Seelsorge, Predigten

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Heilsarmee Zürich Zentral  

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Predigt zum 7.9.2008 (Corinne Gossauer-Peroz)

Den inneren Aussatz heilen lassen (Markus 1, 39-46)

«Und Jesus ging und verkündigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus. Und es kommt ein Aussätziger zu ihm, fällt auf die Knie, bittet ihn und sagt: «Wenn du willst, kannst du mich rein machen.» Und er fühlte Mitleid, streckte seine Hand aus und berührte ihn, und er sagt zu ihm: «Ich will es, sei rein!» Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und er fuhr ihn an und schickte ihn auf der Stelle weg, und er sagt zu ihm: «Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester, und bring für deine Reinigung dar, was Mose angeordnet hat – das soll ihnen ein Beweis sein. Der ging weg und fing an, es überall kundzutun und die Sache bekannt zu machen, so dass Jesus sich kaum mehr in einer Stadt sehen lassen konnte, sondern draussen an abgelegenen Orten blieb. Und sie kamen zu ihm von überall her»
(Markus 1 : 39-46, Neue Zürcher Bibel).

Das erste Kapitel des Markus-Evangeliums zeigt uns Jesus am Anfang seines Wirkens. Er ist allein unterwegs, er spricht zu Menschen, er begegnet ihnen und er heilt sie. Hier kommt nun ein Aussätziger zu ihm, wirft sich auf die Knie und sagt diese wunderbaren Worte zu ihm: «Wenn du willst, kannst du mich rein machen» (Vers 40). Ein wunderbarer Satz, aber auch ein machtvoller Satz! Es ist so, als sei seine ganze Seele mit all ihrem Glauben und ihrer Hoffnung in diesem Satz zusammengefasst. Jesus ist an dieser Stelle sehr bewegt von diesem Mann, der ihn aufgesucht hat. Er wird das tun, was kein Mensch mehr tut. Er berührt ihn, bevor er zu ihm sagt: «Ich will es, sei rein!» Jesus gehorcht der Aufforderung dieses unbekannten Mannes und sagt zu ihm: «Ich will das, was du willst, sei rein!» Und der Mann wird geheilt.

Ich will nicht bei diesem Wunder stehen bleiben, weil ich schon einmal in einer Predigt Gelegenheit hatte zu zeigen, wie schön diese Geste von Jesus ist. Wir befinden uns im ersten Kapitel des Markus-Evangeliums. Diese Geste ist eines der allerersten Zeichen von Jesus. Das Mitgefühl, das Jesus hier ausdrückt, ist bereits sehr stark ...

Eine Szene in der Bibel zu betrachten, ist so, wie wenn man ein Kunstwerk betrachtet ... Es gibt immer wieder neue Aspekte zu entdecken. Wenn wir einen Text der Bibel heute lesen, heisst das, ihn zu hören mit all dem, was er in unserem Hier und Heute, mit unseren Freuden und unseren Sorgen bedeutet. Es gibt immer neue Ebenen des Verstehens und der Vertiefung zu ergründen. Deshalb möchte ich Ihnen die folgende Übung vorschlagen: Ich möchte Sie einladen, diesen Text in Bezug auf Sie selbst zu betrachten.

Ja, die Hand von Jesus auf der kranken Haut dieses Mannes lädt uns ein, mit unseren eigenen Wunden und verletzlichen Bereichen zu ihm zu kommen, damit der sie berühren und heilen kann.

1) Dieser Mann, der wegen seines Aussatzes von den andern ausgestossen wurde, wird von der Gegenwart von Jesus angezogen. Unser Aussatz befindet sich auf einer anderen Ebene. Doch er zeigt sich mit dem gleichen Resultat: Zurückweisung oder Ausschluss, aber es handelt sich im Grunde eher um eine Zurückweisung unserer selbst ... Ich möchte Ihnen das erklären: Unser innerer Aussatz, das sind unsere inneren Wunden und jene Erfahrungen, die bewirken, dass wir heute ein bisschen «behindert», «handicapiert» sind in unserem Inneren ... An der Oberfläche «ist alles in Ordnung», ein typisch schweizerischer Ausdruck! Ich bin immer noch am Lernen, dass es in der Schweiz wichtig ist, dass die Dinge in Ordnung sind!

