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Predigt zum 3.6.2007 (Corinne Gossauer-Peroz)
Auffahrt und Pfingsten
(Apostelgeschichte 1, 4-9 und 2, 1-4)
Kap. 1, 04: An einem dieser Tage befahl Jesus seinen Jüngern: «Verlasst Jerusalem nicht! Bleibt so lange hier, bis in Erfüllung gegangen ist, was euch der Vater durch mich versprochen hat. 05 Johannes taufte mit Wasser; ihr aber werdet bald mit dem Heiligen Geist getauft werden.» 06 Bei dieser Gelegenheit fragten sie ihn: «Herr, wirst du jetzt Israel wieder zu einem freien und mächtigen Reich machen?» 07 Darauf antwortete Jesus: «Die Zeit dafür hat allein Gott der Vater bestimmt. Das ist nicht eure Sache. 08 Aber ihr werdet den Heiligen Geist empfangen und durch seine Kraft meine Zeugen sein in Jerusalem und Judäa, in Samarien und auf der ganzen Erde.» 09 Nachdem er das gesagt hatte, nahm Gott ihn zu sich. Eine Wolke verhüllte ihn vor ihren Augen, und sie sahen ihn nicht mehr.
Kap. 2, 01: Zum Beginn des jüdischen Pfingstfestes waren alle Jünger wieder beieinander. 02 Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich versammelt hatten. 03 Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem einzelnen von ihnen niederließ. 04 So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt, und sie redeten in fremden Sprachen; denn der Geist hatte ihnen diese Fähigkeit gegeben.
Ja, ja, das ist wirklich wahr: Wir haben dieses Jahr die Auffahrt nicht gefeiert! Ich meine, die Auffahrt auf Heilsarmee-Art ... Und für Pfingsten, da waren die einen hier, die anderen auf der Waldegg. Und vielleicht mit anderen Überlegungen als mit Gedanken an Pfingsten beschäftigt. Aber dennoch sind diese beiden Ereignisse sehr wesentlich. Deshalb möchte ich heute Morgen darauf zurückkommen und da innehalten.
An Auffahrt verlässt der Herr die Gruppe der Jünger ... Er kehrt zu Gott zurück. Er geht weg, aber wir bleiben mit ihm verbunden. Das ist ein Geheimnis von Abwesenheit und Anwesenheit ... Jesus verschwindet, aber er bleibt anwesend durch den Heiligen Geist, der an Pfingsten kommt. Die letzten Verse des Matthäus-Evangeliums reden von der Auffahrt nicht wie vom Weggang eines geliebten Wesens, eines Freundes, den man zum Bahnhof oder zum Flughafen begleitet ... Matthäus unterstreicht diese Abwesenheit, die zur Anwesenheit wird mit diesem letzten Vers. Matthäus 28, 20: «Ihr dürft sicher sein: Ich bin immer und überall bei euch, bis an das Ende dieser Welt!»
Die Auffahrt ist ein Geheimnis, aber sie ist auch eine Etappe, die ein Geschenk vorbereitet ...In Johannes 16, 7 heisst es: «Es ist besser für euch, wenn ich gehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Heilige Geist nicht kommen.» (wörtliche Übersetzung des franösischen Verses). Also wird mit dem Weggang von Jesus der versprochene Heilige Geist geschenkt werden. Er wird sogar aus der Anwesenheit von Jesus eine vielfache Anwesenheit machen, eine universelle Anwesenheit! Der Heilige Geist ist es, der das Geheimnis seiner gleichzeitigen Abwesenheit und Anwesenheit ist. Durch die Anwesenheit des Heiligen Geistes füllt Jesus die physische Leere aus, die durch seine Abwesenheit entstanden ist. Dieses Geschenk, das uns Jesus macht, als er uns verlässt, ist wunderbar! Sind wir uns dessen wirklich bewusst? Apostelgeschichte 1, 8 sagt uns: «Aber ihr werdet den Heiligen Geist empfangen und durch seine Kraft meine Zeugen sein in Jerusalem und Judäa, in Samarien und auf der ganzen Erde.»
Diese beiden Ausdrücke kündigen jenes Ereignis, nämlich Pfingsten, an: das Kommen des Heiligen Geistes und die Tatsache, Zeuge von Christus zu sein.
Diese beiden Ausdrücke schaffen für jede Christin, für jeden Christen zwei Prioritäten: den Heiligen Geist zu empfangen und Zeuge von Christus zu sein.
1° Jesus geht weg und hinterlässt das Geschenk des Heiligen Geistes, weil er weiss, dass wir nichts tun können ohne ihn; weil er weiss, dass wir nichts ohne den Heiligen Geist tun können. Durch den Heiligen Geist führt Jesus sein kraftvolles Wirken unter den Menschen fort. Und darüber hinaus legt er eine Kraft in unsere Hände, wie es in der französischen Version heisst: «Vous recevrez une puissance», «Ihr werdet eine Kraft empfangen.» Die Menschen suchen durch verschiedene Formen und Mittel nach Kraft und Macht. Und wenn sie diese dann besitzen, dann haben sie grosse Mühe, die Kraft und die Macht richtig – mit Weisheit und Loyalität – zu verwalten ... Jesus gibt hier das Ziel dieser Kraft vor: «Ihr werdet eine Kraft empfangen und ihr werdet sein!» Ja, Sie haben es richtig gehört: Jesus hat gesagt: «Ihr werdet empfangen und ihr werdet sein», und nicht «Ihr werdet tun» oder «Ihr werdet die Macht bekommen, grosse Dinge zu tun!»
