Seelsorge, Predigten

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Heilsarmee Zürich Zentral  

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Predigt zum 12.8.2007 (Corinne Gossauer-Peroz )

H wie Herz ...

Le Coeur du coeur (Graines de sagesse, quelques chemins de vie, S.39
Übersetzung: Martin Gossauer)

Ein Engel besuchte eines Tages einen Höhlenforscher namens Theophil. Dieser erhielt von ihm einen ganz besonderen Auftrag: Sein eigenes Herz zu erforschen. Theophil war einverstanden.
Um in sein Inneres einzudringen, wählte er eine Spalte, die schon vor langer Zeit entstanden war; hervorgerufen durch eine Verletzung in seiner Kindheit, die zu einer bleibenden Verwundbarkeit geführt hat. Am Ende dieses Risses gelangte Theophil in eine Zone mit auseinandergebrochenen Stücken. Sie waren die Konsequenz von allen Enttäuschungen und allem erlittenen Kummer, woraus er keine Lehre gezogen hatte. Aber diese Zerbrochenheit hatte auch ihre Nützlichkeit: Die Risse erlaubten dem ganzen Herzen besser zu atmen. In dieser Umgebung waren auch einige Teile, die ausgetrocknet waren durch all seine Manöver, sich vor dem Leiden zu schützen.
Beeindruckt setzte der Höhlenforscher Theophil seine abenteuerliche Erforschung fort. Er durchquerte nun ein Gebiet, das mit Kalk überzogen war. An diesem Ort hatte sein Herz alles aufbewahrt, was ihn unnötig belastete: die Versuchung nach Reichtum und Macht, nach übersteigerter Sicherheit, seine heuchlerischen Masken und anderes mehr. Im selben Gebiet geriet er in reissende Wasserströme, verursacht durch eine Überschwemmung von unnützen Beschäftigungen.
Theophil folgte dem Lauf des Wassers und erreichte eine Region mit Grotten. Die erste war in weichen Stein gehauen, durchtränkt von aller Liebe, die er gegeben und erhalten hatte. Ihr schützendes Dach war harmonisch geformt, geprägt durch frohe, aber auch schwierige Erlebnisse. An diesem Ort spürte Theophil ein tiefes Gefühl von Barmherzigkeit und Grosszügigkeit. Von dieser Grotte aus gelangte der Höhlenforscher eine andere, die Grotte der Schätze.
Ihre Wände waren mit kostbaren Steinen bedeckt, in ganz unterschiedlichen Grössen und Farben. Einige funkelten wie ein Feuerwerk. Andere waren unbeachtet geblieben und mit einer dicken Staubschicht bedeckt, die ihren Glanz trübte.
Theophil setzte seine Erkundigung fort und erreichte endlich das Herz des Herzens. Und was er da erlebte, überstieg bei weitem alles, was er sich hatte vorstellen können. Er befand sich in einem Raum, der von einem sanften Licht durchflutet wurde. Ein Raum, dessen Grenzen man nicht festlegen konnte. Ein Raum, der zugleich intim und unendlich war. Zutiefst überwältigt, empfand Theophil ganz verschiedene Gefühle: Wärme und Frische,
Sehnsucht, Freude, Harmonie, Begeisterung, Erfüllung und eine tiefe Verbundenheit. Denn dieser Ort war mit einer Gegenwart erfüllt. Theophil wusste, dass er hier dem grössten Geheimnis des Lebens auf der Spur war, ja – dass er dieses Geheimnis der Liebe endlich entdeckt hatte. Es war ihm, die Zeit sei still gestanden.

Es war der Engel, der Theophil wieder dahin zurückführen musste, wo er hergekommen war. Seit jenem Tag geht Theophil auf seinem Weg weiter. Er behält seine Füsse fest auf dem Boden, oder besser gesagt, oft unter dem Boden. Doch sein Herz ist im Himmel – Gott ist gegenwärtig.

In meiner letzten Predigt vom 15. Juli habe ich über den Schatz gesprochen. Wir finden den Text in Matthäus 13: der Schatz im Acker und die Perle von grossem Wert ... Ich habe dort die Frage gestellt: Gibt es eine Theologie des Glücks? Und mit einer lustigen Zeichnung habe ich Sie aufgefordert, als Ferienaufgabe über die Frage nachzudenken: Ist Jesus der Schatz unseres Lebens? Und als praktische Aufgabe: Sorge zu tragen zu diesem Schatz, der in unserem Herzen ist; zu dem Schatz der unser Herz ist. Unser Herz ist ein wunderbarer Acker, in welchem Gott anwesend ist! Wir wollen nun gerade bei diesem Acker, der unser Herz ist, innehalten.

