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Predigt zum 6.4.2008 (Martin Gossauer)Fragmente eines LebensEinleitung Alle Autofahrer kennen das Phänomen des toten Winkels. Wenn wir die Spur wechseln wollen, müssen wir uns Zeit lassen und uns zweimal vergewissern, dass der Weg frei ist, denn unser Blickfeld ist eingeschränkt. Wir haben nie die ganze Strecke im Auge und können ein anderes Auto leicht übersehen. Das gilt auch für unser Leben: Wir haben auch einen toten Winkel in unserer Erlebniswelt, einen blinden Fleck. Amerikanische Psychologen stellen das mit diesem Fenster dar (Johari-Window), sie teilen das Leben in vier Felder auf: Was mir bekannt ist und andern auch, ist meine Person in der Öffentlichkeit. Was mir bekannt ist, aber andern nicht, ist mein Geheimnis. Was mir und andern unbekannt ist, nennen sie das unbewusste Wissen. Und was andern bekannt ist über mich, aber mir nicht, ist eben der blinde Fleck. Also sagen Sie mir bitte, wenn ich mal meine Krawatte vergessen habe sollte.
Was wir sehen, wahrnehmen, erkennen ist immer bruchstückhaft. Wir haben gehört, dass auch die Bibel uns diese Wahrheit bestätigt. Je nach Perspektive, Blickwinkel, Erfahrungs- oder Wissensstand... oder Frisur haben wir eine andere Sicht der Welt. (Bilder Kühe Bergün) ![]() ![]() Fragmente meines Lebens Die Anerkennung der Tatsache, dass mein Wissen nur Stückwerk ist, hat gewisse Konsequenzen auf mein Verhalten im Alltag, besonders auf meine Beziehungen zu andern Menschen, so wie es etwa der Verfasser in der Einleitung zu den Sprüchen schreibt: Wenn du diese Lebensweisheiten beachtest, wirst du lernen, dich im Leben zurechtzufinden. Sie helfen dir, dich selbst zu beherrschen, und machen dich fähig, gute Ratschläge zu erkennen und anzunehmen. ... Selbst wer darin schon geübt ist, kann noch dazulernen. Neue Gedankenanstösse helfen ihm, die Sprichwörter der weisen Lehrer zu verstehen und ihre Bilder und verschlüsselten Sprüche zu enträtseln. Alle Erkenntnis beginnt damit, dass man Ehrfurcht vor dem Herrn hat. Nur ein Dummkopf lehnt Lebensweisheit und Selbstbeherrschung ab. (Sprüche 1,2.5.6.7, Hoffnung für alle) Das heisst ... - Es hilft, wenn ich mich selber nicht so wichtig nehme, ich will ja kein Besserwisser sein. - Ich bemühe mich auf andere zu hören, ihre Erfahrungen mit einzubeziehen, denn meine Mitmenschen haben alle auch etwas zum Gesamtbild beizutragen. Sprüche 1,5: Wer weise ist, der höre zu. Wer verständig ist, der lasse sich raten. (Luther) - Ich bin ständig bereit, Neues dazu zu lernen. Leben heisst lernen. - Ich vermeide es, über andere zu urteilen gemäss dem Rat der Bibel in Matthäus 7,1: Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet. ... Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Wenn ich die Fragmente, die einzelnen Teile meines Lebens richtig zusammensetzen will, bin ich nicht nur auf andere Menschen angewiesen, sondern auch auf Gott und tue gut daran, den Blick von mir weg zu ihm hin zu richten und auf ihn zu hören. (Cartoon Max Spring, Standpunkt) Wir sind ständig daran, die Fragmente, die Bruchstücke unseres Lebens wie Bausteine zu einem grösseren Bild zusammenzufügen, so wie wir die einzelnen Teile eines Puzzles zusammensetzen, auf der Suche nach dem Ganzen, vollständigen Bild. Ein christliches Leben besteht aus einem ständigen Weg zwischen der Demut und Bescheidenheit, immer wieder anzuerkennen, dass mein Wissen Stückwerk ist, und der Weisheit, nach dem grösseren, ganzen Bild Gottes zu suchen. Das kann uns manchmal ganz schön nerven, denn wir möchten selber alles können und wissen. Doch schlussendlich ist es auch