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Predigt zum 6.5.2007 (Corinne Gossauer-Peroz)
Bethesda
(Johannes 5, 1-16)
An einem der jüdischen Feiertage ging Jesus nach Jerusalem. Dort liegt in der Nähe des Schaftors der Teich Bethesda, wie er auf Hebräisch genannt wird. Er ist von fünf Säulenhallen umgeben. Viele Kranke, Blinde, Gelähmte und Gebrechliche lagen in diesen Hallen und warteten darauf, dass sich Wellen auf dem Wasser zeigten. Von Zeit zu Zeit bewegte nämlich ein Engel Gottes das Wasser. Wer dann als Erster in den Teich kam, der wurde gesund; ganz gleich, welches Leiden er hatte. Einer von den Menschen, die dort lagen, war schon seit achtunddreissig Jahren krank. Als Jesus ihn sah und hörte, dass er schon so lange an seiner Krankheit litt, fragte er ihn: «Willst du gesund werden?» «Ach Herr», entgegnete der Kranke, «ich habe niemanden, der mir in den Teich hilft, wenn sich das Wasser bewegt. Versuche ich es aber allein, komme ich immer zu spät.» Da forderte ihn Jesus auf: «Steh auf, rolle deine Matte zusammen und geh!» In demselben Augenblick war der Mann geheilt. Er nahm seine Matte und ging glücklich seines Weges. Das geschah an einem Sabbat. Einige der Juden, die den Geheilten sahen, hielten ihm vor: «Heute ist doch Sabbat! Da ist es nicht erlaubt, diese Matte zu tragen!» «Aber der Mann, der mich heilte, hat es mir ausdrücklich befohlen», antwortete er ihnen. «Wer hat dir so etwas befohlen?», fragten sie nun. Doch das wusste der Mann nicht, denn Jesus war unbemerkt in der Menschenmenge verschwunden. Später traf Jesus den Geheilten im Tempel und sagte zu ihm: «Du bist gesund geworden. Sündige nicht mehr, damit du nicht etwas Schlimmeres als deine Krankheit erlebst! Da ging der Mann zu den Juden und berichtete: «Es war Jesus, der mich geheilt hat!» Von dieser Zeit an verfolgten die Juden Jesus, weil er sogar am Sabbat Kranke heilte.
Johannes 5, 1-16 (Hoffnung für alle)
Wir befinden uns immer noch im Kraftfeld von Ostern, und in dieser Dynamik wollen wir heute Morgen auf die beiden folgenden Sätze hören: «Willst du gesund werden?» und «Steh auf, rolle deine Matte zusammen und geh!»
Was Jesus nach der Heilung sagt, ist zwar auch sehr wichtig, aber die Zeit fehlt hier einfach, um bei jenen Worten innezuhalten. Ich möchte jene Stelle Ihrer persönlichen Lekture in den nächsten Tagen anbefehlen.
Das beschriebene Ereignis spielt sich in Jerusalem an einem Feiertag und Sabbat ab. In einem Teil der Stadt befindet sich der Teich von Bethesda. Bethesda bedeutet «Haus des Mitgefühls», «Haus der Barmherzigkeit». Ich lese gerne die Namen auf den Häusern, die Namen von Chalets ... «Bethesda» wäre ein interessanter Name für ein Haus! Haus des Mitgefühls! Ein Haus, in welchem Liebe ausgeteilt, empfangen und gelebt wird ... Ist das nicht schön?
Doch kehren wir wieder zum Text zurück. Da handelt es sich um einen Teich mit Namen Bethesda. Rund um das Wasser lagert sich eine grosse Zahl von kranken Menschen. Alle warten darauf, dass ein Engel vorbeigeht. Wenn der Engel das Wasser bewegt, wird der Erste, der im Wasser ist, geheilt! Diese Geschichte ist merkwürdig. Dieser Engel, der vorbeigeht, das tönt fast wie in einem Märchen. Das tönt magisch und mysteriös! Plötzlich taucht Jesus in dieser Menge auf und spricht einen Mann an, der seit 38 Jahren krank ist. 38 Jahre, das ist ein ganzes Leben ... 38 Jahre mit Schmerzen, mit Frustrationen. Jesus stellt diesem Mann ohne Namen nur eine einzige Frage. Es ist die direkteste, die eindeutigste, die schockierendste Frage, die es gibt: «Willst du gesund werden?» (Vers 6)
1. Die Frage von Jesus lautet: «Willst du?» «Willst du die Heilung?» «Willst du gesund werden?»
Hören Sie genau hin. Jesus spricht von einem Wunsch, einem Verlangen! Aber er sagt nicht: «Was möchtest du, dass ich für dich tun soll?» oder: «Möchtest du meine Hilfe, um gesund zu werden?». Nein, nur: «Willst du gesund werden?»
