Seelsorge, Predigten

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Heilsarmee Zürich Zentral  

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Predigt zum 3.2.2008 (Corinne Gossauer-Peroz)

Zerbrechlichkeit, Schwachheit
(Philipper 2, 5-11)

Seid so gesinnt, wie es eurem Stand in Christus Jesus entspricht:
Er, der doch von göttlichem Wesen war, hielt nicht wie an einer Beute daran fest, Gott gleich zu sein, sondern gab es preis und nahm auf sich das Dasein eines Sklaven, wurde den Menschen ähnlich, in seiner Erscheinung wie ein Mensch.
Er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
Deshalb hat Gott ihn auch über alles erhöht und ihm den Namen verliehen, der über allen Namen ist, damit im Namen Jesu sich beuge jedes Knie, all derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und jede Zunge bekenne, das Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
(Philipper 2, 5-11/Zürcher Bibel)

Dieser Abschnitt trägt die Überschrift: «Niedrigkeit und Erhöhung Christi». Erlauben Sie mir, einige Fragen zu stellen, die ich Ihnen zum Nachdenken überlassen möchte. Hören Sie auf diese beiden Begriffe: Stärke und Schwachheit. Welchen ziehen Sie vor?

Wenn man Ihnen zwei Bücher mit den folgenden Titeln vorgestellt hätte: «Die Stärke Gottes» und «Die Schwachheit Gottes», welches würden Sie auswählen?

Ist Gott für Sie ein starker Gott oder ein schwacher Gott? In Ihrem Alltag, angesichts des körperlichen Leidens, angesichts der Nöte, die unser Herz berühren: An welchen Gott glauben Sie? Ist er stark oder ist er schwach?

1) Stärke und Schwachheit, welchen dieser Begriffe ziehen Sie vor? Natürlich wünscht niemand Schwachheit, in welcher Form auch immer sich diese Schwachheit zeigt! Und in welchem Alter wir uns auch befinden mögen, wenn Schwachheit durchlebt, ertragen und durchgestanden werden muss, kann sie nur Respekt einflössen.

Das Wort «Zerbrechlichkeit» begleitet mich seit Monaten auf eine spezielle Art, nämlich im Zusammenhang mit der Zerbrechlichkeit, die ich bei kranken und betagten Menschen erlebe. Aber im Grunde genommen kann Zerbrechlichkeit uns zu jedem Zeitpunkt treffen. Die Zerbrechlichkeit ist überall. Sie kann sich materiell, finanziell, physisch oder psychisch zeigen, sie kann Beziehungen oder uns persönlich betreffen ... Sie ist in der Gesellschaft präsent, sie kann in den Unternehmen, in denen Sie arbeiten, auftreten, sie ist in unseren Familien und unserem persönlichen Leben vorhanden. Aber die Medien mit ihren Diskursen wollen täglich diese Zerbrechlichkeit vor uns verbergen ... Man muss stark, mächtig, kompetent sein ... Man muss jung, schön und bei guter Gesundheit bleiben. Zum Glück gibt es auch eine Strömung des Denkens wie auch der Literatur, die ihre Stimme hören lässt und den Lobgesang der Schwachheit anstimmt.

Aber seien wir ehrlich. Machen wir es nicht wie die Gesellschaft? Alles in uns will sich eher stark als schwach zeigen ... Denn als wir noch Kinder waren, hat man uns gesagt, man solle nicht weinen, man soll stark und mutig sein ... Im Zuge meiner Überlegungen habe ich begriffen, dass ich die Zerbrechlichkeit dem Begriff Stärke vorziehe, da sie mir erlaubt, authentisch, aufrichtig und ehrlich zu sein. Ich habe Stärke nicht gern, weil sie oft allzu spektakulär und oberflächlich ist ...

Wenn ich Kinder gehabt hätte, dann vermuten Sie richtig, dass ich ihnen nicht gesagt hätte, man dürfe nicht weinen! ... Ich hätte ihnen viel eher gesagt, stark sein bedeute, lachen – auch über sich selbst – und weinen zu können. Mit einem Lächeln hätte ich ihnen diesen so einfachen Satz von Doktor Paul Tournier gesagt: «Wir sind alle schwach in Bezug auf die einen Menschen und stark in Bezug auf andere. In Wirklichkeit zeigen wir immer wieder, je nach Gelegenheit, starke oder schwache Reaktionen»(Aus: Les forts et les faibles/Die Starken und die Schwachen, Seiten 12 und 16).

