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Predigt zum 11.11.2007 (Martin Gossauer)Das Leben wählen (Leben, Tod, Ewigkeit)Einleitung So oft wie nie zuvor in meinem Leben bin ich dieses Jahr dem Tod begegnet. Ich habe an zehn Beerdigungen oder Gedächtnisfeiern teilgenommen: acht davon betrafen Personen von unserem Korps hier, dann die meines eigenen Vaters vor etwas mehr als einem Monat. Es sind Gelegenheiten, bei denen man dem Tod nicht ausweichen kann. Vor allem wenn man der Korpsoffizier ist, der mit der Trauerfamilie in Kontakt treten muss, der sich vorbereiten muss, um in dieser Situation ein Wort von Gott weiterzugeben, ein Wort des Trostes, der Hoffnung, der Wahrheit – ein Wort des Lebens angesichts des Todes. Noch weniger ausweichen kann man, wenn der Tod einen persönlich trifft und man einen Menschen verliert, der einem sehr nahe steht, den man liebt, wie ich jetzt meinen Vater. So habe ich mich, auch etwas gezwungenermassen, mit dem Tod befasst, mich dem Tod gestellt, darüber nachgedacht. Ich sagte mir dann: Warum nur an Beerdigungen über den Tod sprechen, wenn man ihm ins Gesicht schauen muss? Ich möchte an einem Sonntagmorgen darüber predigen. Also, warum nicht jetzt im November, in diesem düsteren Monat, in dem wir uns an unsere Verstorbenen erinnern, zum Beispiel in der reformierte Kirche am Ewigkeitssonntag?! Viele Gedanken sind mir durch den Kopf gegangen – und ich bin dann in meinen Vorbereitungen lange vor einem leeren, weissen Blatt gesessen. Was können wir sterbliche Menschen schon wirklich sagen über den Tod? Über die Ewigkeit? Mit unserer begrenzten Sicht bleibt so vieles ungewiss. Was kann ich schon sagen, auch wenn ich dem Tod durch meine Erfahrungen in diesem Jahr wieder ein Stück näher gekommen bin? Viele unter Ihnen sind dem Tod viel tiefer und schmerzhafter begegnet als ich, haben zum Beispiel ihren Ehepartner oder ein Kind verloren. Was haben wir aus unseren Erfahrungen mit dem Tod gelernt für unser Leben? Welches ist meine Beziehung zum Tod und zum Leben? Gehe ich dem Thema Tod’ lieber aus dem Weg oder lasse ich mich darauf ein? Was Gefühle steigen in mir hoch, wenn ich an den Tod denke? Angst, Hilflosigkeit, Hoffnung? Gelassenheit? Wie kann ich mich auf den Tod vorbereiten? Wenn ich über das Thema predigen möchte, geht es ja nicht darum, dass ich etwas darüber sage, sondern dass wir gemeinsam auf ein Wort von Gott hören. Er, der Schöpfer, der Herr über Leben und Tod hat allein Worte, die angesichts des Todes tragen; Worte, die uns helfen zu verstehen; Worte, die uns helfen, das Unfassbare anzunehmen und damit zu leben; Worte des Lebens, denn er ist ein Gott des Lebens. Auf dem Blatt, das Sie erhalten haben, habe ich einige Worte aus der Bibel aufgeführt, die wir heute betrachten wollen. Leben und Tod gehören zusammen Keiner von uns lebt für sich selbst. Genauso stirbt auch keiner für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Denn Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um über die Lebenden und die Toten zu herrschen. (Römer 14,7-9 – Gute Nachricht) Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod: Dem Tod begegnen heisst, sich auch mit dem Leben befassen. Die beiden gehören zusammen. Wenn wir sie voneinander trennen, verlieren beide ihren Sinn und wir fallen ins Bodenlose. Wir haben heute die Tendenz, den Tod aus dem Leben zu verbannen, unsichtbar zu machen. Wir wollen nichts damit zu tun haben, er soll im Spital oder im Pflegeheim stattfinden. Manchmal geht es nicht anders, aber es war für mich eine gute, unvergessliche Erfahrung, meinen toten Vater zu Hause zu sehen, ja, seinen toten Körper zu sehen in seinem Bett, meine Hand auf seine Stirne zu legen. Leben und Tod gehören zusammen. Keiner von uns lebt für sich selbst. Genauso stirbt auch keiner für sich selbst. Vorletzte Woche fand ich mich mit einer kleinen Gruppe von Menschen im Männerheim der Heilsarmee für eine einfache Abschiedsfeier eines Bewohners ein, dessen Familie keine Beerdigung wünschte. Er sollte nicht einfach für sich selbst sterben. Ein Stadtrat von Zürich erzählte in seiner Kolumne im Tagblatt von einem vermögenden Geschäftsmann, der auf offener Strasse zusammenbrach und starb. Man konnte wohl seine Identität feststellen, doch es liessen sich keine Angehörigen oder Freunde eruieren. Niemand