ganzen Stadt bekannt.

Wir mögen viele finanzielle Mittel zur Verfügung haben und technische Ressourcen.

Wir mögen ein ausgefeiltes, vielfältiges Programm und sinnreiche Gottesdienste anbieten können.

Doch das Wertvollste, das das Zenti besitzt, sind Menschen und ihre Gaben, das seid ihr mit eurem Leben, eurer Persönlichkeit, euren Schwächen und Stärken.

Und ich sage mir immer wieder: was für ein Reichtum, was für ein Geschenk Gottes! Dazu müssen wir Sorge tragen.

Wenn wir erkennen, dass für Gott Menschen Priorität haben, müssen auch wir die Menschen in den Mittelpunkt unserer Bestrebungen stellen und sie zu unserer Priorität machen. Wenn wir das nicht tun, verfehlen wir den Sinn unseres Menschseins und unseres Auftrages als Gottes Geschöpfe. Es geht Gott um uns Menschen, und auch wir sollen den Menschen unsere Aufmerksamkeit schenken.

Das geschieht zuerst durch unsere Beziehungen ...

2. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind das wichtigste Instrument in unserem Umgang mit anderen Menschen.

Wenn wir daran arbeiten, können wir die unterschiedlichsten Menschen erreichen. Gottes Reich bauen heisst am Leben bauen, und das heisst nichts anderes, als an unseren Beziehungen bauen.

Ich bin selber nicht unbedingt ein Beziehungsmensch, doch ich sage mir immer wieder: Menschen sollen in meinem Dienst Priorität haben.

Diese Woche erhielt ich eine telefonische Anfrage für einen Besuch. Der Mann sagte am Telefon: Aber ich bin ein schwieriger Fall. Ich sagte: Es gibt keine schwierigen Fälle für mich, es gibt nur interessante Menschen, denen zu begegnen und sie kennen zu lernen es sich lohnt.

Es geht um Menschen ... Wenn wir als Nachfolger von Jesus Christus Gottes Liebe weitergeben und leben wollen, müssen wir mit Menschen in Beziehung treten können. Beziehungen werden auf lange Sicht den Ausschlag geben, ob unser Leben erfüllt, fruchtbar und glücklich sein wird. Christen kreisen nicht um sich selbst und ihren Erfolg. Sie konzentrieren sich auf andere. Für sie bedeutet Leben, andere Menschen zu lieben und zu fördern. Unser Vorbild darin ist Jesus.

Jesus, unser Vorbild

Zweifellos bewies niemand bessere Fähigkeiten im Umgang mit Menschen als Jesus. Überall, wo er hinkam, folgten Menschen ihm nach. Warum? Es war offensichtlich, wie sehr ihm die Menschen am Herzen lagen. Er begegnete ihren Bedürfnissen, wo immer er sie traf. Jesus berührte die Menschen physisch, geistlich und emotional. Nachdem Jesus seinen Jüngern die Füsse gewaschen hatte und damit bei dieser letzten Gelegenheit vor seinem Tode noch einmal unterstrich, wie wichtig ihm seine Beziehung zu ihnen war, sagte er:

Johannes 13, 15:

Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Jesus ist uns mit seinem Leben und Handeln ein Vorbild für unsere Beziehungen.

Der barmherzige Samariter (Lukas 10, 30-37)

30 Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: «Ein Mann wanderte von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon. 31 Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging schnell auf der anderen Strassenseite weiter. 32 Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er blieb nicht stehen, sondern machte einen grossen Bogen um ihn. 33 Dann kam einer der verachteten Samariter vorbei. Als er den Verletzten sah, hatte er Mitleid mit ihm. 34 Er beugte sich zu ihm hinunter, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte. 35 Als er am nächsten Tag weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke und bat ihn: 'Pflege den Mann gesund! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!' 36 Was meinst du?", fragte Jesus jetzt den Schriftgelehrten. «Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?" 37 Der Schriftgelehrte erwiderte: «Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat." «Dann geh und folge seinem Beispiel!", forderte Jesus ihn auf.

Wir allen kennen die Geschichte, die Jesus einem Mann erzählte als Antwort auf die Frage: «Wer ist mein Nächster?» Er sprach von einem Mann, der ausgeraubt und halbtot am Wegesrand liegen gelassen wurde. Kurz darauf kamen einige führende religiöse Leute vorbei, doch keiner von ihnen hielt an. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg zu irgendeiner religiösen Aktivität. Schliesslich kam ein Samariter, der dem Mann half und für ihn sorgte, bis er sich wieder erholt hatte. Dann fragte Jesus: «Wer war der Nächste in dieser Geschichte?»

