Seelsorge, Predigten

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Heilsarmee Zürich Zentral  

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Predigt zum 10.6.2007 (Martin Gossauer)

Das Gleichnis von den beiden Söhnen: Gottes Willen tun
(Matthäus 21, 28-32)

Einleitung

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn und seinem Bruder ist uns sicher allen bekannt. Lukas erzählt es in seinem Evangelium. Es gibt aber noch ein anderes Gleichnis von zwei Söhnen, das wir heute betrachten wollen. Es ist weniger bekannt, und wir finden es nur im Matthäusevangelium. Jesus wendet sich mit diesem Gleichnis an die Hohenpriester und Ältesten, d.h. an die religiösen Führer des Volkes zu jener Zeit. Jesus beginnt seine Geschichte mit den Worten: Was sagt ihr dazu? Er richtet sich damit an ihr Urteilsvermögen:

Dasselbe Urteilsvermögen traue ich euch zu und so frage ich auch euch: Was sagt ihr dazu? Wenn Sie eine Bibel dabei haben, folgen Sie genau dem Text. (Lektüre des Textes in zwei Versionen)

1. Version

Ein Mann hatte zwei Söhne. Er sagte zu dem ersten: Mein Sohn, arbeite heute in unserem Weinberg! «Ich will aber nicht», entgegnete dieser und er blieb zu Hause und ging nicht hin. Auch den zweiten Sohn forderte der Vater auf, die Arbeit zu erledigen. Der antwortete ihm: «Ja, Vater!» Und er ging sofort hin und machte sich an die Arbeit.

Was sagt ihr dazu? Seid ihr einverstanden? Nein, die Geschichte hat sich doch nicht ganz so einfach abgespielt.

Hören wir auf die richtige, auf die biblische Version (Übersetzung nach Ulrich Wilckens):

Was meint ihr aber dazu: Ein Mann hatte zwei Söhne. Und er kam zum ersten und sagte: «Auf, Kind, arbeite heute im Weinberg!» Doch der antwortete: «Nein, ich mag nicht.» Doch nachher reute es ihn, und er ging doch hin. Und er kam zu seinem anderen Sohn und sagte ihm dasselbe. Der antwortete: «Jawohl, Herr!» – und ging dann doch nicht hin. Wer von den zweien hat den Willen des Vaters getan? Sie antworteten: «Der erste.» Da sagte Jesus zu ihnen: «Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher in das Reich Gottes als ihr! Denn Johannes ist zu euch auf dem Wege der Gerechtigkeit gekommen, und ihr habt ihm nicht geglaubt: Doch die Zöllner und Huren haben ihm geglaubt. Das habt ihr wohl gesehen, habt aber nicht einmal nachträglich bereut und ihm Glauben geschenkt!» (Matthäus 21,28-32)

Die beiden Söhne

Sicher ist es uns allen schon passiert, dass jemand uns 'ja' sagt, und dann doch nicht tut, worum wir ihn gebeten haben. Oder jemand sagt uns zuerst nein, und wir sind froh, wenn er unserer Bitte schliesslich doch entspricht.

Im biblischen Text finden wir den Sohn 'Nein-Ja' und den Sohn 'Ja-Nein'. Der eine sagt zuerst 'Nein' und tut dann doch, was man ihm sagt, der andere sagt 'Ja' und tut doch nicht, worum man ihn bittet. Warum zwei Söhne? Warum diese beiden Söhne? Es könnten ja auch der Sohn 'Ja-Ja' und der Sohn 'Nein-Nein' vorkommen, einer, der Ja sagt und auch geht und einer, der Nein sagt und nicht geht?! Auf jeden Fall hat Gott die Menschen verschieden geschaffen, und so reagieren wir auch unterschiedlich. Diejenigen unter uns, die Eltern sind, wissen: Ein Vater hat ja nie zwei Kinder, die gleich sind. Und weil sie verschieden sind, reagieren sie auch unterschiedlich.

Ich kann mir vorstellen, dass diese beiden Söhne irgendwo verwandt sind mit den beiden Brüdern im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auf jeden Fall finden wir gewisse Parallelen: Gott wird uns als ein Vater vorgestellt und die Zuhörer von Jesus als seine Söhne. Und in beiden Gleichnissen kommt dieser Vater auf seine Söhne zu: Hier ging er zum ersten Sohn und sagte ihm: «Auf Kind, arbeite heute im Weinberg.» Gott ist ein Vater, der immer auf seine Kinder zugeht, wie immer sie auch reagieren, wie unterschiedlich sie auch sind. In beiden Gleichnissen sucht der Vater das Gespräch mit seinen beiden Söhnen. Sie sind für ihn gleichwertig und er schenkt beiden die gleiche Zuneigung. In beiden Gleichnissen gibt es einen Sohn, der sich auflehnt, dann Reue zeigt und schliesslich gehorcht, und es gibt einen braven Sohn, der immer tut, was man ihm sagt, doch sein Herz ist nicht dabei und schliesslich ist er es, der sich vom Vater entfernt.

