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Predigt zum 1. Adventssonntag, 2.12.2007 (Martin Gossauer)Wie soll ich dich empfangen? - Einstieg in die Adventszeit mit Paul Gerhardt
Einleitung Mit dem bekannten Lied von Paul Gerhardt «Wie soll ich dich empfangen» wollen wir heute miteinander in die Adventszeit eintreten. Seine Sprache ist nicht mehr unsere Sprache heute, er wurde vor 400 Jahren geboren. Doch wie keinem andern gelingt es ihm, mit wenigen, prägnanten Worten Wesentliches zu erfassen. Und seine Liedtexte, zu eingängigen Melodien gesetzt, vermögen uns auch heute noch anzusprechen, wenn wir bereit sind, uns in sie zu vertiefen. Das wollen wir tun: Die Predigt ist eine Liedbetrachtung. Advent ist die Zeit, in der wir auf den warten, der kommt: Jesus, der Sohn Gottes. «Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir?» Die Frage ist aktuell und zutreffend: Wir haben ja heute keine Zeit mehr zum Warten, wir sind so beschäftigt. Der äussere Schmuck und Glanz von Weihnachten überwältigt uns so sehr, dass es uns nicht leicht fällt, zum wahren Sinn von Weihnachten vorzudringen und in unserem Herzen Raum und Stille zu schaffen, damit wir wirklich Jesus begegnen können. Wie kann ich ihn empfangen, ihn, meinen Erlöser, Herrn und König, damit es zu einer echten Begegnung mit ihm kommt? «Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir?» Wir wollen uns zu Beginn der Adventszeit dieser Frage bewusst stellen. Wir singen die Strophen 1 und 2. Wann haben Sie das letzte Mal einen Liebesbrief geschrieben? Vielleicht sind es Jahre her? Vielleicht haben Sie irgendwo eine Schachtel, die sie kostbar hüten, in der Sie erhaltene Liebesbriefe aufbewahren? In einen Liebesbrief legen wir unsere ganze Sehnsucht nach dem geliebten Menschen. Mit unserem ganzen Herzen und mit viel Phantasie und Kreativität versuchen wir unsere Liebe auszudrücken. In unseren Worten schwingt die Hoffnung mit auf eine baldige Begegnung. Liebesbriefe halten das Feuer der Liebe am Brennen. «Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir?» Ich kann mich gedanklich mit dieser Frage auseinandersetzen, im Hören auf eine Predigt im Gottesdienst, in meiner persönlichen Andacht – und dann wieder zum geschäftigen Alltag übergehen. Ich kann aber auch ein sehnsüchtiges Liebeslied singen, für den, der da kommen soll, wie es Paul Gerhardt getan hat. Oder ihm einen Liebesbrief schreiben. Das Liebeslied von Paul Gerhardt beginnt mit der Frage eines Menschen, der Christus liebt: «Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir...» Wenn wir in dieses Lied einstimmen und auf das, was wir singen, hören, kann es geschehen, dass wir uns unversehens in einer Rolle vorfinden, die vielleicht neu und ungewohnt ist, die wir aber durchaus einnehmen können: ich meine die Rolle eines Liebhabers oder einer Liebhaberin. Wenn wir jemanden über alles lieben, werden wir alles tun, um herauszufinden, was dieser Person gefällt und womit wir ihr eine Freude machen können. Wenn mein Herz vor Liebe brennt, werde ich die geliebte Person bitten, mir selber zu sagen, was sie erfreut. Genauso, sagt Paul Gerhardt, ist es, wenn ich Jesus liebe und als Liebender zu ihm sage: «O Jesus, Jesus, zünde mir selbst die Fackel an, auf dass mein Herz ergründe, was dich erfreuen kann.» Das Bild der Fackel ist eine Anspielung auf das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, die