Jesus lehrte mit diesem Gleichnis, dass Beziehungen und geistliche Dienste sich nicht auf unseren unmittelbaren Freundeskreis beschränken. Er lehrte, dass Beziehungen wichtiger sind als viele geistliche Aktivitäten, die wir praktizieren. (Matthäus 5, 23-24):

Wenn du während des Gottesdienstes ein Opfer bringen willst und dir fällt plötzlich ein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass dein Opfer liegen, gehe zu deinem Bruder und versöhne dich mit ihm. Erst danach bringe Gott dein Opfer.

Vielleicht sollten unsere Gottesdienste öfters mal unterbrochen werden ... wir hätten wohl wenig Verständnis dafür, doch Gott würde sich darüber freuen, wenn es aus diesem Grund geschieht, um sich mit andern zu versöhnen und gesunde Beziehungen zu bauen!

Dass Beziehungen wichtiger sind als religiöse Aktivitäten, begriff auch der Mann, der zu Jesus sagte, nachdem er ihm die Frage nach dem wichtigsten Gebot gestellt hatte (Markus 12, 32-34):

Meister, du hast recht ... Gott sollen wir lieben und auch unsere Mitmenschen wie uns selbst. Das ist mehr als alle Opfer, die wir Gott bringen könnten.

Jesus erkannte, dass dieser Mann ihn verstanden hatte. Deshalb sagte er zu ihm: Du bist nicht weit vom Reich Gottes entfernt.

Gott zieht es vor zu sehen, wie wir seine Liebe weitergeben, als dass wir religiöse Werke vollbringen, um unser Gewissen zu entlasten oder um Erwartungen und Anforderungen unserer christlichen Traditionen zu erfüllen.

Und Jesus lehrte uns mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters die folgende Tatsache:

Die Art, wie wir uns selbst (und andere) sehen, ist die Art, wie wir anderen Menschen begegnen.

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter veranschaulicht, dass wir andere Menschen auf der Grundlage unseres Selbstverständnisses behandeln. Beachten wir die drei verschiedenen Personen, die dem Überfallenen begegnen und ihre Reaktionen auf das Opfer des Überfalls:

1. Die Räuber: Sie benutzten Menschen. Sie manipulierten andere.

Sie betrachteten den Mann als Opfer, das sie ausnützen konnten.

2. Die Priester: Sie befolgten Gesetze. Sie waren rein.

Sie betrachteten den Mann als Problem, das sie meiden sollten.

3. Der Samariter: Er war verachtet. Er wusste, wie es ist, ignoriert zu werden. Er betrachtete den Mann als eine Person, die liebenswert ist.

Als Menschen, auch als Christen, neigen wir dazu, in unseren Beziehungen alle drei Reaktionen zu zeigen, je nach Situation:

1. Wir nutzen Menschen aus, sehen unser eigenes Interesse und versuchen zu profitieren.

2. Wir meiden Menschen, wollen nichts mit ihnen zu tun haben, ja verachten sie. 3. Und wir schenken Menschen Aufmerksamkeit, Liebe und Zuneigung.

Das Ziel ist, Menschen und ihre Not wahrzunehmen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Wir müssen dabei aber auch unser eigenes Verhalten hinterfragen,

d.h. Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Christen sind Menschen, die Verantwortung für ihre Beziehungen übernehmen und

Christen sind Menschen, die Verantwortung dafür übernehmen, gesunde Beziehungen zu entwickeln.

Gesunde Beziehungen entwickeln

Drei Bilder zeigen uns, was für eine Rolle wir 'spielen' können:

1. Als Christen sollen wir 'Gastgeber' für die Beziehungen und Begegnungen in unserem Leben sein. Gute Gastgeber ergreifen die Initiative und sorgen dafür, dass andre Menschen sich wohl fühlen. Wir wissen, wie sich gute Gastgeber in ihrem Haus verhalten. Wir sollten in der Lage sein, Menschen überall genauso zu behandeln.

Ein Frau erzählte mir, wie sie vom Offizier im Gottesdienst empfangen wurde: Er hat mich begrüsst, wie wenn ich die wichtigste Person wäre, wie wenn er nur mich erwartet hätte und sich darüber freut, dass ich da bin. Das ist ein guter Gastgeber!

2. Als Christen sollen wir wie ein guter 'Arzt' Fragen stellen und zuhören können, damit wir Menschen in ihrer Situation verstehen und ihre Bedürfnisse erkennen. Wir sollten nonverbal zum Ausdruck bringen, dass wir den anderen verstehen und uns mit ihm identifizieren.