Der vordergründig immer gehorsame Sohn hat nicht verstanden, dass Gottes Reich Gnade ist. Er lebt seine Kindschaft als eine Gebundenheit und nicht als eine Freiheit. Er hat die Liebe des Vaters nicht verstanden. Es ist klar, dass Jesus damit die religiösen Führer meint, die sich vor dem Gesetz als gerecht betrachten, die in ihrem Herzen aber nicht an die Worte des Johannes des Täufers und an die Worte Jesu glauben und mit ihrem Verhalten 'nein' sagen zu Gottes Reich.

Der rebellische Sohn sagt zuerst: 'Ich will nicht!' Aber hinter seiner Bockigkeit verbirgt sich ein goldenes Herz, das bereit ist, seine Meinung zu ändern, um dem Vater zu gefallen. Sein Lebensstil entspricht nicht dem Reiche Gottes aber die Worte von Jesus lassen ihn seine Armut erkennen, sein Bedürfnis nach einem Wort, das rettet, und schliesslich sagt er 'Ja'. Das sind die betrügerischen Zolleinnehmer und Prostituierten, für die frommen Juden Beispiele eines immoralischen Lebens und von Menschen, die sie verachten. Doch sie werden als Erste in Gottes Reich aufgenommen.

Es ist doch erstaunlich und wunderbar, dass Gott in seiner Liebe unsere 'Ja' und unsere 'Nein' annimmt. Der wahre Vater ist derjenige, der seinem Sohn die Möglichkeit gibt, 'Nein' zu antworten. Wirkliche Liebe lässt dem Aufbegehren Raum, lässt auch ein 'Nein' zu, lässt uns frei! Das ist eine gute Nachricht!

Die gute Nachricht ist: Ich kann meine Haltung ändern!

Das Evangelium ist für uns immer 'Gute Nachricht'. Eine weitere gute Nachricht, die unser Text enthält, ist: Wir haben die Möglichkeit zu ändern. Das ist gleichzeitig tröstlich, aber auch herausfordernd.

Gott liebt keine Etiketten, also kleben auch wir keine auf die Menschen: Wir teilen die Menschen so gerne in definitive Kategorien ein und haben dann Mühe, an die Aufrichtigkeit eines Menschen zu glauben, der ein schlechtes Leben führte und sich plötzlich zu ändern scheint, oder es fällt uns schwer uns vorzustellen, dass eine ehrwürdige Person auf die schiefe Bahn gerät. Haben wir uns nicht auch schon gesagt, wenn jemand uns enttäuscht: Er oder sie wird sich sowieso nie ändern. Auch in Bezug auf uns selber, auf unsere eigenen Schwierigkeiten, uns hier und dort zu verbessern, passiert es uns, dass wir uns entmutigen lassen und uns sagen: Ich schaffe es doch nie!

Gott sieht es anders. Gott sieht, wie wir am Werden sind, wie wir uns auf die Freiheit hin entwickeln. Wie auch immer unsere Vergangenheit aussieht, in welcher Phase auch immer unser gegenwärtiges Leben steckt, Gott sieht weiter. Er klassiert uns nicht in definitiv Gute und definitiv Schlechte, für ihn sind wir Söhne, Töchter, die sich verändern, die sich vorwärts oder zurück bewegen. Die Gute Nachricht ist: Ich kann mein Leben verändern! Diese Botschaft der Hoffnung wollen wir festhalten, für uns und für andere! Die gleiche Einladung, der gleiche Ruf ergeht an jeden Menschen: «Mein Sohn, meine Tochter, arbeite heute in unserem Weinberg.» Wir stehen alle immer wieder vor der gleichen, entscheidenden Wahl: 'Ja' oder 'Nein' sagen zu einem Leben mit Gott. Diese gute Nachricht ist tröstlich, sie ist aber auch ernst.

