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Predigt zum Ostersonntag 23.3.2008 (Corinne Gossauer-Peroz)
Auferstehung
(Johannes 11, 18-45)
Auferstehung ... Ich weiss nicht, was dieses Wort in Ihnen auslöst. Wir glauben an die Auferstehung, aber es ist etwas, das uns vielleicht theoretisch erscheint. Etwas, das wir uns nur schwer vorstellen können. Etwas Geheimnisvolles, für nachher, etwas für spätere Zeiten, nach dem Tod ... Wir feiern heute Morgen den auferstandenen Christus, aber ich möchte bei einer Auferstehung innehalten, die durch Christus vollbracht wurde, jene seines Freundes Lazarus ...
Auferweckung des Lazarus Johannes 11, 18 bis 45
18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. 20 Marta nun, als sie hörte, dass Jesus komme, ging ihm entgegen. Maria aber sass zu Hause. 21 Da sagte Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiss ich: Alles, was du von Gott erbitten wirst, wird Gott dir geben. 23 Jesus sagt zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, 26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das? 27 Sie sagt zu ihm: Ja, Herr, jetzt glaube ich, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.
28 Und als sie dies gesagt hatte, ging sie fort und rief Maria, ihre Schwester und sagte heimlich zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich. 29 Jene aber, als sie das hörte, stand rasch auf und ging zu ihm. 30 Jesus war noch nicht ins Dorf gekommen, sondern befand sich noch an dem Ort, wo Marta ihm begegnet war. 31 Als nun die Juden, die bei ihr im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass Maria rasch aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.
32 Maria nun, als sie dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, warf sich ihm zu Füssen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 33 Als Jesus nun sah, wie sie weinte und wie auch die Juden, die mit ihr gekommen waren, weinten, war er im Innersten empört und erschüttert 34 und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sagen zu ihm: Herr, komm und sieh! 35 Jesus weinte. 36 Da sagten die Juden: Seht, wie lieb er ihn gehabt hat! 37 Einige von ihnen aber sagten: Konnte er, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht auch machen, dass dieser nicht stirbt?
38 Jesus nun, von neuem zutiefst empört, kommt zum Grab. Es war eine Höhle, und davor lag ein Stein. 39 Jesus spricht: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagt zu ihm: Herr, er stinkt schon, denn er ist vier Tage tot. 40 Jesus sagt zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42 Ich wusste, dass du mich allezeit erhörst, jedoch um des Volkes willen, das da ringsum steht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. 43 Und als er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Der Tote kam heraus, seine Füsse und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweisstuch bedeckt. Jesus sagt zu ihnen: Befreit ihn und lasst ihn gehen! 45 Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatte, was er getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.
1) Das Wunder: Dieses Mal sind die beiden Schwestern Martha und Maria einer Meinung! Die Traurigkeit hindert sie jedoch nicht, den gleichen Vorwurf an Jesus zu machen: «Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben» (Johannes 11,21 und 32 Zürcher Bibel). Wie gut können wir sie doch verstehen! Hier, in dieser Trauer erlebt Jesus selber, was für eine Bedeutung eine menschliche Beziehung hat. Er weiss um die Kraft und die Zärtlichkeit einer seelischen Beziehung, die die Menschen verbinden kann. Lazarus war sein Freund. Johannes beobachtet und beschreibt den Schmerz, den Jesus verspürte. Vers 33: «Als Jesus nun sah, wie sie weinte und wie auch die Juden, die mit ihr gekommen waren, weinten, war er im Innersten empört und erschüttert.»
Christus weint, obwohl er weiss, dass er ein Wunder vollbringen wird. Er nähert sich dem Grab: «Es war eine Höhle, und davor lag ein Stein. Jesus spricht: Nehmt den Stein weg!» (Vers 39). Am Ostermorgen wird sich Maria, wenn sie sich dann dem Grab nähert, fragen: «Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?» (Markus 16,3 Zürcher Bibel)
Als der Stein dann weggetragen ist, betet Jesus. Hören Sie gut zu: Bevor das Wunder stattgefunden hat, sagt er: «Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich allezeit erhörst» (Verse 41 und 42a Zürcher Bibel). Jesus spricht in der Vergangenheitsform, so, als ob das Wunder schon stattgefunden hätte. WEIL das Wunder schon stattgefunden hat! Gott ist ein Gott des Lebens. Ein Gott, der das Leben immer wieder schenkt! «Jesus rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!» (Vers 43)
Komm heraus! Das ist mehr als nur eine freundliche Einladung, das ist ein Aufruf zum Leben! Aber das Leben geht durch den Tod hindurch. Die Hoffnung und die Auferstehung gehen durch den Tod hindurch. Lazarus kommt heraus und nähert sich mit den Binden, die seinen Körper immer noch umhüllen. Diese Binden, die ihn noch zurückhalten. «Jesus sagt zu ihnen: Befreit ihn und lasst ihn gehen!» (Vers 44).