Empfangen und sein: diese zwei Worte berühren mich und ermutigen mich zutiefst!
2° Empfangen heisst, sein Herz und seine Hände öffnen. Den Heiligen Geist empfangen heisst zu akzeptieren, dass wir von ihm ganz erfasst werden! Lesen Sie noch einmal Apostelgeschichte 1, und Sie werden sehen, dass der Heilige Geist den Raum erfüllte, in dem sich die Jünger und die Frauen aufhielten. Er erfüllt uns, aber er schenkt seine Gaben für den Dienst und die Ehre Gottes. Den Heiligen Geist empfangen heisst, in eine Arbeit der Befreiung einzutreten. Den Heiligen Geist empfangen bedeutet, dass wir uns reinigen und unser tiefstes Inneres von ihm verändern lassen sollen. Es ist wichtig, immer wieder zu sagen, dass wir den Heiligen Geist nicht für uns selber und zu unserer eigenen Befriedigung empfangen oder für eine sehr persönliche Fülle des Heiligen Geistes! ... Den Heiligen Geist empfangen bedeutet zu erkennen, dass sein Handeln uns zum Nächsten hinführt, zu all unseren Nächsten. Den Heiligen Geist empfangen heisst zu erkennen, dass die Früchte des Heiligen Geistes den anderen gegeben werden und für die Förderung des Reiches Gottes bestimmt sind.
3° Sein, das bedeutet zu entdecken, wer ich bin. Sein bedeutet, die Liebe Gottes für mich zu entdecken, darin Vertrauen in diese Liebe zu fassen. Sein, das bedeutet zu lernen, sich wohl zu fühlen mit dem, was ich bin und wer ich bin. Mit dieser einzigartigen Person, geschaffen von Gott. Darin besteht eine grosse Arbeit des Heiligen Geistes.
Anlässlich einer Auffahrt in der welschen Schweiz hat Kommissär Charles Péan Folgendes gesagt: «Wichtig ist nicht, etwas zu tun, sondern zu sein. Viele Menschen machen viele Dinge, aber sie alle können nicht einfach sein! Dennoch wie auch immer unsere Lebensumstände seien, unser Alter oder unsere Gesundheit, die Kraft Gottes in uns drin erlaubt uns einfach einmal zu sein! Uns selber zu sein, nicht jemand anderes zu sein! Mit sich in Harmonie zu leben, das ist der Anfang des Himmels!»
«Und ihr werdet meine Zeugen sein»: Ein Zeuge zu sein, das heisst, zu erzählen, was man gesehen hat, was man gehört hat. Nur die Jünger konnten die Zeugen von Christus sein, den sie selber gesehen und gehört hatten. Zeugen von jenem Christus, der Sünden vergeben und Kranke geheilt hat oder mit merkwürdigen Leuten am Tisch gegessen hat.
Wir können nicht solche Zeugen sein: Wir waren nicht dabei! Aber wir sind alle aufgerufen hier und jetzt, Zeugen des auferstanden Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes zu sein! Zeuge zu sein bedeutet, Christus in und durch uns leben und handeln zu lassen. «Ihr werdet eine Kraft erhalten und werdet meine Zeugen sein», sagt Jesus. Also, die wichtigste Priorität ist, nicht etwas zu tun, sondern den Heiligen Geist zu empfangen, um einfach zu sein.
Bevor Jesus in seine Passionszeit eingetreten ist, hat er seine Jünger ermahnt, Zeugen zu sein durch und in der Liebe, die sie untereinander lebten. «Ihr sollt einander lieben, so wie ich euch geliebt habe. An eurer Liebe füreinander wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid.» (Johannes 13, 34 und 35.
Henri Nouwen kommentiert diesen Vers auf folgende Weise: «Alle menschlichen Beziehungen, wie sie auch seien zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau, zwischen Freunden oder den Mitgliedern einer Gemeinde, sie alle sind dazu bestimmt, Abglanz der Liebe Gottes für die ganze Menschheit und für jedes Individuum zu sein» (aus Wege der Passion S. 265).
Wir gehören nicht zur Gruppe der Jünger, aber dieses Gebot an die Liebe bleibt für alle Zeiten gültig! Es sind diese Zeugen, die wir mit der Hilfe des Heiligen Geistes sein können. Nur der Heilige Geist kann uns lehren, die anderen so zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat ...
4° Empfangen und sein: Das ist ein schönes Geschenk, das uns Jesus offeriert! Ein gutes Programm! Das Schlüsselwort zu diesem Programm heisst Befreiung. Der Heilige Geist ist ein Befreier. Der Heilige Geist ist die Befreiung selbst! An Pfingsten befreit der Heilige Geist die Zungen und die Geister, damit sie von Christus sprechen können. Er befreit vor allem von der Angst zu zeugen und vom Mangel an Mut.