Ich hätte versucht, meinen Kindern beizubringen, keine Angst vor ihrer eigenen Zerbrechlichkeit, der inneren oder der körperlichen, zu haben. Sie erkennen, sie benennen und mit ihr leben zu können, das bedeutet stark zu sein! Sie erkennen und den Herrn sein Werk in dieser Schwachheit vollbringen zu lassen, das bedeutet stark zu sein. Und dann hätte ich versucht, ihnen zu erklären, dass man während des ganzen Lebens in seinem Herzen verletzte Zonen entdeckt, Zonen in uns, die mehr von Zerbrechlichkeit als von Stärke sprechen ... Und die uns plötzlich in eine tiefe Erfahrung der Schwachheit fallen lassen können, die aber nicht als «abnormal» bezeichnet werden darf. In seinem Buch «Die Starken und die Schwachen» unterstreicht Dr. Paul Tournier, dass – und hier zitiere ich – «das grundlegende Problem von ALLEN Menschen diese moralische Not ist, die sie hinter einer schwachen oder starken Haltung verstecken» (Seite 22).

Ja, ich hätte meinen Kindern auch noch gesagt, dass der Starke nicht der ist, der die Stärke benützt. Sondern dass der Starke der ist, der seiner Schwachheit ins Auge sieht und sich Mittel beschafft, um über sie hinauszuwachsen. Stark ist, wer einen Freund oder eine Vertrauensperson findet, um darüber zu sprechen. Das ist ein Austauschen mit anderen und – indem er merkt, dass die anderen auch ihren Weg finden müssen, kann er stark werden. Und schliesslich hätte ich ihnen gesagt, die wirkliche Stärke, die ist Gott! Er ist die Zuflucht und die Burg, die wir nötig haben: Viele Psalmen ermutigen uns, in ihm unser Zentrum der Stabilität zu finden.

2) Stärke und Schwäche. Mit diesen beiden Begriffen habe ich begonnen. Diesen beiden Begriffen möchte ich einen weiteren anfügen: Gemeinschaft. In unseren Stärken und unseren Schwachheiten sind wir zur Gemeinschaft aufgerufen. Gemeinschaft untereinander, Gemeinschaft mit Gott. Wir sind aufgerufen, uns den andern zu öffnen und uns Gott zu öffnen.

- Uns den andern öffnen: Letzthin hat jemand zu mir gesagt: «Wir kommen jeden Sonntag in Uniform hierher, alles scheint schön und perfekt zu sein. Niemand sagt: Ich habe ein Problem.» ... Und ich möchte anfügen: «Aber niemand hat je gesagt, dass alles schön und perfekt ist und dass es keine Probleme gibt!» Wir treffen uns jeden Sonntag mit den Stärken und Schwachheiten/Schwächen, die an jedem Tag der Woche zu uns gehören! Und trotz des Anscheins können weder die Uniform noch «das Sonntagslächeln» sie zum Verschwinden bringen! Es gehört zur Verantwortung von jedem und jeder Einzelnen, die eigenen Stärken oder Zweifel zu benennen oder aufzuzeigen. Aber wir müssen auf die anderen zugehen, mit aller Aufrichtigkeit reden. Eines ist sicher: In unserer Stärke und unserer Schwachheit sind wir aufgerufen, unsere gemeinsame Menschlichkeit zu entdecken, die eine Solidarität ist und sein muss. Ja, unsere Stärken und unsere Schwachheiten sind sich ähnlich und sollten uns einander näher bringen ...

- Uns Gott öffnen: damit er uns erneut sagen kann, wie nahe er uns in Jesus ist und wie sehr er uns versteht; wie gross sein Erbarmen ist. Als ich über das Wort «Zerbrechlichkeit» nachdachte, ist mir noch etwas anderes sehr wichtig geworden. Mit den Jahren (ja, das kann ich auch schon sagen!) hat sich ein Bild von Gott in mir bestärkt, das ich von ihm schon lange hatte. Gott ist es, dem alle Macht gehört. Er ist es, der Jesus zum Leben erweckt hat, das heisst, seine Macht ist gross. Gott ist derjenige, dem Ruhm und Ehre gebühren. Aber der Gott, den ich immer besser erkennen und lieben lerne, ist durch Jesus Christus zum Menschen geworden.

Was mich beeindruckt bei Gott, das ist seine Demut! Ja, diese offensichtliche Schwachheit Gottes beeindruckt mich mehr als seine Macht! Er könnte Macht ausüben, aber er braucht eine einzige Macht, und die heisst Liebe. Er könnte uns verstossen, aber er gibt uns seinen Sohn, durch den wir Zugang zu ihm haben. Jesus, der uns verstehen kann und zu uns in unsere Zerbrechlichkeit kommt. Und ich möchte sagen: Jesus hat seine Zeit auf der Erde mit Menschen zugebracht, die physische und psychische Grenzen hatten ... Zerbrechlichkeiten ganz verschiedener Art ... Das hat übrigens jene Menschen irritiert, die glaubten, ihnen seien keine Grenzen gesetzt ... Hören Sie, was in Matthäus 9, 11-13/ZB steht : «Und es geschah, als Jesus im Haus bei Tisch sass, dass viele Zöllner und Sünder kamen und mit Jesus und seinen Jüngern bei Tisch sassen. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Er hörte es und sprach: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Geht aber und lernt, was es heisst: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Was die Evangelien mir zeigen, das ist ein Christus, der sich jenen zur Seite stellt, die leiden, jenen, die wenig Macht und Stärke haben. Der Christus, den ich liebe, das ist der Christus, der sich von jedem Menschen berühren lässt ... Der sich von jenem Blinden drängen lässt, der ihn auf dem Weg, auf dem Jesus vorübergeht, anruft und ihn um Heilung bittet. Der Christus, den ich liebe, das ist dieser Christus, der sogar soweit geht, einen Aussätzigen zu berühren, den alle anderen zurückgestossen haben. Christus, der nicht Angst hat, jemanden mit seinen Händen zu berühren, den sonst niemand mehr angerührt hat.