2) In unseren eigenen Gräbern: Im Licht dieses Textes und in der Macht der Auferstehung, die ihm Zentrum ist, möchte ich, dass wir eine Verbindung zu unserem eigenen Leben machen ... Simone Pacot, hat Bücher geschrieben, hält Vorträge und begleitet Menschen zum Thema : «Innere Heilung». Dieser Satz von Simone Pacot drückt das aus, was sich in unserem Leben ereignen kann: Es ist nicht, weil man einfach lebendig ist, dass man das Leben erwählt hat.» Natürlich sind wir am Leben, aber manchmal können wir uns in unserem Inneren befinden ... wie in einem Grab Wir sind am Leben, aber unser Herz, unser Körper, unsere Gefühle können Gefangene von so vielen Dingen sein. Gefangene von
Gefühlen, die wir nie ausgedrückt haben
Leiden, die wir nie in Betracht gezogen haben
verborgenen Verletzungen
Scham
Schuldgefühlen
Bitterkeit ...
So viele Gefühle, die uns zerfressen und zu einem langsamen Tod führen ... Nicht zu einem physischen Tod, aber zu einer Form von innerer Traurigkeit oder Entmutigung, die das Leben daran hindert, zu wachsen und sich zu entfalten.
Sich seinen Empfindungen und Gefühlen zu stellen, ist ein Schritt, der vielen Menschen Angst macht ... Es ist einfacher zu sagen: «Ja, ja, es geht ...» «Es ist in Ordnung ...» oder «Es ist nur, weil die anderen ...» Aber weil das Leben durch den Tod hindurch geht, muss man zuerst in diese dunklen und schwierigen Zonen hineingehen. Diese Zonen, die «nicht gut riechen», die «stinken» ...
Nein, die Auferstehung ist nicht etwas Geheimnisvolles, etwas nur für eine spätere Zeit ... Die Einladung, in dieses reichhaltige Leben einzutreten, das Gott uns vorschlägt, ist schon für heute gültig. Er kommt mitten in unsere inneren Schmerzen hinein, um uns ein Wort des Lebens und der Hoffnung zu sagen. Es sind unsere inneren Gräber, in die hinein Christus unsere Vornamen ausspricht und uns bittet, herauszukommen.
3) Aber im Innern unserer Gräber sind uns Menschen, die wir sind, zwei grundlegende Gefahren gemeinsam. In ihren Büchern und in ihrer Art, Menschen zu begleiten, beschreibt Simone Pacot diese zwei Gefahren so:
- wir übergehen Gott
- wir halten uns für Gott.
Simone Pacot sagt: «Wir übergehen Gott, indem wir auf seine Geschenke verzichten. Indem wir uns ausserstande fühlen, so geliebt zu werden, wie wir sind, in dem Zustand, in dem wir uns befinden. 'Ich bin unwürdig, wie könnte Gott sich für mich interessieren?' Indem wir allein mit unserer Existenz fertig werden wollen und völlig unterschätzen, dass wir wirklich Kinder Gottes sind. Wir übergehen Gott, indem wir nicht mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten noch in der Gnade zu leben verstehen, die uns dann geschenkt wird, wenn wir Hilfe nötig haben. Wir übergehen Gott, indem wir einen Menschen, eine Sache, eine Situation an die Stelle von Gott setzen. Wir übergehen Gott, indem wir Eigentümer unseres Lebens, unserer Gaben, unserer Projekte werden, anstatt sie aus den Händen Gottes zu empfangen.» (aus: «Evangelisation des profondeurs» Seite 51, deutsche Ausgabe: «Evangelisierung bis in die Tiefen des Herzens», S. 48)
Und sie fährt fort: «Wir halten uns für Gott, vorwiegend, indem wir nicht akzeptieren, dass uns irgendetwas entgeht, indem wir jede Situation beherrschen, jeden Menschen im Griff haben wollen; indem wir es ablehnen, mit unseren Grenzen konfrontiert zu werden, Bedürfnisse, Schwächen, Störungen mit zu berücksichtigen; indem wir weder Niederlagen noch Rücktritte, noch Stürze und Rückfälle annehmen; indem wir Perfektion im Sinne von Unfehlbarkeit anstreben; indem wir meinen, die Wahrheit zu besitzen; indem wir jegliche Infragestellung zurückweisen. Wir halten uns für Gott, wenn wir versuchen, die Hand auf ihn zu legen, das Wort Gottes für unsere eigenen Interessen zu manipulieren.» (Seite 51 französisch / Seite 49 deutsch).
Aus diesem Grab herauszukommen, von dort, wo wir Gott übergehen und wo wir uns für Gott halten, das bedeutet, der Stimme von Christus zu antworten, der uns ruft. Er ruft uns auf, das Leben zu wählen!
Im Alten Testament hört Gott nicht auf, das Volk Israel zu ermutigen, das Leben und nicht den Tod zu wählen ... 5. Mose 30, 19 (Zürcher Bibel): «Ich rufe heute den Himmel und die Erde an als Zeugen gegen euch: Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und den Fluch; erwähle nun das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen ...»
Gott ist ein Gott, der kommt, um das Leben immer wieder zu schenken. Um das zu erreichen, macht er immer den ersten Schritt! Dieser erste Schritt ist immer eine ausgestreckte Hand, ein Herz, das empfängt und voller Liebe ist.
