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Predigt zum 26.8.2007 (Corinne Gossauer-Peroz)
Die Witwe von Naïn
(Lukas 7, 11-17)
11 Nicht lange danach kam Jesus mit seinen Jüngern in die Stadt Nain. Es folgte ihm wieder eine grosse Menschenmenge.
12 Als er sich der Stadt näherte, kam ihm ein Trauerzug entgegen. Der Verstorbene war der einzige Sohn einer Witwe. Viele Trauergäste aus der Stadt
begleiteten die Frau.
13 Als Jesus, der Herr, sie sah, war er von ihrem Leid tief bewegt. «Weine
nicht!» tröstete er sie.
14 Er ging zu der Bahre und legte seine Hand auf den Sarg. Die Träger blieben stehen. Jesus sagte zu dem toten Jungen: «Ich befehle dir: Steh auf!»
15 Da setzte sich der Junge auf und begann zu sprechen. Die Mutter hatte ihr Kind durch Jesus wiederbekommen.
16 Alle erschraken über das, was sie gesehen hatten. Dann aber begriffen sie, und sie lobten Gott und sagten: «Gott hat uns einen mächtigen Propheten geschickt. Er wendet sich seinem Volk wieder zu!»
17 Bald wusste jeder in Israel und in den angrenzenden Ländern, was Jesus getan hatte. (Hfa)
Schauen wir genau hin, was in diesen sieben Versen, die wir gehört haben, geschieht. Schauen wir mit unserem inneren Blick hin ... Jesus ist mit seinen Jüngern und «mit einer grossen Menschenmenge» unterwegs. Sie kommen zum Dorfeingang des kleinen Ortes Nain, etwa 10 km von Nazareth entfernt. Und da kreuzt diese Menge, die mit Jesus marschiert, eine andere Menschengruppe. Es sind traurige Menschen, solidarisch mit dem Leiden einer Witwe, die ihren Sohn beerdigen muss.
Zwei Menschenmengen kreuzen sich: ein Trauerzug, der einen jungen Menschen beerdigen wird und der Zug des Lebens, die Gruppe der Jünger von Jesus. Zwei Menschenmengen, zwei Welten ... Das Leben und der Tod kreuzen sich: Was wird geschehen? Was geht in den Köpfen der einen und der anderen vor? Was drücken ihre Gesichter aus? Der Tod ist immer störend, er macht Angst. Er führt uns zu Erinnerungen, zu Fragen zurück ... Zu Dingen, an die wir lieber nicht denken würden ...
1° Was geht im Kopf und im Herzen von Jesus vor? Der Vers 13 sagt uns: Als Jesus, der Herr, sie sah, war er von ihrem Leid tief bewegt. «Weine nicht!» tröstete er sie.
a) Die erste Person, die Jesus in diesem Trauerzug sieht, die ihm entgegenkommt, das ist die Witwe. Jesus sieht die höchste Not dieser Frau.
Und Lukas gibt den Lesern bereits ein Hoffnungszeichen, indem er Jesus «den Herrn» nennt. Lukas verfasst sein Evangelium, nachdem er den auferstandenen Jesus gesehen hat. Und es ist diese Macht der Auferstehung, die er benennt, wenn er «der Herr» sagt.
b) «Der Herr sieht sie.»: André Sève kommentiert den Blick von Jesus wie folgt: «Jesus, der jemanden anblickt, das ist Gott, der anblickt. Wir haben erst an dem Tag einen richtigen Zugang zum Evangelium, wenn wir das Folgende realisieren: Jesus ist der menschliche, der Mensch gewordene Blick von Gott. Durch Jesus sagt uns Gott, wie er uns anblickt. Das wird uns weder durch Theologen noch durch Mystiker offenbart, sondern durch die Reaktion von Jesus, der an jenem Tag am Dorfeingang von Nain eine Witwe neben der sterblichen Hülle ihres einzigen Sohnes gesehen hat.» (Aus: «Un rendez-vous d'amour», «Eine Liebesbegegnung» S. 221).
c) «Der Herr war von ihrem Leid tief bewegt.»: Der griechische Ausdruck, der hier verwendet wird, bedeutet «ganz aus der Fassung sein, bis ins Mark erschüttert sein». Die Liebe Gottes für die Menschen ist nicht eine kalte und intellektuelle Liebe, sondern eine Liebe, die aus dem Innersten, buchstäblich aus den Eingeweiden hervorkommt.