Nehmen Sie doch diese Frage in die nächsten Tage mit. Sie werden feststellen, dass sie nicht so einfach ist, wie es den Anschein macht ... Durch diese einzige Frage offenbart Jesus diesem Menschen einen wichtigen Aspekt: Hat der Kranke vielleicht durch sein Leiden in sich das Verlangen zu leben absterben lassen? Und sein Verlangen gesund zu werden? Die Frage von Jesus spricht weder von Glauben noch von Sünde. Die Frage spricht von einem Wunsch! Seit 38 Jahren hofft dieser Mann, erwartet er Heilung. Aber hofft er immer noch? Die Frage von Jesus ist vielleicht ein Test: «Bist du wirklich bereit für eine Heilung?» Diese Frage ist sehr direkt. Sie verlangt ein «Ja» oder ein «Nein». Niemand kann an der Stelle dieses Mannes antworten. Er allein weiss, wo hier sein Verlangen liegt.
2. Die Antwort des Kranken ist erstaunlich. Er spricht nicht von sich selber, sondern von den anderen. Auf eine direkte und persönliche Frage antwortet er, indem er von den anderen spricht. Wir gleichen ihm manchmal. Denn von anderen zu sprechen, ist immer einfacher als von sich selber ... Und wenn wir von den anderen sprechen, dann geschieht das oft, um sie anzuklagen ... selten, um etwas Positives zu sagen ...
Hören Sie die Antwort des Kranken in Vers 7: «Ach Herr, ich habe niemanden, der mir in den Teich hilft, wenn sich das Wasser bewegt. Versuche ich es aber allein, komme ich immer zu spät." In der französischen Uebersetzung heisst es: «Seigneur, je n'ai personne pour me jeter dans la piscine». «Herr, ich habe niemanden, der mich in den Teich wirft.»
Anders gesagt: Weil mir noch nie jemand geholfen hat, bin ich immer noch da, wo ich jetzt bin. Es ist der Fehler der anderen! Für diesen Kranken bedeutet Bethesda überhaupt nicht ein Haus des Mitgefühls und der Solidarität. Sonst wäre er schon seit langem geheilt! Das ist nichts Neues! Wenn etwas nicht funktioniert, dann ist es immer der Fehler der anderen! Aber gelegentlich ist es auch unser eigener Fehler, wenn wir niemanden haben, um uns zu tragen oder zu unterstützen. Denn wenn wir zu niemandem etwas sagen, wer kann dann wissen, dass wir etwas nötig haben? Es liegt in unserer Verantwortung, ein Zeichen zu geben oder ein Bedürfnis zu nennen ... Wenn wir das nicht tun, geraten wir in Gefahr, auch 38 Jahre lang zu warten ... Nicht an einem Teich, aber vielleicht zuhinterst im Saal des Korps oder zuhause vor dem Telefon, das nicht läutet ... Und unser Herz versinkt in Bitterkeit, und immer wieder sagen wir : «Ich habe niemanden ...»
Jesus hat nicht gesagt: «Mein armer Freund, du hast niemanden!» Er hat auch nicht gesagt: «Ich bleibe bei dir sitzen und werde dann schneller rennen als die anderen!» Nein, Jesus hat diesen Mann nach seinem Wunsch gefragt: «Willst du gesund werden?»
Die gestellte Frage ist weder eine Drohung noch eine Verurteilung, es ist eine Form, um wieder Hoffung und Leben im Herzen dieses Mannes zu wecken. Die Heilung, die Jesus bringt, geschieht nicht nur in körperlicher Hinsicht. Er möchte, dass dieser Mann in sich den Wunsch und das Verlangen nach Leben erneut findet.
3. Die Methode, die Jesus, wählt, besteht darin, dass er diesen Mann zu sich selber zurückschickt.
Die Methode, die Jesus wählt, besteht darin, einen Marschbefehl, eine Aufforderung zum Gehen zu geben. Eine Aufforderung zum Leben! «Steh auf, rolle deine Matte zusammen und geh!" In demselben Augenblick war der Mann geheilt (Vers 9). Das Wunder vollzieht sich, ohne dass der Text uns ein «Ja» dieses Mannes weitergibt. Es ist auch interessant zu beobachten, dass Jesus diesen Mann nicht berührt, wie er es mit anderen Kranken gemacht hat. Der Text sagt auch nicht aus, dass er ihm geholfen hat, aufzustehen ... Nein, diese Aufforderung «steh auf» bedeutet hier ein wiedergefundenes Vertrauen in sich und das Leben. Mit den geringen Kräften, die ihm zur Verfügung standen, hat dieser Mann auf die Aufforderung zum Leben geantwortet. Er hat an seiner eigenen Auferstehung teilgehabt, weil er beschlossen hat, aufzustehen und dadurch seinen Wunsch nach Heilung auszudrücken.
