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Predigt zum 8.6.2008 (Corinne Gossauer-Peroz)Kann man sich verändern? (Lukas 13, 6-9)Wir sind bald in der Mitte des Jahres 2008 und ich frage mich: Wo haben die Wünsche nach Veränderung, die wir uns Anfang Jahr vorgenommen haben, hingeführt? Sind die Wünsche zu konkreten Entscheidungen geworden? In der Mitte dieses Jahres habe ich über die Entscheidungen, die eine Veränderung nach sich ziehen, nachgedacht. Kann man wirklich etwas in sich selber verändern? Kann man sich ändern, oder ist das nur eine Illusion? Entscheidungen, sich zu ändern, können sehr verschiedenartig sein, hier ein paar Beispiele: Ich will abnehmen, ich will Sport treiben, ich werde Ordnung in meine Angelegenheiten bringen. Es gibt auch Änderungen, die wir uns wünschen und die unseren Charakter berühren. Änderungen, die wir «persönliche und innere Umwandlungen» nennen könnten. Wie zum Beispiel: geduldiger, ruhiger, toleranter, weicher werden ... Und auch: unsere geistliche Beziehung vertiefen, entdecken, wer Gott ist und wer wir sind in unserem tiefsten Innersten ... Umwandlungen und Veränderungen ergeben gute Geschichten und gute Filme, nicht wahr? Die Bösewichte, die freundlich werden, Arme, die reich werden, diese Unglücklichen, die wieder Freude am Leben bekommen ... Aber wenn es so einfach wäre, sich zu ändern, dann würden wir in einer wunderbaren Welt leben! In einer Märchenwelt, in der Aschenputtel, die den Haushalt macht, in einer Kutsche zu einem Ball fahren kann, wie eine Prinzessin gekleidet, um dort den charmanten Prinzen zu treffen! Aber das Leben ist eben kein Märchen ... Wir wissen alle, dass die Umwandlungen nicht auf Kommando stattfinden können. Und selbst wenn wir Veränderungen wünschen, so stellen wir alle fest, dass wir Widerstände gegenüber Veränderungen in uns tragen. Wir haben alle unsere Gewohnheiten, unsere Prinzipien, die bewirken, dass Veränderungen uns Angst machen. Bei meiner persönlichen Lektüre habe ich vor ein paar Tagen diese sehr klaren Worte eines französischen Priesters, Tanguy Marie Pouliquen entdeckt: «Jesus Christus ist der Weg des Menschen. Deshalb ist der Gläubige aufgerufen, sich von allem zu befreien, was die totale Umwandlung seines Wesen verhindert!» Das ist eine Deklaration, die klar unterstreicht, dass das Leben des Jüngers und der Jüngerin von Christus ein Leben der ständigen Umwandlung ist. Eine ständige Umwandlung zur Ähnlichkeit mit Christus. Das ist es, was der heilige Geist in uns bewirken möchte! Wenn wir die Evangelien lesen, dann finden wir die Berichte von Männern und Frauen, die durch eine Begegnung mit Jesus oder seinen Jüngern umgewandelt wurden. Evangelium bedeutet «Gute Nachricht», also ist es ganz normal, dass diese gute Nachricht eine Änderung bewirkt! Bei der Begegnung mit Jesus werden die einen geheilt – ich denke an Bartimäus –, anderen wird vergeben – ich denke an die Ehebrecherin. Aber wieder andere kehren traurig nach Hause, vielleicht mit noch mehr Fragen als Antworten! Ich denke da an den reichen Jüngling und an Nikodemus. Im Lukas-Evangelium gibt es einen Text, der von Umwandlung spricht. Wir wollen ihn miteinander betrachten. Hören wir ihn in Lukas 13, 6-9 (Neue Zürcher Bibel): Das ist ein Gleichnis, und Lukas ist der Einzige, der es uns berichtet. Matthäus und Markus erzählen uns von einem unfruchtbaren Feigenbaum, den Jesus gesehen und verflucht hat, weil er daran nur Blätter gefunden hatte ... Ich habe mich entschlossen, heute Morgen über eine Umwandlung mit einer positiven Perspektive zu sprechen. Deshalb interessiert mich der verfluchte Feigenbaum, der unter den Worten von Jesus vertrocknet ist, weniger. Übrigens zieht die Reaktion von Jesus auch viele Fragen nach sich ... Ich möchte euch einladen, zusammen über das Gleichnis bei Lukas nachzudenken. «Es hatte einer in seinem Weinberg einen Feigenbaum stehen» (Vers 