Hier wird Jesus durch die höchste Not und den Schmerz dieser Frau berührt, die alles verliert, was ihr geblieben war. Nachdem sie ihren Gatten verloren hat, verliert sie jetzt ihren Sohn, ihre Hoffnung, ihre Stütze ... Ohne ihren Mann war dieser Sohn sicher der Schutz und Beistand seiner Mutter. In der Bibel sind die Witwen das Symbol für «arme Menschen», die von Gott in einer bevorzugten Weise beschützt werden.
d) «Der Herr sagt zu ihr: «'Weine nicht.' » Als wir an Ostern zusammen über die Begegnung zwischen Jesus und Maria Magdalena nachdachten, habe ich meiner Freude Ausdruck gegeben, dass der Herr zu dieser Frau nicht gesagt hat: «Weine nicht ...», sondern vielmehr: «Warum weinst du?» Und er gab damit Maria Magdalena die Gelegenheit, von ihrem Kummer zu sprechen und ihn nicht zu ersticken ...
An dieser Stelle sagt der Herr: «Weine nicht.» ... Mit Jesus nähert sich Gott dem menschlichen Leiden. Und weil Jesus dieses Leiden nicht besser ertragen kann als wir, sagt er zu dieser Frau: «Weine nicht.» Aber es besteht ein Unterschied zwischen unserer Aufforderung «Weine nicht» und jener von Jesus! Sein «Weine nicht» bringt die Lösung ... Wenn er sagt: «Weine nicht.», weiss Jesus, dass er den Sohn der Witwe auferwecken wird. Unsere «Weine nicht» wollen oft die Not der anderen ersticken, weil sie uns in Verlegenheit bringt. Gegenüber dem Leiden eines Menschen haben wir selten eine Lösung ... Aber haben wir doch wenigstens den Mut, das anzuerkennen, indem wir zu jemandem sagen: «Warum weinst du?» und nicht: «Weine nicht ...»
2° Jesus spricht und handelt! Mit einem Wort, mit Einfachheit, aber mit Macht, gibt er das Leben zurück! «Er ging zu der Bahre und legte seine Hand auf den Sarg. Die Träger blieben stehen. Jesus sagte zu dem toten Jungen: «Ich befehle dir: Steh auf!» (Vers 14) Und hier spüren wir vielleicht widersprechende Reaktionen in uns ... Wir freuen uns mit dieser Witwe, die ihren Sohn zurückbekommt! Was für ein Wunder! Aber wir fragen uns auch: Warum handelt Jesus hier so, und in anderen Situationen nicht? Hier wird ein junger Mann auferweckt, aber andere Menschen an anderen Orten sterben ... Und täglich stellen uns die Nachrichten auch die Frage: Wo ist der Blick Gottes? Dieser Blick voller Erbarmen? Wo ist diese Geste, die das Leben zurückgeben könnte? Auch hier möchten wir doch die Demut haben um uns einzugestehen, dass der Glaube nicht alle Antworten bringt ...
Aber diese Geschichte nimmt ein gutes Ende! «Junger Mann, steh auf!» Da setzte sich der Junge auf und begann zu sprechen. Die Mutter hatte ihr Kind durch Jesus wiederbekommen.» Die Mutter findet ihr Glück wieder: ihren Sohn! Sie sieht – und das ist normal – nur ihr wiedergefundenes Glück.
Aber um sie herum ist da immer noch diese Menschenmenge ... die andere Dinge sieht. Einige haben gesehen und gehört, dass das Wort von Christus mächtig ist! Mächtiger als der Tod! Im Vers 16 heisst es: Alle erschraken über das, was sie gesehen hatten. Dann aber begriffen sie, und sie lobten Gott und sagten: «Gott hat uns einen mächtigen Propheten geschickt. Er wendet sich seinem Volk wieder zu!»
3) «Gott wendet sich seinem Volk wieder zu!» Durch diese Zuwendung, die durch Jesus geschah, gibt uns Gott Zeichen der Hoffnung. Durch seine Geste hier für die Witwe von Nain spricht Jesus zu uns von Auferstehung. Und durch die Auferstehung von Jesus hat uns Gott gezeigt, dass er bis zum Ende gegangen ist. Bis zum Ende unseres menschlichen, vergänglichen Schicksals, um uns in seine göttliche und ewige Wirklichkeit hineinzuführen. Diese Wirklichkeit heisst: «Steh auf!» Das sind die grösste Hoffnung und der grösste Trost!
In dieser Erwartung ist die Welt nicht sich selbst oder sogar ihrem eigenen Chaos ausgeliefert. Sie ist in der Hand Gottes. Und Gott ist ein Gott des Lebens, der vom Tod zur Auferstehung führt, von der Verzweiflung zur Freude!