Hören Sie auf die folgende Geschichte von Maurice Zundel aus: «Je parlerai à ton coeur» / «Ich werde zu deinem Herzen sprechen»:

Ein kleines Mädchen von vier Jahren befindet sich im Arm seiner Mutter: «Mama, womit liebe ich dich?» «Du liebst mich doch mit deinem Herzen, mein Liebes.» «Aber wo ist mein Herz?» «Es ist hier», sagt die Mutter, indem sie auf die linke Seite der Brust des Kindes zeigt. «Nein», sagt das Kind. «Das ist nicht das, womit ich dich liebe. Wo ist mein Herz, mit dem ich dich liebe?»

Dieses kleine Mädchen hat sehr gut verstanden, dass es im Innern von sich selbst grosse Geheimnisse gibt. Es spürte genau, dass das Herz, mit dem es seine Mutter liebt, nicht nur dieses Herz ist, das in ihm schlägt. Es gibt noch etwas anderes, es gibt mehr ... Das Herz! Wo ist dieses Herz, mit welchem wir lieben? Das Herz ist genau das, was «unser inneres Wesen» ausmacht. Im biblischen Lexikon steht, dass in der Bibel, mit Ausnahme von einigen Anspielungen an das Körperorgan, mit dem Wort Herz das innere Wesen in einem weiten Sinn beschrieben wird. Im Grunde ist das Herz die ganze Person mit all seinen Dimensionen. Als in Markus Kapitel 12, Vers 30 ein Mann Jesus fragt, welches das grösste Gebot sei, antwortet Jesus, indem er das Gesetz von Moses in 5. Mose 6, 5 bestätigt und diese Ganzheit der Person unterstreicht: «Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzen Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft» (Einheitsübersetzung). Herz, Seele, Gedanken, Kraft: Alle diese Wörter präzisieren womit wir unsere Liebe zum Ausdruck bringen und bezeichnen das innere Wesen. «Mit ganzem Herzen» bedeutet wirklich mit deiner ganzen Person und allen Fähigkeiten deines Wesens!

Das Herz: Die ganze Bibel ist voll davon! Sie spricht über den Reichtum, die Paradoxien und die Konflikte des Herzens, über die gute und die schlechte Wahl, die das Herz treffen kann. Sie zeigt uns, wie oft unser Herz der Ort ist, wo Gott uns seine Liebe zusagt und wir ihm unsere Liebe bestätigen. Der Ort, wo Gott zu uns spricht und wo wir mit ihm sprechen.

Zu diesem Herzen müssen wir Sorge tragen. Ich möchte zwei Sätze einander gegenüberstellen. Der eine stammt von einem Wissenschaftler, der mit seinem Satz etwas über den Stress aussagt, das so treffend ist, dass ich ihn nicht vergessen kann: «Wir werden zu sehr bedrängt.» Der Verfasser betonte, dass zu viele Dinge über unseren Geist und unser Herz ständig herfallen...

Der zweite Satz stammt von einem Mönch: «Den Weg zu seinem Herzen wieder zu finden, das ist die wichtigste Aufgabe des menschlichen Wesens.» André Louf, der diesen Satz geprägt hat, besteht auf der Tatsache, dass wir im Alltag an unserer Oberfläche leben. Dass wir viel Energie verlieren, weil wir auf der Ebene der unmittelbaren Reaktionen bleiben. Gemäss seiner Aussage ist das menschliche Wesen in Gefahr, weil es nicht mehr imstande ist, auf sein Herz zu hören, zu seinem Herzen Sorge zu tragen. Deshalb scheint für ihn «den Weg zu seinem Herzen wieder zu finden die wichtigste Aufgabe des Menschen zu sein». Ja, wir sind zu sehr bedrängt! Ja, wir leben zu oft an der Oberfläche von uns selbst und nicht aus unserem Herzen und seiner Tiefe heraus ... In einer Ferienzeit, in einer Zeit der Krankheit oder der Krise müssen wir manchmal auf eine brutale Weise erfahren, wie unser Herz zu sehr bedrängt wird und sich deshalb zu sehr verzettelt, allzu müde wird. Stress, Nervosität, Müdigkeit, Friede, Harmonie, Ruhe ... Sprechen diese Worte zu Ihrem Herzen? Zeigt Ihnen eines dieser Wörter heute Morgen den Zustand Ihres inneren Wesens auf?