Jesus sagt in Johannes 8, 31 und 32: «Wenn ihr an meinen Worten festhaltet und das tut, was ich euch gesagt habe, dann gehört ihr wirklich zu mir. Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien!» Und wie ein Echo sagt Paulus in 2. Korinther 3, 17: «Mit dem Herrn' ist der Heilige Geist gemeint. Wenn er in uns wohnt, sind wir frei von der Herrschaft des Gesetzes.» Paulus sagt auch zu den Galatern in Kapitel 5,1: «Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben. Jetzt kommt es darauf an, dass ihr euch nicht wieder vom Gesetz gefangen nehmen lasst.»
Die erste Bedingung, um in der Freiheit des Heiligen Geistes zu leben, ist, Christus in seinem Herzen und in seinem Leben aufzunehmen. Die Bekehrung zu Christus befreit nicht nur von der Sünde und der Schuldhaftigkeit, die im Herzen von jedem Menschen ist. Mit der Bekehrung beginnt das Programm der Befreiung! Deshalb schafft sie auch aus uns neue Wesen.
Den Heiligen Geist empfangen bedeutet, mit ihm in einer persönlichen Beziehung zu leben. Einer Beziehung, die befreit, aber wovon befreit? Weil der Heilige Geist befreit, will er uns helfen, das hinauszuwerfen aus unseren Gedanken, aus unserem Innersten, was die empfangene Freiheit auffressen könnte. Nehmen Sie sich einmal etwas Zeit, um eine Liste der Dinge zu machen, die Sie bremsen oder gar lähmen. Die Dinge, die Ihre Gedanken zu sehr gefangen halten oder die Freiheit ersticken, die der Heilige Geist bringt. Hier sind einige zufällige Beispiele auf meiner Liste: die Eifersucht, das Vergleichen, der Blick der anderen, die Worte der anderen, die Enttäuschungen ... Den Heiligen Geist empfangen heisst zu lernen, ihn diese Arbeit der Befreiung machen zu lassen. Ich habe diese handfeste Ermutigung von Simone Pacot sehr gern, wenn sie sagt: «Wir müssen das, was nicht zu uns gehört, hinausstellen. Viele Menschen um uns herum integrieren in sich die Gewalt der anderen, deren Probleme, deren Ängste, deren Unordnung. Sie werden irritiert, sie überlegen hin und her, sie drehen im Kreis und können sich nicht von dem befreien, was gar nicht zu ihnen gehört. Das ist eine beträchtliche Beschwernis, das Leben kann sich gar nicht mehr entwickeln: Das Samenkorn ist in die Dornen gefallen und die Dornen haben es erstickt» (nach Matthäus 13, 7).
Wir sind eingeladen, den Heiligen Geist zu empfangen und einfach zu sein! In der Freiheit und in der Kraft des Heiligen Geistes zu leben.
Thérèse Couderc ist eine Französin, 1805 im Süden von Frankreich geboren. Eine ganz einfache Frau, die aber dennoch einen religiösen Orden (Congrégation du Cénacle) gegründet hat. Hören Sie, wie sie erklärt, was der Herr durch sie gemacht hat: «Das hier ist alles, was ich gemacht habe: mich dem Herrn auszuliefern. Den Rest hat der Herr gemacht.» Ich habe diese einfache, aber radikale Aussage sehr gern: Sich ausliefern heisst, offen sein, um zu empfangen. Das zu empfangen, was der Heilige Geist uns geben will, um zu sein und um etwas zu tun ...
Nach und vor dieser Frau haben Männer und Frauen, auch Kinder diesen Schritt getan: Sie haben den Heiligen Geist empfangen, sie haben Platz geschaffen, um ihn zu empfangen und sie sind Zeugen geworden ...
Catherine Booth legte grosses Gewicht auf das Leben des Heiligen Geistes. In einer ihrer Predigten sagte sie das Folgende:
«Das, was in all unseren Kirchen, unseren Institutionen und allen möglichen Organisationen fehlt, das ist das Leben! Das Leben! Und noch einmal das Leben! Das Volk verlangt nach einem LEBENDIGEN EVANGELIUM, das von LEBENDIGEN SEELEN gelebt wird, die vom HEILIGEN GEIST GETAUFT sind. Diese Taufe des Heiligen Geistes wird uns ebenso umwandeln, wie sie die Jünger an Pfingsten umgewandelt hat. Das ist es, was wir nötig haben: die Kraft des Heiligen Geistes! Wollen wir uns durch den Heiligen Geist taufen lassen?» (Aus: Praktische Religion oder aggressives Christentum)
Möge der Herr uns helfen, dass auch wir den Heiligen Geist empfangen und das aus unserem Herzen hinauswerfen, was nicht hineingehört. Möge der Herr uns helfen, zu sein... und dann das zu tun, was er zu tun aufgibt.
«Ihr werdet eine Kraft empfangen und ihr werdet meine Zeugen sein!» Amen
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