Aber kehren wir zu dieser Menschenmenge zurück: Auch sie ist von der Traurigkeit zur Überraschung geführt worden. Vom Schock des Todes zum Schock des Wunders, von der Angst zum Lobpreis ... «Gott hat uns einen mächtigen Propheten geschickt. Er wendet sich seinem Volk wieder zu!» ... Haben Sie die Änderung bemerkt? Die Menschenansammlung wird nicht mehr als Menschenmenge bezeichnet, sie ist zu einem Volk geworden! Zu Beginn des Bibelabschnittes ist die Rede zweimal von Menschenmenge, doch die Szene schliesst mit dem Wort «Volk». «Gott wendet sich seinem Volk wieder zu.» Plötzlich haben sich diese beiden einander fremden und unterschiedlichen Menschenmengen getroffen, wurden zu Zeugen vom mächtigen Wort von Jesus und loben ihn gemeinsam. Wenn Gott sich seinem Volk zuwendet, dann geschieht etwas!
Zum Schluss möchte ich beim Wort Menschenmenge innehalten und uns folgende Frage stellen:
Welche Menschenmenge sind wir heute Morgen, wir im Korps Zürich Zentral? Sind wir die Menge, die Jesus nachfolgt? Die mit ihm mitgeht, die versucht, so zu leben, wie er es sagt? Sind wir die Menge, die mit der Witwe geht? Und die hier ist, ganz nahe bei der Witwe in ihrem Schmerz? Diese Menge, die ein offenes Ohr hat, eine Hand, die stützt ...
Welche Menschenmenge sind wir, wir vom Korps des Zenti? Sind wir eine Menschengruppe, die sich in ein Volk verwandeln kann?
Sind wir eine Menschenmenge, die sich als ein Leib zu einem einzigartigen Lobpreis versammeln kann: zu diesem Lob, das wir dem auferstandenen Christus schulden?
Sind wir das Volk Gottes, bereit, den Heiligen Geist zu empfangen? Der Heilige Geist ist Leben!
Sind wir das Volk Gottes, das sein Wort empfängt? Und das Wort Gottes ist ausschliesslich ein Wort, das versammelt! Gott versammelt, der Teufel zerstreut. Gott auferweckt, der Teufel zerstört.
Sind wir eine Menschenmenge oder sind wir ein Volk? Wir wissen es alle, eine Menge ist trügerisch, weil wir uns durch die Anzahl der Menschen täuschen lassen können ... Und weil wir ganz anonym bleiben können in der Menge ...
Letzte Woche haben wir neue Menschen in unserem Korps empfangen. Das ist gut, aber das ist nicht alles! ... Mit ihnen, mit allen zusammen und durch Christus sind wir aufgerufen, von der Menschenmenge zum Volk zu werden ... Es ist Christus, der diesen Übergang von der Menge zum Volk ermöglicht ... Wenn Christus mitten unter uns gehört wird, wenn wir ihm gehorchen, ihm dienen, dann werden wir ein Volk, sein Volk ... Wenn Christus als Zentrum beibehalten wird: Dann sind wir sein Volk. Durch die Begegnung mit Jesus Christus kann sich der Trauerzug in einen Zug des Lebens verwandeln. Durch diese Begegnung mit Jesus Christus kann ich vom Trauerzug in den Zug des Lebens wechseln, kann ich von Tod zum Leben kommen.
Eine Menschenmenge, ein Volk besteht aus einzelnen Menschen ... 1 + 1 + 1 ... Dieser Übergang von der Menge zum Volk vollzieht sich mit jedem Einzelnen ... 1 + 1 + 1. In diesem Schlussmoment zählt die Entscheidung von jedem Einzelnen ...
Gehöre ich zu dieser Menschenmenge? Zu welcher? Zu jener, die nachfolgt und mitmarschiert ohne genau zu wissen, warum? Ganz automatisch ... Oder bin nur ein Zuschauer? Oder möchte ich teilhaben am Volk Gottes? Mich immer wieder berühren lassen durch sein Wort und seinen Heiligen Geist?
Menschenmenge oder Volk? Diese Frage wird uns hier gestellt. Eine mögliche Antwort können wir jetzt geben: an der Gebetsbank, der Bank der Gnade. Letzte Woche konnten wir hierher kommen, um dem Herrn zu sagen: «Hier bin ich ...»
Mit diesem «Hier bin ich» kann der Herr Wunderbares bewirken. Ja, die Entscheidung von jedem und jeder Einzelnen zählt. Lassen wir uns vom Herrn aufsuchen, wir, die Leute vom Zenti, damit er aus uns sein Volk machen kann ...
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