kannte ihn näher, niemand fragte nach ihm oder interessierte sich für seine Beerdigung. Schliesslich wurde sein toter Körper kremiert und in aller Stille beigesetzt. So einsam kann Sterben heute sein. Das Drama der heutigen Gesellschaft ist, dass zu viele Menschen für sich selbst leben und für sich selbst sterben. Sie leben allein, und sie sterben allein. Sie leben einsam, und sie sterben einsam. In diesem Zusammenhang denke ich an zwei Erlebnisse aus unserer Zeit in Paris. Im Jahr der Hitzewelle, die ganz Europa überrollte, war die Öffentlichkeit schockiert über die vielen Menschen, die einsam starben und im Friedhof als Unbekannte beigesetzt wurden. In der anonymen Grossstadt lebte aber auch Salomon, ein Clochard: Er war die Seele seines Quartiers, und die ganze Nachbarschaft nahm an seiner Beerdigung teil. Keiner von uns lebt für sich selbst. Genauso stirbt auch keiner für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn: Den Tod meines Vaters konnten wir kommen sehen. Er wurde schwächer und schwächer, in den letzten Wochen habe ich ihn regelmässig besucht. Wir lernten über den Tod zu sprechen, wir sprachen sogar über seine Beerdigung. Er selber und wir konnten uns auf seinen Tod vorbereiten. Ich spürte, wie er bereit war zu gehen. Er wartete auf den Tod, ja sehnte ihn herbei. Er war zuversichtlich, von Frieden erfüllt. Er wusste, er ging nach Hause, wo er von seinem Erlöser erwartet würde. Er starb für seinen Herrn. Von Klärli Weber konnte ich nicht wirklich Abschied nehmen. Doch so wie ich sie leben sah und beten hörte, ist mir klar: Sie lebte für ihren Herrn. Das kommt auch in ihren Tagebucheintragungen im Losungsbüchlein, das sie uns überlassen hat, zum Ausdruck. So schreibt sie zum Beispiel am 26. Oktober: Ja, ich freue mich, dass du auch zu mir kommst, nicht nur auf Besuch, nein, du wohnst in mir, und ich darf in dir sein und bleiben. Oder am 6. September: Herr Jesus, ich bin froh und dankbar, dass ich in dir leben und sterben darf. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod: Leben und Tod gehören zusammen – und wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Mein Leben und mein Tod sind in seiner Hand. Ich kann nicht für den Herrn sterben und ohne ihn leben. Wir Menschen sterben so, wie wir gelebt haben. Leben wir für den Herrn, so können wir auch für den Herrn sterben. Leben und Tod gehören zusammen. Für wen lebe ich? Für wen sterbe ich? Kann ich wie Paulus sagen: Ich gehöre dem Herrn im Leben und im Tod? Jesus hat den Tod besiegt Ich kann nur für den Herrn sterben, weil ich weiss: Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um über die Lebenden und die Toten zu herrschen. Jesus ist Herr über die Lebenden und die Toten, denn er ist auferstanden und hat den Tod besiegt. Dies ist zuerst ein Sieg über die Sünde, die in den Tod führt. «Das Leben hat den Tod überwunden! Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo bleibt nun dein Schrecken?» Der Tod hat Macht durch die Sünde, deren Herrschaft wir durch das Gesetz erkennen. Aber gelobt sei Gott, der uns den Sieg gibt durch Jesus Christus, unseren Herrn! (1. Korinther 15,55-57 - Hfa) Der Sieg von Jesus Christus ist die Voraussetzung, die Grundlage, um für ihn, den Herrn, leben und sterben zu können. Weil er für meine Sünden gestorben ist, kann ich hier auf dieser Erde für ihn leben. Weil er den Tod besiegt hat, habe ich ewiges Leben bei Gott. Jesus sagt: Ich bin dieses Brot, das von Gott gekommen ist und euch das Leben gibt. Jeder, der dieses Brot isst, wird ewig leben. Und dieses Brot ist mein Leib, den ich hingeben werde, damit die Welt leben kann. (Johannes 6,51 – Hfa) Um diesen Sieg zu erringen, musste Jesus selber durch den Tod hindurch gehen. Auch Jesus hatte Angst vor dem Tod, so sehr, dass er Blut schwitzte. Auch Jesus wäre lieber einen anderen Weg gegangen. Auch Jesus fühlte sich angesichts des Todes von Gott verlassen. Der Tod ist für jeden Menschen ein Weg, den er allein gehen muss im ultimativen Glauben, dass Gott ihn am andern Ufer mit offenen Armen erwartet. Dietrich Bonhoeffer drückt es so aus: Wir sehen das Kreuz, und wir glauben an die Auferstehung. Vom Himmel her leben – von der Hoffnung her leben Menschen, die für den Herrn leben, leben vom Himmel her. Sie wissen, dass sie unterwegs sind auf dem Weg zum Himmel. Sie haben