4) Aus unserem Grab herauskommen:
Um aus unserem Grab herauszukommen, müssen wir hinhören. Hören auf die Stimme von Jesus, die unseren Vornamen ausspricht und uns einlädt, herauszukommen. Um aus unserem Grab herauszukommen, müssen wir mit den geringen Kräften, die uns bleiben, ganz bewusst die Wahl des Lebens und nicht des Todes oder der Entmutigung treffen.
Um aus unserem Grab herauszukommen, muss jemand den Stein wegnehmen. «Es war eine Höhle, und davor lag ein Stein. Jesus spricht: Nehmt den Stein weg!» (Vers 38b und 39 Zürcher Bibel). Dieser Stein, der den Eingang blockiert. Ein weggeräumter Stein, das geschieht uns oft, davon können wir alle Zeugnis ablegen! Das ist der Heilige Geist, der zu unserem Geist spricht und die Tröstung hineinströmen lässt, wo vorher Angst und Zweifel bestanden. Es ist der Heilige Geist, der Licht und Kraft bringt. Der weggeräumte Stein, das ist manchmal ein Mann, eine Frau, die da ist, ganz nahe bei uns. Kraft und Unterstützung der menschlichen Beziehungen, die helfen können, ein schweres Gewicht zu tragen oder einen Stein wegzurollen.
«Lazarus, komm heraus!» heisst: «Verlass dein Grab, deinen Ort des Todes.» Jesus hält uns diese Einladung entgegen, die eine Rückkehr zum Leben bedeutet. Seiner Stimme zu antworten, aufzustehen und herauszukommen bedeutet nicht, dass die Umstände sich ändern werden oder dass die Situation anders wird. Als Jesus in seine Passion eingetreten ist, hat er die Umstände nicht verändert, aber im Zentrum seines Leidens hat der das Mittel gefunden, das Leben weiterzugeben.
Nein, Christus ist nicht vor der Prüfung und dem Leiden geflüchtet. Simone Pacot sagt: «Er lehrt uns, vor keiner Etappe unseres Lebens zu flüchten, sondern bis zum Schluss dessen zu gehen, was wir zu durchleben haben. Sei es eine Zeit der Freude oder eine Zeit der Prüfung. Voll in der Gegenwart mit ihm und in ihm zu leben, in der Schwerfälligkeit unseres Lebens, wird eine Frucht des Lebens tragen ... Die Tatsache, dass Jesus seine reale Verletzbarkeit in der Form einer inneren Nacht auf sich genommen hat, ist für jeden einzelnen Menschen eine tief greifende Befreiung» (Simone Pacot, Band 3, S. 336, Karfreitag).
Johannes 12,24 (Zürcher Bibel): «Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.»
Schluss: Mein grösster Wunsch mit diesen Überlegungen an diesem Ostersonntagmorgen ist, uns erneut zu sagen, dass Jesus das Lebens und die Auferstehung ist, mitten in den Strömungen, die uns zum Tod hin ziehen möchten. Jesus, die Macht des Lebens in unseren Lebensumständen und in unseren inneren Gräbern ... Aber es liegt an uns, das innere Leben oder den inneren Tod zu wählen.
An diesem Ostersonntagmorgen geht es mir überhaupt nicht darum, den Sieg, der die Auferstehung von Jesus ist, auf die gleiche Ebene zu stellen wie unsere eigenen inneren Auferstehungen ... Die Auferstehung von Jesus ist ein Sieg für Zeit und Ewigkeit!
Die beiden Auferstehungen, ich meine damit die von Jesus und von Lazarus, sind nicht vergleichbar! Lazarus bleibt – obwohl vom Tod auferstanden – zum Tod verurteilt, wenn seine Stunde kommen wird. Jesus, vom Tod auferstanden, ist Träger der Ehre Gottes! Sein auferstandener Körper gehört nicht mehr zu unserer Welt, auch nicht mehr zu unserem Raum und unserer Zeit. Er ist Träger des Geheimnisses, das Gott ist, des Mysteriums, das die Auferstehung bedeutet!
«Die Auferstehung wie auch das Kreuz ist ein Kampf, ein Sich-Losreissen vom Bösen», sagt Adolphe Gesché. Das zu glauben genügt nicht! Man muss glauben und sein Vertrauen in diesen Gott des Lebens setzen! Und man muss sich der Kraft des Heiligen Geistes öffnen, dem es möglich ist, einen einzelnen Menschen vom Tod wieder zu Leben zu bringen. In Römer 8,11 (Zürcher Bibel) heisst es: Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten aufgeweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.»
Auf die Einladung von Jesus zu antworten, das bedeutet aufzustehen, herauszukommen und auf das Licht zuzugehen ... Das heisst, unsere Abschirmung und unsere Argumente fallen zu lassen, um so wie wir sind, zu Jesus zu kommen. Das bedeutet, sich in Bewegung zu setzen, aufzustehen ... aus seinem Grab herauszukommen ... um zu Christus zu kommen. Das heisst, hinzuhören, wie er uns mit unserem Vornamen anspricht ... «Corinne, komm heraus ...»
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