Aber dort, wo die anderen es nicht sehen, in unserem Herzen und in unseren Gedanken, ist es nicht so einfach, die Dinge in Ordnung zu halten, weil uns irgendwann jemand etwas gesagt hat, das uns verletzt hat ... Weil uns irgendwann jemand enttäuscht hat. Weil uns irgendwann jemand mit einer Geste schockiert hat. Weil irgendwann ... Und seither sind wir in unserem Innern am Leiden. Wir nehmen die Worte und Gesten der anderen auf eine negative Weise wahr. Ihre Worte werden rasch zu persönlichen Angriffen. Und deshalb ziehen wir es mit der Zeit vor, Abstand zu nehmen ... Und wir entfernen uns von den andern, wir riskieren, ein Syndrom zu entwickeln, das heisst: «Niemand hat mich gern, niemand mag mich!»

2) In diesem Abschnitt bei Markus wird klar, dass es der Aussätzige ist, der zu Jesus kommt. Bevor er seinen Glauben und seine Hoffnung ausdrücken kann, hat er die Tragweite seines eigenen Unglücks erkannt. Und er hat sicher Momente der Hoffnungslosigkeit durchgemacht. Aber er hat es gewagt, die Barriere der Einsamkeit zu durchbrechen. «Und es kommt ein Aussätziger zu ihm, fällt auf die Knie, bittet ihn und sagt: Wenn du willst, kannst du mich rein machen.»

Dieser Mann zeigt uns, dass wir unsere eigene Machtlosigkeit eingestehen müssen ... Nein, wir können uns nicht selber heilen ... Wie könnten wir uns selber heilen, wenn wir nicht einmal fähig sind, uns selber anzunehmen, so wie wir sind ?

Dieser Mann zeigt uns, dass wir es nötig haben zu entdecken, dass es jemanden gibt, der uns bedingungslos annimmt. Er zeigt uns, dass das Jesus ist ... In unserem Herzen kann die Heilung auch nur dann stattfinden, wenn wir wie der Aussätzige zu den Füssen von Jesus auf die Knie fallen. Wenn wir ihm sagen, wenn wir zu ihm schreien, dass nur er uns helfen und uns heilen kann. Im Zentrum unserer Verletzungen kann die Heilung nur dann stattfinden, wenn wir uns – wie dieser Mann – zu Jesus hinwenden.

3) Wenngleich der Schritt und der Glaube dieses Mannes mich schon sehr berühren, so beeindruckt mich doch das Folgende ganz besonders: «Und er fühlte Mitleid, streckte seine Hand aus und berührte ihn ...». Jesus hat Mitleid mit diesem Mann.

Er ist in seinem Innersten von der körperlichen und seelischen Verzweiflung des Aussätzigen ergriffen; eine innere und eine äussere Verzweiflung. Jesus ist wie immer ein Vorbild in seinem Verhalten: Er behandelt den Kranken nicht von aussen oder auf eine oberflächliche Art. Er lässt sich von seiner Verzweiflung bewegen, er spürt sie. Und er sagt nicht: «Es ist gar nichts Schlimmes, ich werde das in Ordnung bringen.»

«Er fühlte Mitleid ... und streckte seine Hand aus und berührte ihn.» Jesus überspringt hier einen Graben und auch ein Verbot. Man durfte einen Aussätzigen nicht berühren, überhaupt nicht mehr berühren!

Aber schauen Sie gut hin, hören Sie gut zu! Jesus ergreift nicht von sich aus die Hand des Aussätzigen, sondern er streckt ihm seine Hand hin. Dieser Unterschied bedeutet Respekt ... Er baut eine Brücke und erlaubt dem Kranken, langsam zu ihm zu kommen.

Jesus zeigt diesen Respekt auch uns gegenüber ... für die Zonen unseres Leidens. Er weiss, dass uns ein Gefühl der Zurückweisung Angst machen kann, ein Zeichen, eine Geste entgegenzunehmen. Zu sehen, wie Jesus diesem Mann die Hand entgegenstreckt, ist eine unermessliche Tröstung. Zu spüren, dass Jesus uns seine Hand entgegenstreckt und auf das zukommt, was uns in unserem Innersten gehindert hat, zu Jesus zu kommen, ist das schönste Geschenk!