den Himmel, das Ziel des ewigen Lebens, immer vor Augen. Ihr Leben für den Herrn ist eine Vorbereitung auf den Himmel, auf das Bei-Jesus-Sein. Sie sind beseelt von der Hoffnung und der Freude auf das ewige Leben. Darum haben die früheren Salutisten so viele Himmelslieder gesungen. Noch im letzten Liederbuch hatten wir sogar eine spezielle Rubrik dafür. In unserem Lied vor der Predigt haben wir vom Himmel gesungen (481: Wir sehen jetzt im Glauben schon). Vielleicht sollten wir wieder etwas mehr vom Himmel und von der Ewigkeit sprechen und singen, damit wir lernen, vom Himmel her zu leben und in der Vorfreude auf das, was auf uns wartet. Kommissärin Burger hat uns diese Woche in den Offiziersversammlungen gesagt: Haltet euren Blick auf das ewige Leben gerichtet. Wir sprechen heute nicht mehr über die Ewigkeit. Doch unsere Motivation und unsere Hoffnung, unser Leben zu leben und Menschen für Jesus zu gewinnen, kommen von der Ewigkeit her. Die ersten Christen lebten in der täglichen Erwartung des ewigen Lebens, ihr Denken und Handeln waren davon geprägt. Wenn wir vom Himmel her leben, heisst das nicht, dass wir realitätsfremde Menschen sind, die sich auf ein besseres Jenseits vertrösten. Im Gegenteil – erst der Blick auf das ewige Leben und die feste Hoffnung auf die Erfüllung von Gottes Verheissung lassen uns den wahren Sinn, die Bedeutung und die Richtung unseres Lebens hier auf der Erde erkennen. Diese Perspektive bewahrt uns auch davor, uns im Jagen nach irdischen, vergänglichen Schätzen zu verlieren und in den Tag hinein zu leben. Wenn wir vom Himmel her leben, lernen wir das Ganze zu sehen. Gottes Lebenszusage ist nicht ein Glück, das erst im Himmel auf uns wartet. Sie gilt uns jetzt, hier und heute. Darum lässt Gott durch Mose dem Volk Israel sagen: Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten. (5. Mose 30,11-15 – Einheitsübersetzung) Es geht um das Leben im Hier und Jetzt. Da will Gott uns nahe sein und uns ein Wort dafür geben, das uns leben hilft. Das Leben wählen Leben für den Herrn ist eine tägliche Entscheidung und trägt die Belohnung des ewigen Lebens mit sich. Darum sagt Gott weiter zum Volk Israel: Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. ... Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme, und halt dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. (5. Mose 30,19-20a – Einheitsübersetzung) Für den Herrn leben heisst, täglich das Leben wählen und nicht den Tod. Das Leben wählen heisst, Gott, den Herrn lieben, auf seine Stimme hören und sich an ihm festhalten – denn er ist unser Leben! Das Leben wählen heisst, auf Gott gegründete Entscheidungen treffen, die das Leben fördern und sich gegen das wenden in uns, das Leben zerstören will. Das Leben wählen bedeutet, wir dürfen hier und jetzt schon die Freundlichkeit und die Güte des Herrn erleben, wie David, der im Psalm 27 sagt: Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen? Leben und Tod gehören zusammen Keiner von uns lebt für sich selbst. Genauso stirbt auch keiner für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Denn Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um über die Lebenden und die Toten zu herrschen. (Römer 14,7-9 - GN) Jesus hat den Tod besiegt «Das Leben hat den Tod überwunden! Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo bleibt nun dein Schrecken?» Der Tod hat Macht durch die Sünde, deren Herrschaft wir durch das Gesetz erkennen. Aber gelobt sei Gott, der uns den Sieg gibt durch Jesus Christus, unseren Herrn! (1. Korinther 15,55-57 - Hfa) Ich bin dieses Brot, das von Gott gekommen ist und euch das Leben gibt. Jeder, der dieses Brot isst, wird ewig leben. Und dieses Brot ist mein Leib, den ich hingeben werde, damit die Welt leben kann. (Johannes 6,51 - Hfa) Wir sehen das Kreuz, und wir glauben an die Auferstehung. Vom Himmel her leben Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten. (5. Mose 30,11-15 – Einheitsübersetzung) Das Leben wählen Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. ... Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme, und halt dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. (5. Mose 30,19-20a – Einheitsübersetzung) Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollt ich mich fürchten? |
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