Die Methode, die Jesus wählt, besteht darin, dass er den Kranken nicht von seinem Bett, seiner Matte trennen will. Simone Pacot, eine französische Autorin, hat verschiedene Bücher über die Seelsorge geschrieben. Sie kommentiert diese Szene wie folgt: «Er hat ihn aufgefordert, seine Matte, sein Bett zu tragen und nicht, es fortzuwerfen. Tragen ist ein handlungsbezogenes Verb. Das bedeutet, dass wir nicht von nichts her aufbrechen, dass wir nicht bei null wieder anfangen, wir stehen auf, wir machen uns auf den Weg, aber von unserer Vergangenheit ausgehend. Seine Matte tragen heisst, sich nicht mehr an sein Uebel zu klammern, aus seiner Opferrolle herauszutreten. Wir alle müssen eine Wegstrecke machen, auf welcher wir unser Bett, unsere Matte tragen. Dann wird eine Zeit kommen, in der wir sie wegwerfen können.» (zitiert aus Band 1, Seiten 24f).
Während unserer Zeit in Paris habe ich oft mit Jean-François gesprochen. Er war ein gebildeter Mann, voller Humor. Aber eines Tages war sein Leben aus dem Gleichgewicht geraten. Und der Alkohol wurde zu seinem schlechten Begleiter. Als er zur Heilsarmee kam, hat er Christus sein Herz geöffnet. Es gibt ein Lied, das sagt: «Mit Jesus kannst du ganz von vorne beginnen, dein bisheriges Leben wegwischen und bei null wieder beginnen ...» Jean-François hat immer wieder erklärt, dass diese Worte nicht richtig seien, dass man seine Vergangenheit nicht auswischen könne ... Sie bleibt vorhanden, sie zeichnet unsere Erinnerungen und unsere Gesichter. Er wusste, wovon er sprach. Denn mit Jesus hatte er neue Chancen für sein jetziges Leben bekommen. Deshalb machte er bei diesem Lied selber eine kleine Anpassung. Und diese angepassten Worte haben wir bei seiner Beerdigung gesungen, als er an diesem Ort angekommen war, wo es keine Tränen, keine Kämpfe, kein Leiden mehr gibt ...
Schluss: Wir haben Ostern gefeiert. Aber wozu dient uns Ostern in unserem täglichen Leben? Trotz Ostern kann es darin Zweifel geben. Trotz Ostern kann es darin Tränen geben, können Aengste entstehen. Aber Ostern lädt uns ein, nicht 38 Jahre verzweifelt zu bleiben ... wegen sich, wegen den anderen, wegen Gott ... Ostern lädt uns ein, das Verlangen zu leben, das in uns ist, zu bewahren. Ostern fordert uns auf, über dem Leben zu wachen, das in und um uns ist.
Die Aufforderung, die dieser kranke Mann bekommen hat, ist ein Geschenk! Die Auferstehung von Jesus ist das grösste Geschenk, das Gott den Menschen gemacht hat. Die Auferstehung von Jesus ist die Quelle des Lebens, weil sie in uns Auferstehungen, Heilungen, Gnadenakte, innere Neuanfänge bewirkt.
Die Aufforderung von Jesus ist ein Aufruf: «Steh auf und geh!» Dieser gleiche Aufruf, dieser gleiche Marschbefehl ergeht auch an uns heute Morgen, in welcher Situation wir uns auch befinden ... Der Herr nähert sich jedem von uns und sagt zu uns: «Willst du gesund werden?» und «Steh auf und geh!» Das bedeutet vielleicht: Bleibe nicht in deiner Entmutigung verhaftet, in deinen Verletzungen gefangen, in deinen Erwartungen, bei denen du immer wieder sagst: «Ich habe niemanden.»
In der Vollmacht der Auferstehung sagt Christus zu uns: «Steh auf und geh!» Richte dich ganz auf, steh auf, du kannst es durch meine Kraft. Meine Gnade in dir bedeutet Wunsch, Verlangen, und Kraft. Meine Gnade in dir bedeutet Leben.
Lassen wir den Herrn dieses Werk des Leben in uns vollbringen. Weil er der Gott des Lebens ist.
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