mit ihren Öllampen auf den Bräutigam warten (Matthäus 25). Der Dichter überträgt also das biblische Brautverhältnis zu Christus auf sich und sieht sich in der Rolle der liebenden Braut, die es nicht erwarten kann, dass ihr Bräutigam endlich zu ihr kommt. Das ist die Jesusliebe, die Paul Gerhardt im Sinn hat: hoch emotional und herzbewegend, sinnlich und leidenschaftlich. Jesus empfangen und begegnen ist eine Sache der Liebe, eine Sache des Herzens. Und in den Strophen 1 bis 5 bin ich, wenn ich mir dieses Lied zu eigen mache, in ein liebevolles Gespräch mit Jesus vertieft. Strophe 2 gibt eine Antwort auf die Eingangsfrage, «Wie soll ich dich empfangen?», indem sie an das Evangelium erinnert, das oft am ersten Adventssonntag gelesen wird: Matthäus 21,1-9. Zion steht für das Volk Gottes, und wie damals das Volk in Jerusalem mit 'Palmen' den einziehenden König begrüsst und verehrt hat, so zeige ich jetzt mit Psalmen, also mit Lobliedern und Hymnen, dass mein Herz für Jesus grünt und ich für ihn leben will. ... Für mich ist dies ein Schlüsselsatz im ganzen Lied und im Verlangen des Dichters, Jesus zu empfangen. Jesus will in mein Herz einziehen. Doch die Liebesbeziehung zu ihm, d.h. den Glauben, kann ich, so zeigt mir das Lied, nicht nur im seelischen Innenraum für mich selber leben. Sie will in Gesten und Gebärden ausgedrückt und leibhaftig werden. Der schönste, der höchste Dienst, den wir für Jesus tun können, ist, ihn mit unserem Singen anbeten, loben und preisen und uns ihm so hingeben. Wie grün bin ich? Wie grün ist mein Herz? Ein grünes Herz ist ein lebendiges Herz, das atmet, pulsiert, aus sich herauswächst und überfliesst, sich ausstreckt nach Jesus und seiner Liebe «...in stetem Lob und Preis ... so gut es kann und weiss». Jesus empfangen, Jesus begegnen ist eine Sache des Herzens, ist die Sache eines grünen Herzens. Wir singen die Strophen 3 und 4. Im Zwiegespräch mit Jesus, das Paul Gerhardt bis zur fünften Strophe führt, geht er der Liebe, die ihn mit Jesus verbindet, auf den Grund. Warum sehnt er sich so nach Jesus und will ihm begegnen? «Was hast du unterlassen ...?», beginnt die dritte Strophe. Manchmal klagen wir Gott an und sagen: «Was hat du unterlassen, um uns Menschen zu helfen? Was hast du unterlassen, um uns zu befreien, uns von der Sinnlosigkeit des Lebens zu erlösen? Was hast du unterlassen, um einen geliebten Menschen gesund zu machen und am Leben zu erhalten?» Es gibt Menschen, die Gott alles in die Schuhe schieben wollen und verbittert sagen: «Alles hast du unterlassen! Nichts hast du an den Leiden dieser Welt geändert, nichts an ihren Kriegen, Nöten und Ängsten.» Vielleicht werfe auch ich Gott vor: «Warum hast du dies und jenes unterlassen, um meine Probleme zu lösen?» Paul Gerhardt singt ein anderes Lied: Nichts hast du unterlassen. Du hast dich selbst für mich hingegeben. Du hast die Herrlichkeit des Himmels verlassen und bist arm und klein zu uns Menschen gekommen. Am Kreuz hast du dein Leben für mich gelassen. Wirklich: Nichts hast du unterlassen, um mir zu helfen. «... du bist, mein Heil, gekommen und hast mich froh gemacht». In der vierten Strophe spricht Paul Gerhardt von der Befreiung und Erlösung, die Jesus ihm schenkt: «... du kommst und machst mich los... du kommst und machst mich gross». Das ist das grosse Gut, das Jesus ihm schenkt, ein bleibendes Gut. Die fünfte Strophe bringt