An einem schönen Morgen wie heute ist Jesus also in Jerusalem eingezogen. Das ist viel mehr als einfach eine Tatsache unter anderen, die früher einmal geschehen ist, mehr sogar als ein geschichtliches Ereignis, denn Jerusalem, das war die Hauptstadt, der Ort, wo sich die wichtigen Dinge abspielten. Jesus hatte sein Wirken in den abgelegenen Ecken auf dem Lande in Galiläa begonnen und er beschliesst es, indem er sich auf den Weg nach Jerusalem macht, die grosse Stadt, wo er mit einem umjubelten Einzug empfangen wird. Verglichen mit der Schweiz, wäre das, als hätte er sein Wirken in einem kleinen, verlorenen Bergdorf im Wallis begonnen, um am Schluss seinen Einzug in Zürich auf der Bahnhofstrasse zu feiern.
Mit seinem Einzug in Jerusalem, bricht Jesus also auch gerade in unser Leben ein, in mein Leben, in Ihr Leben. Er will in unsere Existenz eintreten und uns hinterfragen, welchen Empfang wir bereit sind, ihm zu geben. Jesus will in unserem Leben eine Rolle spielen!
Ein nackter König
Er will bei uns einziehen als ein König! Ein König! Was will das heissen – und welche Art von König? Um das besser zu verstehen, schlage ich vor, dass wir ein Märchen von Andersen hören, das uns als Gleichnis dienen kann:
Des Kaisers neue Kleider (nach einem Märchen von Hans Christian Andersen)
Es war einmal ein König. Ein König, der eine ganz besondere Vorliebe für schöne Kleider hatte. Eines Tages erschienen zwei Betrüger im Palast, die sich als Weber der feinsten Seide der Welt vorstellten. Ein Stoff so fein, dass nur intelligente und kompetente Leute im Umgang damit fähig waren ihn zu sehen. Der König bestellte und zahlte ihnen im Voraus ein Kleid für seinen nächsten öffentlichen Auftritt.
Die Betrüger machten sich sofort an die Arbeit und webten Meter um Meter der imaginären Seide. Der König sandte seine Diener, um das Voranschreiten der Arbeiten zu überwachen. Diese machten sich Sorgen, weil sie nichts sahen. Sie wagten aber kein Wort zu sagen, aus Angst, als dumm oder inkompetent zu erscheinen. Ja, sie berichteten dem König in schmeichelhaften, lobenden Worten über die unvorstellbare Feinheit des Stoffes.
Alle spielten das Spiel mit, sogar der König, am Tag, als er das so genannte prächtige Kleid anzog, und sogar die Volksmenge, als er in diesem Aufzug unter lauten Bravorufen vorbeizog. Es war ein Kind, das die ganze Atmosphäre unterbrach, als es plötzlich, in seiner kindlichen Naivität, mitten im Umzug laut rief: «Aber er hat ja gar nichts an, der König ist ja ganz nackt!»
Allen fiel es wie Schuppen von den Augen und plötzlich war es offensichtlich, was sich keiner hatte anmerken lassen wollen, dass eigentlich nichts zu sehen war als ein nackter König. Dieser zog sich, so würdig als möglich, in seinen Palast zurück. Doch die beiden Betrüger waren natürlich bereits auf und davon... mit dem Geld ihres Schwindels.
«Der König ist ja ganz nackt!» Halten wir diesen Ausruf fest, wenn wir an unsere Geschichte denken, den Einzug von Jesus in Jerusalem. Wir wollen uns auch an die Episode erinnern, die uns im Alten Testament erzählt wird, als der König David, der grösste König der Geschichte Israels, 1000 Jahre vor Christus, in einem feierlichen Zug die Bundeslade, dieses heilige Symbol der Gegenwart Gottes, nach Jerusa-lem, seiner neu eroberten Hauptstadt führte und in Verzückung vor ihr her tanzte, halbnackt vor den Augen der Menschenmenge und seiner Frau Michal. Da war sie es, die Tochter des vorhergehenden Königs Saul, die ausgerufen hatte: «Der König ist nackt!», als sie David durch das Fenster des Palastes erblickte, und sie eilte hinunter ihm entgegen, um ihm den Spott seines Verhaltens vor Augen zu halten:
2. Samuel 6
(20) Als aber David heimkam, seinem Haus den Segensgruss zu bringen, ging Michal, die Tochter Sauls, heraus ihm entgegen und sprach: Wie herrlich ist heute der König von Israel gewesen, als er sich vor den Mägden seiner Männer entblösst hat, wie sich die losen Leute entblössen!