Das Reich Gottes ist heute

Vergessen wir nicht, dass es dabei darum geht, ob wir zu Gottes Reich gehören oder nicht. Es geht um eine Entscheidung mit Ewigkeitswert. Doch Jesus unterstreicht mit seinen Worten, dass es nicht nach dem Tode oder morgen um dieses Reich Gottes geht, sondern heute. Dieser kleine Hinweis ist ein Schlüsselwort, das Jesus in ganz bestimmter Weise benutzt: Geh und arbeite heute in unserem Weinberg. Es gibt keine Wartelisten für dieses Reich, auf denen man sich einschreiben kann! Wenn man nicht danach trachtet, in jedem Augenblick einzutreten, ist man schon wieder draussen, bevor man es bemerkt. Das Reich Gottes geschieht jeden Tag, heute, jetzt: In unserem konkreten Alltag geht es darum, dass wir unser 'Ja' zu Gottes Willen sagen – jeden Tag neu und nie einmal für immer. Wo ist also der Weinberg, in dem Gott möchte, dass ich für ihn arbeite?

Was zählt, ist unser Handeln

Auf der einen Seite sind unsere Worte, auf der anderen unsere Taten. Mit dem Gleichnis der beiden Söhne weist Jesus klar darauf hin, dass das, was zählt, nicht unsere Worte oder guten Absichten sind, sondern unser Handeln. Erinnern wir uns auch, was Jesus sagt in Matthäus 7,21: «Nicht, wer mich dauernd 'Herr' nennt, wird in Gottes Reich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.» An das Evangelium glauben, bedeutet immer 'Gottes Willen tun'! Johannes drückt es so aus in seinem ersten Brief: «... lasst uns einander lieben: nicht mit leeren Worten, sondern mit tatkräftiger Liebe und in aller Aufrichtigkeit» (1. Johannes 3,18).

Seien es unsere 'Ja', unsere 'Nein', unsere 'Ja, aber' oder manchmal auch unser Schweigen aus Angst vor konsequentem Handeln – wir wollen unsere Antworten hinterfragen in Bezug auf die konkrete Bestätigung in unserem täglichen Handeln. Zeigt unser Handeln im Alltag eine Lebensrichtung, die auf Gottes Reich ausgerichtet ist? Das ist die Frage, der wir uns alle stellen müssen, das ist die Thematik, um die es geht: Unser tägliches Handeln, unsere konkreten Entscheidungen tragen entweder dazu bei, Gottes Reich sichtbar zu machen oder es zu verdrängen. Durch unsere konkrete Haltung tragen wir zur Ausstrahlung des Evangeliums bei oder nicht. Die Entscheidungen, die wir treffen müssen, sind nicht immer klar und selbstverständlich – aber wir müssen uns auch der Mittel bedienen, die uns helfen in unserem Bestreben, richtig zu entscheiden, richtig zu handeln: Zeit nehmen, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Hören auf Gottes Wort, Zeit zum Hören auf andere Menschen.

Reue zeigen

Es ist diese Zeit, die den ersten Sohn im Gleichnis zur Reue und zu einer Neuorientierung seines Lebens geführt hat, die ihn vom Nein zum Ja gebracht hat: «Ich will aber nicht!» Entgegnete dieser. Später tat es ihm leid, und er ging doch an die Arbeit. Sein Herz hat sich verändert, erneuert. Diese Reue und diese Neuorientierung im Leben ist möglich für die Betrüger und Prostituierten, weil sie sich keine Illusionen machen über sich selbst. Sie sind nicht Gefangene ihres guten Rechts, ihrer eigenen Gerechtigkeit. Ihre Situation am Rande der Gesellschaft eröffnet ihnen den Weg zur Gnade Gottes und lässt sie eine Armut erfahren, die ihnen hilft, anders auf den Ruf Gottes zu antworten. Gehen wir nicht achtlos an diesem kleinen, aber eminent wichtigen Detail vorüber: Die Reue und die Antwort des Glaubens sind ganz zentral im Denken von Jesus. Zweimal in dieser kurzen Geschichte spricht Jesus von Reue und dreimal vom Glauben. Und es ist diese Haltung, die Jesus beim ersten Sohn bewundert: Später tat es ihm leid, und er ging doch an die Arbeit.

Schlussfolgerung

«Auf Kind, arbeite heute im Weinberg!» Damit Gottes Reich wächst und heute besteht, braucht Gott unsere Mitarbeit. Gott vertraut uns die Zukunft seines Projektes für die Menschen an. Welches ist unsere Antwort auf seinen Ruf? Ist es eine Antwort, die mich dazu bringt, mein Leben und mein Handeln in Gottes Weinberg einzubringen? Ist es eine Antwort, die mich zu echter Reue führt und mich mein Leben ändern lässt?

Quellen:
Kommentare von André Sève, Noël Quesson, Alphonse Maillot, Service Protestant de Radio Suisse Romande

Kontakt

Majore
Walter und Hanny Bommeli

Heilsarmee Zürich Zentral
Ankerstrasse 31
8004 Zürich

Tel. 044 242 53 89

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