6, Neue Zürcher Bibel). Haben Sie dieses Bild gut begriffen? Es geht um einen Feigenbaum, der in einem Weinberg wächst. Mit anderen Worten: Die Feigen vermischen sich mit den Trauben. Es gibt übrigens in Frankreich einen Ausdruck: «mi-figue, mi-raisin!», der bedeutet, dass etwas nicht befriedigend ist. Aber kehren wir zu unserem Gleichnis zurück. Ein Feigenbaum wächst in einem Weinberg. Pfarrer Alphonse Maillot stellt fest: «Die Israeliten liebten ihre Weinberge und ihre Feigenbäume ganz besonders. Es waren Zeichen der Inbesitznahme des Gelobten Landes, aber auch ein Widerhall des verlorenen Paradieses und Zeichen des kommenden Königreiches» (aus: A. Maillot: Les paraboles de Jésus aujourd'hui, Seite 70). In allen Gleichnissen von Christus ist der Weinberg das Sinnbild für Israel und das Volk Gottes. Aber hier wird der Fokus nicht auf den Weinberg, sondern auf den Feigenbaum gelegt, der sich dort befindet. Dieser Feigenbaum könnte hier für das Individuum stehen, im Gegensatz zum Weinberg, welcher die Gemeinschaft darstellt. Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach: Eines schönen Tages kommt der Besitzer, um die Früchte des Baumes zu ernten. Dieser Besitzer könnte Gott sein. Aber er findet überhaupt keine Frucht! Ein Feigenbaum ohne Feigen wäre also das Bild eines Menschen ohne Umkehr, der deswegen keine Frucht trägt ... Übrigens spricht Jesus drei Verse vor diesem Gleichnis über die Umkehr. Wenn man von Änderung spricht, ist die Umkehr ein wichtiges Element. Sie erlaubt die Umwandlung des Herzens. Denn ich kann mit meiner Begrenztheit und meiner Unfähigkeit zu einer Veränderung hin zu Gott kommen. Mit und durch die Umkehr kann ich Christus um Vergebung bitten und sie auch von ihm erhalten, diese Vergebung, die eine Kraft der Umwandlung ist. Aber in Bezug auf den Feigenbaum ohne Feigen gilt es herauszufinden, ob dieser Mangel an Früchten vorübergehend oder definitiv ist. Der Besitzer stellt fest: «Seit drei Jahren komme ich nun und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Hau ihn um! Wozu soll er auch noch den Boden aussaugen?» (6b und 7, Neue Zürcher Bibel). Wenn der Feigenbaum den einzelnen Menschen darstellt, bedeutet die Frucht das Verhalten des einzelnen Menschen, das nie neutral ist. Es hat positive oder negative Auswirkungen. Hier gibt es keine Frucht, aber darüber hinaus wird die Erde der anderen ausgelaugt. Jeder Gärtner wird Ihnen bestätigen, dass ein Baum immer den Erdboden, aus dem er sich nährt, auch aussaugt. Deshalb hat die Tatsache, dass der Feigenbaum keine Frucht trägt, nicht nur Konsequenzen für seinen Besitzer, sondern auch für die anderen Pflanzen um ihn herum. «Hau ihn um! Wozu soll er auch noch den Boden aussaugen?» Gott, der Besitzer des Weinbergs war bis jetzt geduldig, aber jetzt kündigt er das Urteil an ... Und dann gibt es plötzlich ein Zwiegespräch zwischen Gott und dem Weinbauern. Der Weinbauer, das könnte Jesus sein. Jesus, der betet und für die Menschen in Fürbitte einsteht. «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun» (Lukas 23, 34, Neue Zürcher Bibel). Der Weinbauer setzt sich ein, er hat den Mut zu sagen: «Herr, lass ihn noch dieses Jahr, bis ich rings um ihn umgegraben und Mist ausgelegt habe. Vielleicht bringt er in Zukunft doch Frucht; wenn aber nicht, dann lass ihn umhauen» (Verse 8,9, Neue Zürcher Bibel). Diese Art von Eingreifen erinnert uns an den Dialog zwischen Gott und Abraham wegen Sodom, zwischen Gott und Mose für das Volk Israel. Mit seinem Engagement erteilt uns der Weinbauer die folgende Lektion: Es handelt sich hier nicht um einen naiven Optimismus. Es handelt sich auch nicht darum, einfach das Leben des Feigenbaums um ein Jahr zu verlängern. Es geht um Liebe. Der Weinbauer spricht von der Liebe, mit der er diesen Baum gepflanzt hat. Der Weinbauer spricht mit einer Liebe, die weiss, dass es Zeit braucht, damit ein Baum wachsen