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Predigt zum Konfirmationssonntag am 24.6.2007 (Martin Gossauer)
Jesus begegnen: eine Grenzerfahrung
(Lukas 19, 1-10)
1 Als Jesus durch Jericho zog, liefen viele Menschen zusammen. 2 Unter ihnen war Zachäus, der Oberaufseher über alle Zolleinnehmer. Er war sehr reich.
3 Zachäus wollte Jesus unbedingt sehen; aber er war sehr klein, und niemand machte ihm Platz. 4 Da rannte er ein Stück voraus und kletterte auf einen Maulbeerbaum, der am Weg stand. Von hier aus konnte er alles überblicken.
5 Als Jesus dort vorbeikam, entdeckte er ihn. «Zachäus, komm schnell herunter!» rief Jesus. «Ich möchte heute dein Gast sein!» 6 Im Nu war er vom Baum herunter und nahm Jesus voller Freude mit in sein Haus. 7 Die anderen Leute empörten sich über Jesus. «Jeder weiss doch, dass Zachäus nur durch Betrug reich geworden ist! Wie kann Jesus nur dieses Haus betreten!»
8 Zachäus wurde auf einmal sehr ernst: «Herr, ich werde die Hälfte meines Vermögens an die Armen verteilen, und wem ich am Zoll zuviel abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück.» 9 Da sagte Jesus zu ihm: «Heute ist ein grosser Tag für dich und deine Familie; denn Gott hat euch heute als seine Kinder angenommen. Du warst einer von Abrahams verlorenen Söhnen.
10 Der Menschensohn ist gekommen, Verlorene zu suchen und zu retten.»
(Hoffnung für alle)
Einleitung
Heute ist ein grosser Tag für dich und deine Familie ... Das können wir den Konfirmanden wohl sagen. Ihr steht im Mittelpunkt: es geht um euch hier im Gottesdienst und später, wenn ihr mit der Familie feiert. Eure Familien und Freunde sind extra für euch gekommen, und sie haben Geschenke für euch mitgebracht. Aber nicht nur das macht den Tag zu einem grossen Tag: Der heutige Tag markiert eine wichtige Wende in eurem Leben, den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Heute ist ein grosser Tag für dich und deine Familie.
Genau diese Worte hat Jesus zu Zachäus gesagt nach seinem Besuch bei ihm: Heute ist ein grosser Tag für dich und deine Familie. (Vers 9) Was meinte Jesus damit? Was machte diesen Tag zu einem grossen Tag für Zachäus? Was für eine Wende erlebte Zachäus in seinem Leben an jenem grossen Tag?
Jesus begegnen: eine Grenzerfahrung
Wir haben Bilder von Grenzerfahrungen gesehen in der Sportwelt. Zachäus begegnete Jesus. Jesus begegnen ist auch eine Art Grenzerfahrung. Eine Begegnung mit Jesus führt uns an die Grenzen unseres Lebens, an die Grenzen dessen, was erlebbar ist. Eine Begegnung mit Jesus lässt uns das Leben ausloten bis zu seinem wahren Kern und Sinn, lässt uns das wahre Leben erkennen. Eine Begegnung mit Jesus zeigt uns, wer wir wirklich sind und wozu wir leben. Eine Begegnung mit Jesus ist eine existenzielle Erfahrung, die unser Leben, unsere Existenz grundlegend verändert. Sie stellt unser Leben auf den Kopf. Jesus begegnen ist eine Grenzerfahrung, die unsere ganze Aufrichtigkeit fordert, uns in die Tiefe des Menschseins und auf die Höhe eines erfüllten Lebens führt. Bist du diesem Jesus begegnet? Kennst du diese Art von Grenzerfahrung?
Was führte zu dieser Grenzerfahrung, zu diesem grossen Tag bei Zachäus? Wir wollen schauen, wie die Begegnung zwischen ihm und Jesus zustande gekommen ist. Es sind drei Voraussetzungen, die zu seiner Grenzerfahrung in der Begegnung mit Jesus geführt haben.