4) Indem Jesus einen Aussätzigen berührt, zeigt er uns, dass er weder vor dieser Krankheit, die die Glieder des Körpers entstellt, noch vor einer Ansteckung Angst hat.

Jesus hat keine Angst vor dem, was uns Angst macht.

In unseren innersten Zonen des Leidens hat Jesus auch keine Angst vor dem, was uns selber Angst bereitet! Nichts stösst ihn ab. Er ist bereit, mich genau an dem Ort zu berühren, den ich vor den anderen verberge, der aber mein Ort des Leidens ist ... Das Gebet hat viele Aspekte, aber es enthält genau dieses Element: die Hand von Jesus den Ort berühren zu lassen, der mir Schmerzen bereitet; die Hand von Jesus mir hinstrecken zu lassen, auf meine Hand zu, damit er ein Wort der Macht und ein Wort des Friedens sprechen kann.

«Ich will es, sei rein!» Indem er diese Worte ausspricht, lässt er in uns, was immer unser Leiden sei, in uns die Kraft seiner Liebe fliessen, diese Kraft, die mit seiner Person verbunden ist. Es ist nicht einfach ein beiläufig geäussertes Wort... «Ich will es, sei rein!», enthält den Willen zur Heilung. Einen Willen zum Leben!

«Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.» Anselm Grün, ein Benediktiner, der durch seine zahlreichen Bücher sehr bekannt wurde, schreibt das Folgende: «Das scheint zu schön, um wahr zu sein. Bei uns gehen die Dinge nicht so schnell. Aber wenn wir unseren Aussatz zu den Füssen von Christus werfen und wenn wir seine Liebe in die Zurückweisung unserer selbst fliessen lassen, kann es geschehen, dass wir uns selber auf einen Schlag annehmen können. Ich entdecke plötzlich: Ich kann das sein, was ich bin» (aus Anselm Grün: Geistliche Übungen für jeden Tag, S. 38, Zitat etwas angepasst).

Ich möchte Sie ermutigen, diesen Bibeltext in den nächsten Tag noch einmal zu lesen und sich vom Schritt dieses Mannes und vom Verhalten von Jesus berühren zu lassen.

Dieser Mann, der aus seiner Isolierung heraustritt, um Jesus aufzusuchen. Dieser Mann, der seinen Glauben und seine Hoffnung ausdrückt.

Jesus, der keine Angst vor dem hat, was Angst macht. Jesus, der es wagt, diesen Mann körperlich zu berühren und der die Verzweiflung dieses Mannes spürt. Jesus, welcher dem Wunsch jenes Mannes zustimmt, geheilt zu werden.

Ich möchte Sie ermutigen, beim Nachdenken über dieses erste Kapitel des Markus-Evangeliums das vor Jesus zu bringen, was Sie an sich selber nicht ertragen ... Diesen inneren Aussatz, mit dem Sie kämpfen, selbst wenn niemand etwas davon weiss ... Zu Christus im Gebet zu kommen und ihm unsere Unfähigkeit einzugestehen, uns selber verbessern zu können ... Zu Christus zu kommen und ihm unsere Verzweiflung anzuvertrauen ... Uns von ihm annehmen zu lassen mit allem, was uns weh tut ... Zu spüren, dass er Mitleid mit uns hat ... Ihn unsere Hand nehmen lassen. Ihn uns berühren lassen. Ihn diesen Ort heilen lassen, der uns so weh tut ... Dieser Ort, sei er körperlich oder seelisch, der mir Schmerzen bereitet. Was sich auch immer als Resultat daraus ergibt, wenn wir einen Moment mit Jesus verbringen, werden wir verändert ... Etwas in unserem Herzen und in unserer Sicht der Dinge ändert sich ... Weil er Christus, der Sohn Gottes ist. ER allein kann alle Dinge neu machen.

Kontakt

Majore
Walter und Hanny Bommeli

Heilsarmee Zürich Zentral
Ankerstrasse 31
8004 Zürich

Tel. 044 242 53 89

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