kann. Es geht um einen letzten Versuch, um den Baum fruchtbar, produktiv zu machen und ihn auf diese Weise zu retten! Das Vorgehen ist klar: Man muss umgraben, Mist auslegen, den Boden lockern und nähren. Man wird ihn in Liebe und mit einer grossen Hoffnung umsorgen müssen. Die Hoffnung des Weinbauern ist wunderschön und gross! Im Angesicht eines Feigenbaums ohne Früchte hat er in seiner Vorstellung die Vision davon, was dieser gleiche Baum mit Früchten sein könnte! Er glaubt daran, und weil er daran glaubt, setzt er sich ein und wagt es, seinem Meister, dem Besitzer, zu widersprechen: «Herr, lass ihn noch dieses Jahr, bis ich rings um ihn umgegraben und Mist ausgelegt habe. Vielleicht bringt er in Zukunft doch Frucht; wenn aber nicht, dann lass ihn umhauen.» Dieser Weinbauer, der Jesus ist, greift zugunsten der Menschen ein, weil er uns Vertrauen schenkt. Aber er besteht auf der Eigenverantwortung und der persönlichen Freiheit. Damien Debaisieux kommentiert diesen Abschnitt wie folgt: «Es geht ganz um den Einsatz für den Feigenbaum: Selbst wenn der Weinbauer umgräbt und Mist auslegt, ist es an ihm, dem Feigenbaum, sich zu entscheiden: Er muss wählen, ob er Frucht tragen will oder nicht, sich zu Gott oder gegen Gott zu stellen. So bietet Gott uns – durch eine innere Bekehrung – die Möglichkeit einer Geschichte an, die uns aus dem Verhängnis herausführt. Ja, dieser Feigenbaum, der seit drei Jahren unfruchtbar ist, kann vielleicht wieder Früchte tragen. Gott schenkt uns Vertrauen, so wie er uns bittet, uns selber Vertrauen zu schenken. An uns und an die anderen zu glauben, trotz dieses Bösen, das die Welt zu vernichten scheint. Alles ist noch möglich, nichts ist definitiv.» Der Text sagt nichts darüber aus, was dann mit dem Feigenbaum passiert ist. Hat er schliesslich Früchte getragen? ... Wir wissen es nicht. Aber eines ist sicher: Ein Feigenbaum ist gemacht, um Früchte zu tragen. Darum wurde er gepflanzt, das ist seine Daseinsberechtigung. Dieses Gleichnis spricht von Liebe und Geduld. Liebe, Geduld und Hoffnung, die Gott und sein Sohn Jesus für die Menschen haben. Dieses Wort «vielleicht» ist voller Hoffnung ... einer Hoffnung, die nicht verurteilt, sondern aktiv ist. Dieser Text enthält dieses «vielleicht», welches Hoffnung ausdrückt. Aber er enthält auch den Ausdruck «wenn aber nicht», der uns unsere eigene Verantwortung aufzeigt ... Im Johannes-Evangelium sagt Jesus zu den Jüngern: «Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt» (Johannes 15,2, Neue Zürcher Bibel). Wenn ich diesem Weinbauern zuhöre, dann steigen die folgenden Fragen in mir auf. Und ich möchte sie Ihnen zum Nachdenken überlassen: «Gibt es einen Weinbauern in diesem Saal?» «Gibt es einen Weinbauern unter uns?» «Gibt es einen Weinbauern in unseren Familien und in unserer persönlichen Lebenssituation?» Ich meine damit einen Mann, eine Frau, einen jungen Menschen, die mit einem Blick der Liebe und der Hoffnung auf die Lebenssituationen schauen. Gibt es im Grund meines Herzens diese Geduld des Weinbauern, die nicht verzweifelt über den Umständen? Die nicht verzweifelt wegen eines einzelnen Menschen, sondern die ihn mit den Augen der Liebe zu betrachten vermag? Diese Geduld, die versucht, den Menschen so zu betrachten, wie Gott selber ihn betrachtet? «Gibt es einen Weinbauern unter uns?» Anders ausgedrückt: Sind wir fähig zur Hoffnung uns und den andern gegenüber? Sind wir fähig zu hoffen angesichts der Umstände, in denen wir uns befinden? Sind wir in der Lage, uns von Gott seine Fürsorge schenken zu lassen? Sind wir dazu bereit, dass er uns immer wieder seine Liebe zusagt, damit wir Frucht bringen können? Nein, das Leben ist kein Märchen, es besteht aus ständigen Umwandlungen ... Sind wir bereit, uns von Gott, dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist umwandeln zu lassen? |
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