1. Einander Aufmerksamkeit schenken
a) Zachäus schenkte Jesus seine Aufmerksamkeit, er interessierte sich für ihn. Es heisst: Zachäus wollte Jesus unbedingt sehen (Vers 3). Als Jesus durch Jericho zog, liefen viele Menschen zusammen (Vers 1). Alle wussten, Jesus kam in die Stadt und Zachäus wollte Jesus unbedingt sehen. Er war neugierig, er war 'gwundrig'. Irgendwie wusste er, dass es für ihn wichtig war, diesen Jesus zu sehen. Er spürte einen inneren Drang, dem er nachgeben musste und er tat alles, um sein Ziel zu erreichen. Er stieg sogar auf einen Baum. Er kümmerte sich weder um sein Ansehen, noch um die Meinung anderer.
Stell dir vor, Jesus kommt nach Zürich ...! Sicher würde er die Bahnhofstrasse hinuntergehen, wo tausende von Menschen sich stossen und drängen, alles wird live auf TV Züri übertragen und dort, auf einem Baum, sitzt der Direktor der UBS oder der Nationalbank, mit Anzug und Krawatte. Was macht das für eine Falle auf jeden Fall ist das auch eine Grenzerfahrung. Doch vielleicht würde Jesus ja die Langstrasse vorziehen und da hat es keine Bäume.
Spass beiseite, die Frage ist: Habe ich das gleiche Verlangen wie Zachäus: Will ich Jesus unbedingt sehen? Ich möchte euch Konfirmanden, und uns allen, sagen: Sei gwundrig, sei neugierig, Jesus zu entdecken, Jesus zu sehen. Bleibe gwundrig, bewahre dir diese Neugier, halte deine Augen und dein Herz offen, um Jesus zu sehen und setze alles daran, damit du dort bist, wo du Jesus sehen kannst, wenn er vorbeikommt selbst, wenn es auf einem Baum ist.
b) Auch Jesus schenkt seine Aufmerksamkeit Zachäus: Als Jesus dort vorbeikam, entdeckte er ihn (Vers 5). Mitten in der grossen Menschenmenge sieht Zachäus nicht nur Jesus, nein, Jesus sieht auch Zachäus. Jesus entdeckt den hungrigen Blick von Zachäus und merkt, der erwartet etwas von mir.
Ich möchte euch Konfirmanden, und uns allen sagen: Jesus sieht dich, wenn er vorbeikommt. Er sieht nicht nur einfach die ganze, anonyme Menschenmenge, er sieht dich als einzelnen Menschen, in der Situation, in der du steckst. Er sieht dein Verlangen nach ihm. Wo kommt Jesus heute denn vorbei? Vielleicht da, wo wir es gar nicht erwarten? Jesus sucht die Nähe der Menschen. Es kann sein, dass Jesus im Gottesdienst vorbeikommt, zu Hause in der Familie, wenn ich alleine unterwegs bin, mitten auf der Strasse, wenn ich jemandem begegne oder wenn ich still zu ihm bete, in seinem Wort lese. Wo immer Jesus vorbeikommt, will ich dabei sein und ihn sehen.
2. Heruntersteigen
a) Die zweite Voraussetzung für eine Grenzerfahrung mit Jesus heisst: Du musst heruntersteigen. Es bleibt nicht beim Blickkontakt. Jesus spricht Zachäus an und ruft ihn bei seinem Namen: Zachäus, komm schnell herunter! In diesem Ruf ist eine Dringlichkeit: Komm jetzt, ohne zu zögern, handle sofort. Verlass die Sicherheit deines Beobachterpostens und steige herunter.
Wir alle sitzen auf solchen Bäumen: Wir halten uns auf eine gewisse Distanz, damit man uns nichts antun kann. Wir haben die Übersicht, doch halten wir uns aus der Sache heraus. Jesus fordert uns auf: Komm zu mir. Verlass all deine falschen Sicherheiten. Wage dich herunter. Komm sofort! Dies ist ein Schlüsselmoment in der Grenzerfahrung mit Jesus.
b) Zachäus lässt sich nicht zweimal bitten: Im Nu war er vom Baum herunter ... (Vers 5). Das ist der Moment, wie beim Banji Jumping, in dem wir springen, in dem wir in der Luft hängen, wenn das Gummiseil sich dehnt und unser Herz still steht. Das ist die Entscheidung, die ich treffen muss, wenn die Einladung von Jesus kommt: Loslassen und heruntersteigen. Ich möchte euch Konfirmanden und uns allen sagen: Steig von deinem Baum herunter, wenn Jesus dich ruft.
