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Predigt zum Berufungssonntag 9.9.2007 (Corinne Gossauer-Peroz)Geistliche Väter und MütterErinnern Sie sich an jene Menschenmenge, die zu einem Volk wurde? ... Vor zwei Wochen haben wir über einen Abschnitt im Kapitel 7 vom Lukas-Evangelium nachgedacht. In einer Menge kann ich anonym bleiben und anderen gegenüber gleichgültig sein. Aber wenn ich Teil eines Volkes werde, bin ich sofort mit den anderen verbunden ... Ein Volk wird durch seine gleiche Geschichte zusammengehalten ... Teil eines Volkes zu sein, das bedeutet: miteinander sein und sich solidarisch verhalten. Im Lukas-Evangelium ist die Menge zu einem Volk geworden, als die Menschen ein Wunder erlebten. Es ist dieses gemeinsam erlebte Ereignis, das ihren Blick auf sie selbst geändert hat genauso wie ihre Meinung über Jesus. Durch ein gemeinsames Erlebnis haben sie sich als Volk Gottes erkannt. 1) Für die Christen ist es ebenfalls dieses gemeinsame Erlebnis, das aus ihnen ein Volk Gottes macht. Der Apostel Paulus erklärt es wie folgt in Epheser 2, 16b, 18 & 19: «Christus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben, damit wir alle Frieden mit Gott haben. Durch Christus dürfen jetzt alle, Juden wie Nichtjuden, vereint in einem Geist, zu Gott dem Vater, kommen. So seid ihr nicht länger Fremde und Heimatlose; ihr gehört jetzt als Bürger zum Volk Gottes, ja sogar zu seiner Familie.» (Hfa) Durch Jesus macht Gott uns zu seinem Volk, zu seiner Familie, und er nennt uns also seine Kinder: «Seht doch, wie gross die Liebe ist, die der Vater uns schenkt! Denn wir dürfen uns nicht nur seine Kinder nennen, sondern wir sind es wirklich.» 1. Johannes 3 , 1 (Hfa) Und die Familie Gottes ist gross, unermesslich gross! Sie vereinigt die Menschheit in ihrer grossen Verschiedenheit ... Es hat für alle Platz im Herzen von Gott, so viel Platz, dass die Letzten die Ersten werden ... Ich weiss, sogar die Liebe Gottes für seine Kinder – und vor allem für die, die uns auf die Nerven gehen – kann uns irritieren ... 2) Und weil wir Kinder Gottes sind, sind wir Glieder untereinander. Römer 12, 4 & 5: «Denkt an den menschlichen Körper: Er hat viele verschiedene Teile, und jeder Teil hat seine besondere Aufgabe; aber der Körper bleibt deshalb doch einer. Genauso ist es mit uns: Obwohl wir viele sind, bilden wir durch die Verbindung mit Christus ein Ganzes. Als Einzelne aber stehen wir zueinander wie Teile, die sich gegenseitig ergänzen.» (Die Bibel in heutigem Deutsch) So ist also das Volk Gottes: viele Glieder, aber nur ein Körper. Verschiedene Leben, verschiedene Fähigkeiten, andere Situationen, aber ein gemeinsames Band: Jesus Christus. Das kann uns gelegentlich ärgerlich stimmen ... Wir möchten am liebsten «die ganze Welt in einen Topf» werfen ... Unterschiede können wir nicht leicht akzeptieren und schlecht mit ihnen umgehen ... Und dennoch ist es das, was Gott wollte! 3) Verschieden, doch alle berufen: da, wo wir sind, wie auch immer unsere Situation und unser Alter ist ... An diesem Berufungssonntag für die Heilsarmee Schweiz ist es mir wichtig zu betonen, dass es nicht nur den Ruf gibt: Offizierin oder Offizier zu werden. Es wäre falsch, die Frage der Berufung auf einen vollzeitlichen Dienst zu begrenzen, der zwar eine biblische Realität ist. Der Mangel an Berufungen berührt die Kirche Christi. In der Heilsarmee bestätigen die Aussichten für die Zukunft, dass die Offiziere eine «aussterbende Gattung» sind. Angesichts dieser Tatsachen bin ich immer mehr überzeugt, dass wir mehr denn je den Sinn und die Ehre wieder finden müssen, die an diesen Ruf in den vollzeitlichen Dienst des Herrn gebunden sind. Und gleichzeitig müssen wir mehr denn je den Akzent auf den wesentlichen Punkt der Reformation setzen: auf das allgemeine Priestertum der Gläubigen. Das bedeutet, dass jeder einzelne Mensch die Möglichkeit – und die Verantwortung – hat, einen Dienst oder eine Aufgabe in der Kirche zu erfüllen. Wir sind alle aufgerufen, Zeugen zu sein: Glieder des Körpers von