es auf den Punkt und erinnert uns an Johannes 3,16: «So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab ...» Aus Liebe ist Jesus zu uns gekommen und mit seiner Liebe hält er die ganze Welt umfangen – und auch mich. In der liebenden Umarmung Jesu ist die ganze Welt mit all ihren Leiden aufgehoben. Ich bin von ihm 'umfangen'. In unbegreiflicher Güte, in überströmendem Erbarmen nimmt er sich meiner an. Alle Menschen 'umfängt' er auf diese Weise, jeden Einzelnen zieht er liebend zu sich. Jesus empfangen, Jesus begegnen im Advent heisst für ihn singen, sich seine Umarmung gefallen lassen und sie erwidern. Paul Gerhardt kann nicht anders, als ihn gleichsam mit seinem Lied zu umarmen. Gottes Triebkraft, die Jesus vom Himmel zu uns gebracht hat, ist seine Liebe zu uns Menschen. Was treibt mich an in meinem Leben mit Gott? Was treibt mich dazu, Jesus zu empfangen, ihm zu begegnen? Wir singen die fünfte Strophe. Die Zeit reicht nicht, um das ganze Lied zu betrachten. In der zweiten Hälfte, von der sechsten bis zur neunten Strophe, wechselt Paul Gerhardt vom 'du' zum 'ihr' und richtet sich an die Gemeinde der Glaubenden. Er spricht ihr Trost zu. Vielleicht finden wir uns als Heilsarmee besonders in der sechsten Strophe, wo der Dichter sagt: Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer, bei welchem Gram und Schmerzen sich häufen mehr und mehr; seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür, der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.» Gott kommt und hilft uns in unserer Schwachheit (Strophe 7), in unserer Schuld (Strophe 8) und in unserer Bedrängnis (Strophe 9). Von der siebten bis neunten Strophe ertönt wie ein Kehrreim immer wieder der Ruf: «Er kommt, er kommt», um in der letzten Strophe mit dem Gebetsruf «Ach komm, ach komm» den Schluss der Bibel anklingen zu lassen, wo es in der Offenbarung 22,20 heisst: «Ja, ich komme bald! Amen! Ja, komm, Herr Jesus!» In diesen Gebetsruf kann ich als Einzelner mit einstimmen: «Ach komm, ach komm, o Sonne, und hol uns allzumal zum ewgen Licht und Wonne in deinen Freudensaal.» Schluss «Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir?» Wie anders, als dass ich diese Worte zu meinem Gebet mache: «Ach komm, ach komm, o Sonne – Ja, komm Herr Jesus!» Paul Gerhardt ruft uns mit seinem Lied wieder und wieder das Kommen Jesu zu. Je mehr ich im Lied bin, hörend und singend, desto mehr macht es mich zu einem Menschen, der Jesus «liebt und sucht». Mit dem Charme seiner Poesie und seiner warmen Melodie verlockt mich das Lied dazu, ein Liebhaber Jesu zu werden. Ja, uns alle, die ganze Gemeinde verlockt es dazu, sich mit seiner Liebe zu trösten. Das Singen im Advent, das Singen im Gottesdienst soll immer Ausdruck unserer Liebesbeziehung zu Jesus sein. So ist auch das Lied von Paul Gerhardt gemeint. Ein grünes Herz habe ich nicht gefunden, aber ein grünes Blatt, das aus einem grünen Herzen spriesst. Darauf können wir mit eigenen Worten festhalten, wie wir Jesus in dieser Adventszeit empfangen und ihm begegnen wollen. Das Blatt können wir dann dorthin kleben, wo es unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht und wir es sehen: Auf den Kühlschrank, die Wohnungstüre, in meine Agenda, meine Bibel ..., als Erinnerung daran: «Mein Herze soll dir grünen ...!» Jesus lädt uns ein in der Offenbarung 3,20: |
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