(21) David aber sprach zu Michal: Ich will vor dem HERRN tanzen, der mich erwählt hat vor deinem Vater und vor seinem ganzen Hause, um mich zum Fürsten zu bestellen über das Volk des HERRN, über Israel, (22) und ich will noch geringer werden als jetzt und will niedrig sein in meinen Augen; aber bei den Mägden, von denen du geredet hast, will ich zu Ehren kommen.
Der König ist nackt! .... Gering.... Niedrig!
Der Einzug in Jerusalem
Kommen wir zurück zu Jesus, der mit seiner kleinen Truppe von Jüngern seinen Einzug in Jerusalem vorbereitet um die Jahre dreissig unserer Zeitepoche. Es bleibt kein Zweifel über seine Absichten: Dieser Mann, der aus einem kleinen, unbedeutenden Dorf in Galiläa stammt, dieser Mann, der – wenn wir es wagen zu sagen – mit nichts begann, erzwingt seinen Einzug in die geistliche Hauptstadt der Welt, indem er sich als König darstellt, und nicht als irgendeinen König, sondern als Messias: der von den heiligen Schriften des Volkes Israel angekündigte, erwartete König, derjenige, der kommen soll, um die Welt zu verändern und im Namen Gottes Frieden, Gerechtigkeit und Glück aufzurichten für alle Menschen. Jesus hat für diesen Einzug seine Symbole sorgfältig ausgewählt:
1. Zuerst zieht er vom Ölberg los, von dort, so sagt uns der Prophet Sacharja, wird der Messias kommen!
Sacharja 14
(4) Und seine Füsse werden stehen zu der Zeit auf dem Ölberg, der vor Jerusalem liegt nach Osten hin. ...(5) ... Da wird dann kommen der HERR, mein Gott, und alle Heiligen mit ihm.
2. Dann lässt Jesus eine Eselin und sein Füllen holen: «Der Herr bedarf seiner!» sagen die Jünger dem Besitzer der Tiere, so klar und offensichtlich ist das, und bevor jener sich von seiner Überraschung erholt hat, haben sie die Esel schon weggeführt! Auch da ist es der Prophet Sacharja, der ankündigt, dass der Messias kommen wird, wie...
Sacharja 9
... ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.
3. Das dritte Symbol: Jesus wird auf dem Weg von der Menge seiner Anhänger bejubelt, und sie singen die traditionellen, königlichen Psalmen von Israel, die sich auf das Kommen des Messias beziehen!
Psalm 118
(25) O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen! (26) Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid.
Der hebräische Ausdruck, im Griechischen mit 'Hosianna' wiedergegeben, bedeutet «Herr, hilf». Es wurde ein Ausdruck des Lobpreises, doch seine Wurzel liegt in diesem Ruf nach Hilfe.
4. Und schliesslich – und das ist der Gipfel: Kaum ist Jesus in die Stadt eingetreten, eilt er auf den Tempelvorplatz:
Matthäus 21: Die Tempelreinigung
(12) Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stiess die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler...
Das ist noch eine Andeutung auf die heiligen Schriften, die verkünden, dass am Tage des Herrn kein einziger Händler im Tempel Gottes für alle Völker sein wird, denn...
(13) und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): «Mein Haus soll ein Bethaus heissen»; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.
Diese vier Symbole weisen eindeutig auf Jesus als den von den Schriften angekündigten Messias hin! Aber Achtung! Hinzu kommt, dass Jesus, mit seinem Handeln und seinen königlichen Symbolen und mit der ganzen Art und Weise, wie sich sein Einzug abspielt, klar herausstellt, was für ein Bild er sich als König geben will und dies in einem Sinne, der alle verblüfft. Ja, das ist das Erstaunlichste der ganzen Geschichte: Jesus zieht wie ein König in die Stadt ein, aber – um das von Andersen's Märchen entliehene Bild wieder aufzunehmen – wie ein nackter König! Nicht ohne Kleider (zumindest noch nicht!)... es kommen ja viele Kleider vor in dieser Geschichte: dasjenige, das Jesus trug, diejenigen, welche die Leute auf die Esel legten, diejenigen, welche sie auf dem Boden ausbreiteten wie einen roten Teppich ... Aber Jesus, so will ich sagen, ist wie ein nichtiger, lächerlicher König zu uns gekommen, ohne Macht und ohne Zier, «ein nackter König!». Das stimmt mit dem Bild seiner Geburt in einer Krippe überein und mit dem Christuslied im Philipperbrief 2, 5-11, das von der Menschwerdung von Gottes Sohn spricht.
Jesus – ein nackter König!
Wie zeigt uns Jesus das Bild eines nackten Königs?