entlastend zu wissen, dass ein anderer da ist, der alles im Griff hat und um alles weiss. Das grössere Bild Wir haben am Anfang gesungen: Die Sach ist dein, Herr Jesus Christ, die Sach, an der wir stehn, und weil es deine Sache ist, kann sie nicht untergehn. Das ist entlastend, tröstlich und hoffnungsvoll: Es ist Gottes Sache, nicht meine; ich kann die Sache in Gottes Hand legen, mich selber in Gottes Hand legen mit allen Bruchstücken meines Lebens. Auch wenn alles zusammenbricht, Familie, Gesellschaft und Wirtschaft usw. Gottes Reich bleibt bestehen: Wohlan, so nimm uns allzu gleich zum Teil am Leiden und am Reich; führ uns durch deines Todes Tor samt deiner Sach zum Licht empor, durch Nacht zum Licht empor. Wenn wir unsere Fragmente in Gottes Licht stellen, erkennen wir den Sinn unseres Lebens und unser Horizont erweitert sich. Und in seinem Licht sehen wir, wie Gott sieht, erkennen wir Gottes Bild, erkennen wir die grösseren Zusammenhänge. (Bild einer Steinmauer) Die Sach an der wir stehn: Gemeinsam stehen wir an der Sache Gottes, gemeinsam mit unseren Gaben und Bruchstücken dürfen wir als Leib Christi zu einem Ganzen zusammenwachsen und erkennen, dass wir als Kinder Gottes zueinander gehören. Wenn wir die Fragmente unseres Lebens als Möglichkeit erkennen, damit den Menschen zu dienen und Gottes Willen zu tun, beginnen wir etwas von dem grösseren Bild zu erahnen, das Gott in seiner Gemeinde verwirklichen will. So wie es dieses Bild zeigt. Es trägt den Titel 'Das Einzelne läst das Ganze erahnen'. Wir müssen immer auf der Suche nach diesem Ganzen bleiben, unsere Fragmente in das Ganze einordnen. Eingebettet in die Liebe Gottes Das grössere Bild Gottes können wir nur auf dem Weg der Liebe erkennen. Ohne Liebe bin ich nichts ..., beginnt das 13. Kapitel im 1. Korintherbrief. Und es schliesst mit dieser Wahrheit, dass unsere Erkenntnis bruchstückhaft ist, dass aber die Liebe bleibt und das Grösste ist. Die Fragmente unseres Lebens erhalten ihren Sinn, wenn sie in der Liebe eingebettet sind. Nur in der Liebe zu Gott, zu uns selber und zu unserem Nächsten können wir die Unvollständigkeit unseres Lebens und das der andern annehmen und damit leben – und auch nur, wenn wir uns selber geliebt wissen. Manchmal geraten wir auf einen anderen Weg als den Weg der Liebe, zum Beispiel auf den Weg der Enttäuschung, so wie die Emmausjünger (Lukas 24, 15-27; 30-33). Es ist ein Weg, der in die falsche Richtung führt. Sie hatten den Tod von Jesus nicht wirklich verstanden, und die Bruchstücke über die sie verfügten, waren nur noch ein Scherbenhaufen, vor dem sie ratlos standen. So kehrten sie Jerusalem den Rücken zu, enttäuscht in ihren Erwartungen. Und es heisst: Während die beiden Jünger redeten, kam Jesus hinzu. Doch sie waren mit Blindheit geschlagen und erkannten ihn nicht. Was die zwei Jünger natürlich zuletzt erwarteten, war, Jesus anzutreffen. Sie hatten ihn doch am Kreuz gesehen, tot. Kein Wunder, waren sie 'mit Blindheit geschlagen' und erkannten ihren verehrten Meister nicht! Das ist eine typische Schwäche von uns Menschen: Was wir nicht erwarten, erkennen wir nicht. Wer seine Hoffnungen und Erwartungen nur auf die Bruchstücke seines Lebens setzt, ist blind für das, was Gott vollbringen möchte. Doch Jesus kam zu ihnen und holte sie dort ab, wo sie waren, auf diesem Weg der Enttäuschung. Er fragte: Was sind das für Dinge, über die ihr redet? Jesus hat so viel Geduld mit uns, dass er auf uns zukommt und uns ausreden lässt. Wer aber nur die eigenen Fragmente seines Lebens sieht, dem fällt es schwer zu glauben, dass Gott etwas Grösseres vorhat und wir Teil davon sein sollen: Begreift ihr denn nicht? sagte Jesus zu ihnen. Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Dann erklärte er ihnen den Sinn seines Kommens und seines Weges durch die Heiligen Schriften: Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der heiligen Schrift über ihn geschrieben steht. Aber erst die Gemeinschaft mit Jesus öffnete ihnen die Augen und liess sie das grössere Bild Gottes erkennen: Als sie sich zum Essen gesetzt hatten, nahm Jesus das Brot, dankte dafür, teilte es in Stücke und gab es ihnen. Da plötzlich erkannten sie ihn. ... Jetzt fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen: Sie erkannten Jesus und spürten plötzlich, wie ihre Herzen brannten: Sie wurden von der Liebe Gottes erfasst und, so heisst es, ... sie standen sofort auf und kehrten zurück nach Jerusalem. Erfasst von der Liebe Gottes, werden wir zu Menschen, die in ihr Leben zurückkehren und mit den Bruchstücken ihres Lebens zu neuen Taten aufbrechen. Eingebettet in die Liebe Gottes, werden die Bruchstücke unseres Lebens zu Teilstücken im Plan Gottes, an dem er uns beteiligt. Schluss Manchmal denke ich: Wer bin ich schon? Was kann ich schon erreichen? Ich verliere mich in so vielen, kleinen Dingen, Fragmente eines Lebens, die mir manchmal wertlos erscheinen. Dann kommt Gott in seiner Gnade, neigt sich zu mir und sagt: Alles was ich möchte, ist, dass du die Bruchstücke deines Lebens mir überlässt, dass du dich mir hingibst und mich anbetest. Und in der Hingabe, in der Anbetung vor Gott werde ich von seiner Liebe erfasst und sehe seine Grösse, seine Allmacht, erkenne das grössere Bild, in das auch meine scheinbar wertlosen Bruchstücke hineinpassen und Wert erhalten. Aus unbehauenen Steinen sollst du den Altar des Herrn, deines Gottes, bauen und dem Herrn, deinem Gott, sollst du Brandopfer bringen. (5. Mose 27, 6) In seinem Kommentar dazu schreibt Christoph Hürlimann: Es ist eine Anordnung des Mose. Er gibt sie kurz vor seinem Tod. Er wird Israel nicht mehr über den Jordan ins gelobte Land begleiten. Er wird vorher sterben. So gibt er seine letzten Anweisungen. Zu ihnen gehört der seltsame Auftrag, einen Altar aus unbehauenen Steinen zu bauen. Israel, ein Volk von Nomaden, ein einfaches Volk, trifft jenseits des Jordans auf eine hohe Kultur. Dazu gehören auch entwickelte religiöse Rituale und Bauten. Der Glaube an einen Gott, der mit seinem Volk unterwegs ist, begegnet einer Religion mit ortsgebundenen Göttern. Diese Götter haben auch feste Bauten aus kunstvoll behauenen Steinen. So sollen die unbehauenen Steine Israel im neuen Land an seinen Gott erinnern. (Bild unbehauene Steine) Unbehauene Steine? Sie sollen Israel im festen Land an einen Gott erinnern, der der lebendige Gott bleibt, ein Gott, der unterwegs sein will, der täglich neue Aufmerksamkeit fordert. Unbehauene Steine? Sie sollen Israel daran erinnern, dass es auch selber mit diesem lebendigen Gott unterwegs bleibt – ständig offen dafür, von Gott behauen, weitergeführt zu werden. Das soll Israel von den Völkern unterscheiden, unter denen es sich niederlässt. Mein Leben als Altar aus unbehauenen Steinen? Es ist dann ein Leben, das dafür offen bleibt, immer offen bleibt, von Gott behauen, von Gott gestaltet zu werden. Fragment – ein Leben, das Gottes Wirken ausgesetzt bleibt. Aus unbehauenen Steinen sollst du den Altar des Herrn, deines Gottes, bauen und dem Herrn, deinem Gott, sollst du Brandopfer bringen. Mit den Bruchstücken meines Lebens, wie sie auch aussehen, will ich immer wieder dem Herrn einen Altar bauen! Quellen: |
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