Der Christus, der uns in den Evangelien gezeigt wird, das ist ein Christus, der mit unserer Armseligkeit und unserer Zerbrechlichkeit solidarisch ist. Er ist kein Super-Held, sondern er ist der Arme im wahrsten Sinn des Wortes! Eine Armut, die bei seiner Geburt beginnt, auf Heu und Stroh – und beim Kreuz endet. Aber Achtung: Machen wir aus Jesus nicht einen Menschen, der das Leiden sucht ... Nein, er hat gelitten, weil er sich immer Sorgen um die anderen gemacht hat. Weil er die anderen in der Liebe des Vaters treffen und ihnen sagen wollte, wie sehr Gott sie liebe. Er hat sich der Zerbrechlichkeit der Menschen ausgesetzt, und sie liessen ihn leiden. Die Stärke Gottes, das ist seine Liebe, und es ist diese Liebe, die ihn dazu treibt, sich durch Jesus bis zu uns hinabzubeugen. Im Grunde genommen ist nur Gott allein so stark, dass er fähig ist, schwach zu sein, «ohne Sünden zu begehen», sagt uns Hebräer 4, 15: «... der in allem auf gleiche Weise versucht worden ist, aber ohne Sünde».

3)Ein starker oder ein schwacher Gott: Diese Frage stellt sich nun. Wir alle wissen: Die Selbsthingabe und die Vergebung, die anderen geschenkt wird, sind nicht Handlungen, die von Zerbrechlichkeit zeugen! Gott ist so sehr Liebe, dass er seinen Sohn gegeben hat, damit jeder und jede von uns gerettet werde. Das Kreuz zeigt die Stärke Gottes auf, die Stärke der Liebe, die rettet und zurückkauft, und nicht die Niederlage eines schwachen Gottes ... Die Macht des Kreuzes ist die Stärke der Liebe und der Vergebung. Schwachheit und Stärke des Kreuzes, so wie es der Apostel Paulus so deutlich sagt: «Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit für die, die verloren gehen, für die aber, die gerettet werden, für uns, ist es Gottes Kraft» (1. Korinther 1, 18/Zürcher Bibel).

Ein starker oder ein schwacher Gott ... Das Bild, das wir von Gott haben, beeinflusst auch unseren Blick auf uns selber, beeinflusst auch den Inhalt und das Erleben unseres menschlichen Daseins und unserer Spiritualität.

Der Starke hat Gott nicht nötig, er glaubt, dass er selber zurechtkommen kann! Der Schwache dagegen hat es nötig, sein Vertrauen in etwas zu legen, das stärker ist als er. «Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Geht aber und lernt, was es heisst: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.» Sich selbst als einen Sünder zu erkennen bedeutet, auch seine Schwachheit anzuerkennen und zu wissen, dass die Liebe Gottes Wunder vollbringen kann, wenn unsere Hände und unsere Herzen sich öffnen und sich zu ihm ausstrecken. Im Grunde genommen bedeutet die Stärke Gottes, dass er nicht Angst vor unserer Schwachheit und unseren Sünden hat! Wir sind es, die Angst davor haben und es vorziehen, nichts zu sagen. Es ist nicht Gott, der das so will.

Die Stärke Gottes, das ist seine Liebe. Eine Liebe, die sich hingibt, immer und immer wieder! Eine Liebe, die auf uns zukommt. Eine Liebe, die das respektiert, was sich hinter unseren Stärken und unseren Schwachheiten versteckt. Eine Liebe, die uns die Freiheit lässt, sie zu unserem Besten oder unserem Schlimmsten zu gebrauchen.

Aber eine Liebe, die Wunderbares bewirken kann mit und in unserer Armseligkeit!

Die Stärke Gottes, das ist seine Liebe, durch die er uns Jesus und den Heiligen Geist anbietet. Sie sind die einzigen Stützpunkte, die wir ALLE nötig haben, in unseren Stärken wie auch in unseren Schwachheiten! Wir sind aufgerufen, uns den andern zu öffnen und uns Gott zu öffnen!

Kontakt

Majore
Walter und Hanny Bommeli

Heilsarmee Zürich Zentral
Ankerstrasse 31
8004 Zürich

Tel. 044 242 53 89

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