1. Da ist zuerst die Sache mit den Eseln: Sie müssen zugeben, als königliches Transportmittel haben wir schon Besseres gesehen. Also auf der Bahnhofstrasse wäre eine offene Karosse mit einem Gespann von zehn Pferden oder eine lange, eskortierte Limousine eher angebracht. Ein Esel, das ist das Tier, das jeder Bauer brauchte, um auf den Markt zu gehen oder am Brunnen Wasser zu holen. Dazu präzisiert die Schriftstelle, die aussagt, der Messias komme auf einem Füllen reitend, dass er als ein sanfter, armer König kommt, ohne Gewalt und ohne repressive Macht. Eben, wie ein nackter König!
2. Das zweite Zeichen: Ein Profi der Kommunikation würde uns sagen, dass man sich, bevor man eine Wahlkampagne als Präsident oder gar König lanciert, vielleicht zuerst bekannt machen und sich ein Markenzeichen fabrizieren sollte. Mit seinen zwölf Jüngern war er noch weit weg von den ein- oder zweitausend Delegiertenstimmen, die ein amerikanischer Präsidentschafts-kandidat braucht. Er, der Unbekannte aus dem Hinterland von Galiläa landet in der grossen Stadt. Klar, dass die Leute von Jerusalem über diesem Aufzug erstaunt sind und fragen: «Wer ist denn dieser Mann? Was will denn der noch?» Und die Anhänger von Jesus antworten: «Ah! Wisst ihr denn nicht? Das ist doch der Prophet Jesus! ... natürlich, von Nazareth in Galiläa!» Da spotten die Leute, wenn sie Galiläa hören, denn man weiss ja: Was kann von Galiläa schon Gutes kommen? Kein Prophet ist je von Galiläa hervorgekommen (Johannes 1,46 und 7,46-52). Und der soll ein König sein? Ein wertloser, lächerlicher König, der gar nichts ist, ein nackter König!
3. Schliesslich das letzte Zeichen: Es gibt doch Leute in Jerusalem, die sich nähern und sich für diesen seltsamen König interessieren, ja ihm nachfolgen:
Matthäus 21: Die Tempelreinigung
(14) Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie.
(15) Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich (16) und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): «Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet»?
Blinde und Lahme empfängt Jesus im Tempel und heilt sie. Und Kinder sind sein Fanklub und singen im Chor die Worte der Anhänger: «Hosianna dem Sohn Davids!» Das ist also die ganze Hofstatt des neuen Königs, eine armselige, wundersame Hofstatt! Eine würdige Hofstatt für eben genau einen nackten König!!
Abschluss
Hier ist also die klare, unvermeidliche Frage, welche der Einzug von Jesus in Jerusalem an jenem Morgen jedem, jeder von uns auch heute noch stellt: Will ich auch zu dieser Hofstatt gehören? Will ich mich diesen Anhängern anschliessen, diesen Blinden, Lahmen und Kindern, um aus diesem nackten König meinen König zu machen?
Bevor wir antworten, werden wir von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten in Jerusalem gewarnt. Sie, sie haben sehr wohl verstanden, was es mit dem Einzug «dieses nackten Königs» in ihren Einflussbereich auf sich hatte: In ihren Augen war er inakzeptabel, zu viele Interessen, die ihnen wichtig waren, wurden davon bedroht, zu viele Werte, die sie verteidigten ... Es heisst also: Achtung! Wie die Bibel uns sagt: Der Diener ist nicht grösser als sein Meister, der Untergebene nicht grösser als sein König. Wenn unser König nackt und bloss ist, heisst das grundsätzlich, dass wir es auch sind, wenn wir ihn empfangen: arm, ohne Macht, ohne Zier. Und wenn wir den Einzug dieses nackten Königs in unser Leben, in unseren Einflussbereich und in unsere Wertevorstellungen akzeptieren, dann wird er unser ganzes Leben einnehmen, erobern, denn er will unser ganzes Leben, der König! Aber können wir uns so blossstellen?
Um uns zu helfen, den nackten König wirklich zu empfangen, schlage ich Ihnen vor, die Geste des Volkes beim Einzug von Jesus zu betrachten:
Matthäus 21
(8) Aber eine sehr grosse Menge breitete ihre Kleider auf den Weg;
und im Vers
(3) Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer.
Den nackten König empfangen, heisst ganz einfach, das, was wir haben vor ihm ausbreiten und sich von der Priorität leiten lassen: Der Herr bedarf ihrer ...!
Das ist auch eine Geste, die uns hilft, im richtigen Sinn 'Teilen und Beten' zu erleben und Jesus nachzufolgen.