Ich möchte Ihnen eine Übung vorschlagen: Während der nächsten zwei Minuten wollen wir in der Stille verweilen. Ich lade Sie ein, in die Tiefen Ihres Herzens hinabzusteigen und zu hören versuchen – in sich und für sich – durch welches Wort Ihr Herz heute Morgen definiert wird: durch Stress, Sorge, Nervosität, Müdigkeit, Friede, Dankbarkeit, Harmonie, Ruhe ...

«Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus» Sprichwörter 4, 23 (Einheitsübersetzung). Entscheiden Sie sich, mit dem Ausdruck, der Ihr Herz an diesem Morgen beschreibt, zu Ihrem Herzen Sorge zu tragen: Es ist die Quelle des Lebens, weil es dort ist, wo Gott zu Ihnen spricht!

«Den Weg zu seinem Herzen wieder zu finden, das ist die wichtigste Aufgabe des menschlichen Wesens.» Dieser Satz könnte auf den ersten Blick fast romantisch erscheinen ... Aber es ist nicht ganz so einfach,

• weil das Herz der Ort meiner wahrhaftigen Identität ist: Habe ich wirklich den Wunsch, diese Identität kennen zu lernen?

• weil das Herz der Ort ist, wo Gott zu mir spricht und ich mit ihm spreche: Bin ich fähig, mir Zeit zu nehmen, um auf den Herrn zu hören? Habe ich wirklich das Verlangen, ihm mein Herz zu öffnen?

• weil das Herz das «Hauptquartier» meiner Gefühle ist: der besten und der schlimmsten. Habe ich das Verlangen, mich dem zu stellen, was schön ist und was weniger schön ist?

Den Weg zu seinem Herzen wieder zu finden, das bedeutet, wahrzunehmen, was sich dort abspielt. Das heisst, keine Angst davor zu haben, die Gefühle, die vergangenen und die gegenwärtigen Erfahrungen in Worte zu fassen ... Dieser Wunsch ist in den tiefsten Tiefen von uns eingeschrieben, aber alles um uns herum will uns davon abhalten: der Lärm, der Stress, die Unruhe ...

Mit grossem Erstaunen habe ich vor ein paar Wochen die Äusserungen einer Psychologin über Gewalt bei den Jugendlichen gelesen. Das Werkzeug zur Prävention, das sie vorschlägt, ist die Kultur der Gefühle. Ich zitiere aus einem Artikel von Chantal Brouze im welschen Migros-Magazine vom 18. Juni 2007: Seine Gefühle erkennen zu lernen, seine Traurigkeit, seine Wut, seine Freude, und sie zu verbalisieren ... Die Jugendlichen, die ich antreffe, verstehen manchmal nicht einmal den Sinn des Wortes «spüren, empfinden». Sie haben eine sehr armselige Palette von Gefühlen, machen keinen Unterschied zwischen Enttäuschung, Angst oder Machtlosigkeit. Sie fühlen sich einfach nur angegriffen und schlagen zurück. Die Kinder und Jugendlichen mit Problemen sind tatsächlich oft emotionale Analphabeten. Das will nicht heissen, dass sie keine Gefühle empfinden, aber sie können sie nicht erkennen und in Worte fassen.»

«Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.» Im 4. Kapitel des 1. Moses, benützt Gott bereits diese Methode! Kain ist gereizt, weil Gott das Opfer seines Bruders Abel vorgezogen hat. Gott kommt zu Kain und lädt ihn ein, seine Gefühle, seine Wut in Worte zu fassen (Vers 6): «Warum bist du so zornig und blickst so grimmig zu Boden?», fragt ihn der Herr. Und Gott fährt fort, indem er allen Menschen einen «Schlüssel für das Leben» gibt. Gott bestätigt, dass das menschliche Herz vom Besten und vom Schlimmsten bewohnt ist ... Fähig zum Besten und fähig zum Schlimmsten ... Aber dieses Herz kann zwischen dem Guten und dem Schlechten wählen! Das sind eine Entscheidung und ein Willensakt. Vers 7: «Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du doch jedem offen ins Gesicht sehen. Wenn du jedoch Böses planst, dann lauert die Sünde dir auf. Sie will dich zu Fall bringen, du aber beherrsche sie!»