3. Sich Zeit füreinander nehmen
a) Die dritte Voraussetzung heisst: sich Zeit füreinander nehmen. Jesus sagt: Zachäus, komm schnell herunter! Ich möchte heute dein Gast sein! (Vers 5). Ich könnte mir vorstellen, dass Jesus an jenem Tag schon eine ausgefüllte Agenda hatte: Höflichkeitsbesuch beim Stadtpräsidenten, Gespräch mit den religiösen Führern der Stadt, Vorlesung in der Synagoge, kurze Standtortbesprechung mit seinen Jüngern, Autogrammstunde für Sympathisanten ... Doch hier war dieser Zachäus, und Jesus nahm sich Zeit für ihn. Nicht nur rasch ein Autogramm und ein 'Gott segne dich, mein Sohn!' Nein, er möchte, dass Zachäus ihn bei sich empfängt. Er lädt sich gewissermassen selber ein und doch drängt sich Jesus nie auf.
b) Zachäus nahm Jesus voller Freude mit in sein Haus (Vers 6). Zachäus fühlte sich geehrt, dass Jesus zu ihm nach Hause kam. Ich möchte euch Konfirmanden und uns allen sagen: Nimm dir Zeit für Jesus, beschränke dich nicht auf einen unverbindlichen Blickkontakt. Jesus sagt auch dir: Ich möchte heute dein Gast sein! Heute, nicht morgen oder erst übermorgen, wenn ich mir's dann gut überlegt habe. Jetzt bin ich da, packe die Gelegenheit beim Schopf. Ich möchte dir auch sagen: Nimm Jesus zu dir nach Hause. Lass ihn nicht vor der Türe stehen. Sperr ihn nicht in die Kirche ein, wo du ihn hervorholst, wenn du fromme Sprüche klopfen willst im Gottesdienst. Lass ihn nicht zwischen den beiden Buchdeckeln, wenn du deine Bibel zuschlägst. Jesus möchte bei dir zuhause sein. Schenke ihm Einblick in deinen Alltag, in dein Leben, in dein Zimmer.
Heute ist ein grosser Tag für dich und deine Familie
Nun ist also dieser Jesus bei Zachäus zu Hause, sie trinken Tee miteinander und ... ja, die Bibel sagt uns gar nicht, was da geschehen ist oder worüber sie gesprochen haben. Jesus begegnen ist eine Grenzerfahrung. Grenzerfahrungen kann man nicht erklären, man muss sie selber erleben. Doch heisst es, Zachäus wurde auf einmal sehr ernst ... Jesus begegnen ist eine tolle, coole Sache, aber auch eine ernste Angelegenheit, und die Bibel sagt uns zwei Dinge:
1. Zachäus ist nicht mehr derselbe nach seiner Begegnung mit Jesus, und das wird in seinem Handeln sichtbar: Er macht wieder gut, wo er Menschen unrecht behandelt hat. Ja, er wird grosszügig und teilt mit den Armen. Ein grosser Tag, nicht nur für Zachäus, sondern auch für die andern! Wenn ich Jesus begegne, hat dies Auswirkungen auf mein Handeln im Alltag.
2. Jesus sagt ihm, worin der grosse Tag für ihn besteht: Heute ist ein grosser Tag für dich und deine Familie; denn Gott hat euch als seine Kinder angenommen (Vers 9). Zachäus gehört nun zu Gottes Familie und ist von ihm angenommen das ist der grosse Tag. Ich möchte euch Konfirmanden und uns allen sagen: Der grösste Tag in deinem Leben ist, wenn du die Stimme von Jesus hörst, der zu dir sagt: Gott hat dich als sein Kind angenommen und das kann heute sein.
Schluss
Ja, und dann ist da noch Vers 10, der alles auf den Punkt bringt und uns sagt, worum es in der Grenzerfahrung mit Jesus geht: Der Menschensohn (das ist Jesus) ist gekommen, Verlorene zu suchen und zu retten. Zachäus erkannte: Ohne Jesus bin ich verloren, ohne Jesus fehlt mir etwas, hat mein Leben keinen Sinn. Die Grenzerfahrung 'Jesus begegnen' ist nur möglich, wenn du merkst: Ich brauche Jesus, ohne ihn bin ich verloren. Nur er kann mich retten. Es ist eine Grenzerfahrung, in der es um Leben und Tod geht. Der Menschensohn (das ist Jesus) ist gekommen, Verlorene zu suchen und zu retten. Mich, auch dich, uns alle! Ich wünsche uns allen viel Mut zu einer Grenzerfahrung mit Jesus, zu einer Begegnung mit ihm.
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