Christus zu sein, das heisst gerettet und aufgerufen, in der Ähnlichkeit von Christus zu leben. Es spielt keine Rolle, ob wir Briefträger, Lehrer oder Offizier sind: Was zählt, ist: dass Christus sich durch mein Leben mitteilen kann. Wir sollen dort «Salz und Licht» sein, wo er uns hinstellt ... Wir sind alle aufgerufen ... zu dienen: Unsre Berufungen sind verschieden und das sollen wir respektieren. Aber jeder und jede Einzelne zählt! Als Glieder eines einzigen Körpers ist jeder Mensch eingeladen, seinen eigenen Beitrag beizusteuern. Mit den Mitteln, den Gaben und der Zeit, die wir besitzen ... Jedes zählt, und ohne die Teilnahme von jedem dieser Glieder leidet der Körper. 4) Weil wir Glieder untereinander sind, deshalb sind wir auch aufgerufen, uns gegenseitig zu lieben. Ich weiss, das haben Sie schon dutzende Male gehört ... Aber ich möchte noch weiter gehen und sagen: Wir sind alle aufgerufen, Väter, Mütter, Brüder und Schwestern füreinander zu werden und zu bleiben. ... Dieser Begriff der geistlichen Väter und Mütter beschäftigt mich seit Monaten. Ich selber kenne diesen Wert, und ich sehe immer mehr deren Notwendigkeit und Dringlichkeit ... Vor einem Jahr haben wir mit einigen Leuten vom Korps an einer Konferenz von Willow Creek mit dem Referenten Gordon McDonald teilgenommen. Das Thema lautete: «Die zweite Hälfte des Lebens ist die bessere! – Das heisst nach 40 Jahren». Er hat uns ermutigt, für diesen Abschnitt des Lebens an unserem geistlichen und inneren Wachstum zu arbeiten; uns die Mittel für dieses Wachstum geben zu lassen. Hören Sie auf eines dieser Mittel, das er mit grosser Überzeugung vorgestellt hat: «Die Menschen über 50 sollen Väter und Mütter für die jüngere Generation werden.» Er hat uns anschliessend die folgende Frage gestellt: «Wer sind eure Väter und Mütter, das heisst: Wem erzählt ihr eure Lebensgeschichte?» Dann hat er betont, dass man nach 50 mit Hilfe der Lebenserfahrung weicher, zarter und offener wird. Er hat die verschiedenen Generationen ermutigt, einander zu begegnen, miteinander zu sprechen, einander zuzuhören ... Vor einigen Tagen, während mich diese Gedanken beschäftigten, habe ich im Brockenhaus ein Buch über Frère Roger, den Gründer von Taizé in Frankreich, gefunden. Er spricht vom Empfang der jungen Menschen, die jedes Jahr zu hunderten nach Taizé kommen, um zu beten und eine Erfahrung des Lebens in der Gemeinschaft zu machen. «Für uns ist es am wichtigsten, den jungen Menschen im Vertrauen zuzuhören, damit sie durch eine innere Geburt jene Gaben entdecken, die sie in sich selber tragen. Und damit diese Gaben durch sie zu einer wachsenden Reife gebracht werden können. Viele Frauen und Männer lernen mit zunehmendem Alter denen nahe zu sein, die ihnen anvertraut sind; ihnen zuzuhören und sie dadurch von einer Last zu befreien, die auf ihren Schultern ruht. Diese Frauen und diese Männer sind nicht strenge Menschen und sie richten nicht. Der Glaube, die Hoffnung und die Barmherzigkeit behalten in ihnen die Oberhand. So viele demütige Gläubige tun alles Menschenmögliche, um anderen den Weg des Friedens, der Gelassenheit und der inneren Freude zu eröffnen. Geistliche Väter und Mütter nach dem Evangelium gibt es zu hunderten.» (Aus: Choisir d'aimer 2006, Seite 62) Gordon McDonald und Frère Roger: Das sind zwei ganz verschiedene Männer, ein Amerikaner und ein Franzose, mit verschiedenen Berufungen im Körper von Christus, aber zwei Diener Gottes, die das gleiche Bedürfnis ausdrücken ... Zwei Männer, die uns ermutigen, Frauen und Männer zu sein, die nicht streng, sondern Träger des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sind ... Frauen und Männer, die fähig sind, den Jüngeren zuzuhören und ihnen zu helfen, ihr Herz und ihren Geist zu entlasten. Ich möchte auch noch sehr betonen, dass wir nicht warten müssen, bis wir 50 oder älter sind, um geistliche Väter und Mütter zu werden. Das Alter ist relativ, es handelt sich dabei eher um eine Frage der Reife. Man spricht heute viel häufiger von Mentoring, von Coaching: das sind einfach moderne Formen der Begleitung von Menschen. Aber weil wir die Familie Gottes sind, sind wir aufgerufen, einander zu begleiten. Das ist nicht nur die Rolle der Professionellen und der Offiziere!. Wie alt wir auch sein mögen, können wir doch einen jüngeren oder nicht mehr ganz jungen Menschen begleiten. Wie alt wir auch sein mögen, sind wir doch aufgerufen, füreinander «Zuhörer», «Mutmacher», also Menschen zu sein, die Hoffnung in die anderen setzen. In meinem Teenager-Alter kannte ich eine Offizierin, die für mich eine geistliche Mutter war. Sie schickte mir von Zeit zu Zeit eine Karte. Auch nahm sie sich Zeit für mich. Während der Lager sorgte sie dafür, dass wir jedes Mal einen persönlichen Moment miteinander verbringen konnten. Ich wusste, dass ihr mein Leben mit seinen Erlebnissen wichtig war. Ich konnte ihr «meine Geschichte» erzählen. Ihre Zuneigung liess mich spüren, dass es Reichtümer in mir gab ... Eines Tages unterschrieb sie eine Karte mit den folgenden Worten: «In Zuneigung und hoffnungsvoller Erwartung». In der Zeit der Adoleszenz, als ich spürte, dass der Herr mich zum Offiziersdienst gerufen hatte, hat mir die Hoffnung dieser geistlichen Mutter geholfen, an mich zu glauben und dem Herrn zu vertrauen. «In Zuneigung und hoffnungsvolle Erwartung» ... Die Menschen, die Hoffnungen auf uns setzen, die unsere Möglichkeiten und Gaben sehen, diese Menschen verleihen uns Flügel, um vorwärts zu gehen. «In Zuneigung und hoffnungsvolle Erwartung»: Das ist der Blick der geistlichen Väter und Mütter, ein Blick des Vertrauens ... Das ist der Blick, mit dem wir einander anschauen sollten ... Das innere geistliche Wachstum geschieht durch die Öffnung unserer Herzen. Wir müssen einander unsere Herzen öffnen und einander unsere Freuden und Leiden erzählen ... und zwar in grosser Aufrichtigkeit ... Auf diese Art können wir zu einer Gemeinde werden und bleiben. Gordon McDonald schreibt in seinem Buch: «Du machst mich stark» (Seite 256): «In seiner Autobiographie 'Der lange Weg zur Freiheit' beschreibt Nelson Mandela das Leben auf Robben Island, wo er und andere politische Gefangene fast dreissig Jahre verbracht hatten. Er erinnert an die Beziehungen, die sich während jener Jahre intensiven Leidens gefestigt hatten: 'Der grösste Fehler der Behörden war es, uns zusammenzulassen, denn gemeinsam wurde unsere Entschlossenheit verstärkt. Wir unterstützten einander und gaben einander Kraft. Alles was wir wussten, alles was wir gelernt hatten, teilten wir miteinander, und durch dieses Teilen vervielfältigten wir den Mut, den jeder persönlich hatte. Das soll nicht heissen, dass wir auf die Qualen, die wir ausstanden, alle gleich reagiert hätten. Menschen haben verschiedene Fähigkeiten und reagieren unterschiedlich auf Stress. Aber die Stärkeren richteten die Schwächeren auf, und beide wurden dabei stärker.» An diesem Berufungssonntag möchte ich den folgenden Aufruf an Sie richten: Wir sind alle berufen ... aufgerufen, am Volk Gottes teilzuhaben, aufgerufen, Zeugen zu sein, aufgerufen, zu dienen, aufgerufen, einander zu ermutigen. Seien wir füreinander Väter, Mütter, Brüder und Schwestern ... Überwinden wir unsere Vorurteile, unsere fixen Ideen über andere. Werden wir zu Menschen, die handeln. Ich weiss, dass sich eine solche Beziehung nicht einfach befehlen lässt. Sie ist ein Geschenk. Aber weil wir zur Familie Gottes gehören, sind wir aufgerufen, diese Geschenke zu entdecken, die wir füreinander sein können ... Die Bibel fordert uns auf, einander zu ermutigen und unsere Erfahrungen miteinander zu teilen. Um das zu erreichen, sollten wir untereinander das Gespräch suchen, ist es gut, einander zu begegnen, können wir uns schreiben oder zusammen essen! Dafür brauchen wir Zeit füreinander. Werden wir also zu Tätern! Seien wir immer wieder füreinander Väter, Mütter, Brüder und Schwestern ... Im Namen des Herrn möchte ich diesen Aufruf an Sie richten, in Zuneigung und hoffnungsvoller Erwartung! |
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