Die Luther-Übersetzung sagt: «...so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie». Sie sehen also, der Umgang mit schwierigen Situationen besteht nicht erst heute! Gott ist allmächtig, aber hier wird nicht einmal sein Eingreifen das Schlimmste verhindern können! Diese Begegnung zwischen Gott und Kain hat nicht zu einem Dialog geführt ... Gott allein ist es, der spricht; er fragt, er berät, er kommt, um Kain zu helfen, seine Gefühle in Worte zu fassen! Gott sucht den Dialog mit Kain, aber es gelingt Kain nicht, den Weg zu seinem Herzen zu finden ... Seine Wut, seine Isolierung werden ihn zur Gewalt treiben; zum Mord an seinem Bruder. Ich finde die folgende Tatsache sehr berührend: Gott kommt, um Kain zu finden, der von Wut ergriffen ist. Das heisst unter anderem, dass die Wut von Kain Gott nicht in die Flucht schlägt, ganz im Gegenteil! Wir befinden uns auf den ersten Seiten der Bibel und eine der schönsten Tatsachen wird uns hier gesagt: Das Herz ist der Ort, wo Gott uns begegnet und wo wir ihm begegnen können. Gott kommt, um zu unserem Herzen zu sprechen. Er ist bereit, mit uns zu sprechen, uns zu trösten, uns das Licht und die Kraft zu bringen, die wir nötig haben. Es gibt nichts, was näher wäre bei unserem Herzen als Gott selbst! Weil er dieses Herz erschaffen hat! (Psalm 33, 15a). Weil er die Stärken und die Schwächen darin kennt, und das schlägt ihn nicht in die Flucht! Nein, er kommt, um uns zu ermutigen, uns wieder aufzurichten und das auszuwählen, was gut ist ...

«Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.» Unser Herz ist ein Schatz, weil es der Ort ist, wo Gott zu uns spricht und wir mit ihm sprechen können! «Den Weg zu seinem Herzen wieder zu finden», das bedeutet, uns noch mehr bewusst zu werden, dass unser Herz, dieser Ort im Innersten von uns, der Ort ist, wo Gott uns erwartet. Unser Herz ist der einzige Ort, wo das geistliche Leben entsteht und wächst. Unser Herz ist ein Schatz, weil es die Quelle des Lebens ist! Weil es der Ort ist, wo der Heilige Geist seinen Wohnsitz nehmen möchte und es auch tut! «Den Weg zu seinem Herzen wieder zu finden»: Das bedeutet, uns nach und nach mit unserem Herzen zu befreunden, einen Einklang mit unserem Herzen zu erleben, auf Französisch sagt man: vivre un coeur-à-coeur. Aber weil wir «zu stark bedrängt» sind, haben wir Schwierigkeiten, innezuhalten, um diesen so schönen Moment zu erleben.

Ein solcher Einklang des Herzens, ein Coeur-à-coeur mit Gott kann ohne Worte gelebt werden: Er ist da und ich bin da. Aber in der Stille werde ich mir seiner Gegenwart und meines Wunsches bewusst, mit Gott zu sein. Thérèse de Lisieux fasste ihr Gebet auf folgende Weise zusammen: «Ich sage nichts zu ihm, ich liebe ihn einfach.» Worte sind nicht immer nötig, vor allem in einem Coeur-à-coeur mit Gott.

Wie geht es Ihrem Herzen? Vergessen Sie den Ausdruck nicht, der Ihr Herz heute Morgen beschreibt. Kennen wir die Mittel und Wege gut genug, um zu unserem Herzen Sorge zu tragen? «Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.» Ein Coeur-à-coeur mit Gott findet dann statt, wenn sein Wort unseren müden Herzen wieder Atem, Vertrauen und Hoffnung gibt. In unserem Leben sind wir stark gefordert, sind wir überfordert und die Chancen sind gross, dass wir es weiterhin bleiben. Aber wenn wir uns Zeit nehmen für ein Coeur-à-coeur mit Gott, dann können wir diese Momente und Ereignisse als veränderte Menschen erleben. Nicht indem wir sie einfach über uns ergehen lassen und wir unseren Gefühlen ausgeliefert sind... Sondern indem wir uns innerlich richtig einstellen, ausgerichtet auf den Atem des Heiligen Geistes. Wählen wir das Leben! Finden wir den Weg wieder zu unserem Herzen, für ein Coeur-à-coeur mit Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Alle diese drei haben nur einen Wunsch: Zu uns mit grosser Behutsamkeit von der Liebe Gottes zu sprechen, wie es in 1. Johannes 3, 20 steht: «Denn wenn das Herz uns auch verurteilt, Gott ist grösser als unser Herz, und er weiss alles.»

Kontakt

Majore
Walter und Hanny Bommeli

Heilsarmee Zürich Zentral
Ankerstrasse 31
8004 Zürich

Tel. 044 242 53 89

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