Bevor wir reden, müssen wir lernen aktiv zuzuhören, schliesslich haben wir zwei Ohren und nur einen Mund.

3. Als Christen sollen wir wie 'ein Fremdenführer' den andern mit auf einen Weg nehmen, der ihn näher zu seinem Ziel bringt. Es geht nicht darum, uns einfach bei anderen beliebt zu machen, es geht darum, Menschen auf einem Weg zu begleiten, der sie weiter bringt.

Christsein heisst, Beziehungen leben

Vor Jahren trafen sich einige christliche Leiter mit dem Ziel, den christlichen Glauben in einem einzigen Satz zusammenzufassen. Sie gingen sogar noch einen Schritt weiter und versuchten, das Christentum in einem einzigen Wort zusammenzufassen. Das eine Wort, das sie wählten, war: Beziehungen.

Unser Glaube beruht auf Beziehungen, nicht auf Glaubenserkenntnissen oder geistlichen Übungen. Als Jesus nach dem höchsten Gebot gefragt wurde, sagte er (Matthäus 22, 37-39):

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt ...

Da geht es um Beziehung, das ist eine vertikale Beziehung zu Gott.

... und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Auch da geht es um Beziehung, das ist eine horizontale Beziehung zu den Mitmenschen.

Jesus sagte nicht: Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr fünfzig Bibelverse auswendig gelernt habt (auch wenn das, nebenbei gesagt, auch nicht schaden würde). Stattdessen sagte er, dass die Welt an der Art unserer Beziehungen erkennen wird, dass wir seine Jünger sind:

In 1. Johannes 4, 11-12 lesen wir das Gleiche so ausgedrückt:

Meine Freunde, wenn uns Gott so sehr liebt, dann müssen auch wir einander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Doch wenn wir einander lieben, wird sichtbar, dass Gott in uns lebt und wir von seiner Liebe erfüllt sind.

Die Welt leidet schrecklich an einem Manko an Liebe. Wir wissen es, nicht wahr?! Aber ich glaube, wir leiden auch an einem Manko an Liebe in der Kirche, unter Christen, in der Familie. Kein Wunder, hört das Wort Gottes nicht auf, es den ersten Christen und Nachfolgern Jesu immer wieder zu wiederholen: Liebt einander!

Etwas von dieser Liebe spüren wir bei Paulus, wenn er im Römerbrief 9, 2-3 sagt:

2 Ich bin voller Trauer und empfinde tiefen Schmerz, 3 wenn ich an Israel denke. Käme es meinen Brüdern und Schwestern, meinem eigenen Volk, zugute, ich würde es auf mich nehmen, verflucht und von Christus getrennt zu sein.

So wichtig ist Paulus das Wohl seiner Mitmenschen, so lieb sind ihm seine Mitchristen, dass er es in Kauf nimmt, von Christus getrennt zu sein.

Es geht nicht darum, grosse Dinge zu tun, grosse Liebeserklärungen abzugeben, doch versuchen wir einfach, den Menschen um uns herum etwas Aufmerksamkeit zu schenken! Jedes von uns kann darin ein Werkzeug Gottes sein, um andern die Zuwendung zu schenken, damit sich niemand alleine oder auf die Seite gestellt fühlt, gerade da, wo Menschen ausgegrenzt werden.

Abschluss

Wie steht es um unsere Liebe zu anderen Menschen?

Wie sehe ich andere Menschen?

Was investiere ich in meine Beziehungen?

Illustration: Wer möchte diese 20 Franken-Note? Ich zerknülle sie, trete auf sie, bis sie völlig zerknittert ist. Wer will sie jetzt immer noch? Sie hat immer noch denselben Wert! So sieht Gott den Menschen.

Frage: Denken wir an die Personen in unserem Leben, die besonders schwer zu lieben sind. Warum fällt es uns so schwer, sie zu lieben? Wie sehen wir diese Personen?

Frage: Wie können wir anfangen, Menschen so wahrzunehmen, wie der Samariter den verletzten Mann sah?

Schlusszitat von Dr. John C. Maxwell:

Menschen kümmern sich nicht darum, wie viel du weisst, bis sie wissen, wie sehr du dich um sie kümmerst.

Quelle: Zwischenmenschliche Fähigkeiten in der Leitung entfalten, equip 1.5

Kontakt

Majore
Walter und Hanny Bommeli

Heilsarmee Zürich Zentral
Ankerstrasse 31
8004 Zürich

Tel. 044 242 53 89

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