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Predigt zum Ostersonntag 8.4.2007 (Corinne Gossauer-Peroz)
Osterpredigt
(Johannes 20, 1-18)
«Am ersten Tag nach dem Sabbat, früh am Morgen, als es noch dunkel war, ging Maria Magdalena zum Grab. Als sie sah, dass der Stein nicht mehr vor dem Eingang des Grabes lag, lief sie zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte. Aufgeregt berichtete sie ihnen: «Sie haben den Herrn aus dem Grab geholt, und wir wissen nicht, wohin sie ihn gebracht haben.» Da beeilten sich Petrus und der andere Jünger, um möglichst schnell zum Grab zu kommen. Gemeinsam liefen sie los, aber der andere war schneller als Petrus und kam zuerst am Grab an. Ohne hineinzugehen, sah er in die Grabkammer und bemerkte die Leinentücher, die dort lagen. Dann kam auch Simon Petrus. Er ging in das Grab hinein und sah ebenfalls die Leinentücher zusammen mit dem Tuch, das den Kopf Jesu bedeckt hatte. Es lag nicht zwischen den Leinentüchern, sondern zusammengefaltet an der Seite. Jetzt ging auch der andere Jünger, der zuerst angekommen war, in die Grabkammer. Er sah sich darin um, und nun glaubte er, dass Jesus vom Tod auferstanden war.
Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie die Stelle in der Heiligen Schrift noch nicht verstanden, in der es heisst, dass Jesus von den Toten auferstehen wird. Die Jünger verliessen das Grab und gingen nach Jerusalem zurück. Inzwischen war auch Maria zurückgekehrt und blieb voll Trauer vor dem Grab stehen. Weinend schaute sie in die Kammer und sah plötzlich zwei weiss gekleidete Engel an der Stelle sitzen, an der Jesus gelegen hatte; einen am Kopfende, den anderen am Fussende. «Warum weinst du?», fragten die Engel. «Weil sie meinen Herrn weggenommen haben. Und ich weiss nicht, wo sie ihn hingebracht haben», antwortete Maria Magdalena.
Als Maria sich umdrehte, sah sie Jesus vor sich stehen. Aber sie erkannte ihn nicht. «Warum weinst du?» fragte er sie. «Und wen suchst du?» Maria hielt Jesus für den Gärtner und fragte deshalb: «Hast du ihn weggenommen? Dann sage mir doch, wohin du ihn gebracht hast. Ich will ihn holen.»
«Maria!» sagte Jesus nun. Da fuhr sie zusammen und erkannte ihn. «Rabbuni!» rief sie (das ist Hebräisch und heisst: Mein Meister). Doch Jesus wehrte ab: «Halte mich nicht länger fest! Denn ich bin noch nicht zu meinem Vater zurückgekehrt. Gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich gehe zurück zu meinem Vater und zu euerm Vater, zu meinem Gott und zu euerm Gott!» Maria Magdalena lief nun zu den Jüngern und berichtete ihnen: «Ich habe den Herrn gesehen!» Und sie erzählte alles, was ihr Jesus gesagt hatte.
Johannes 20, 1-18 (Hoffnung für alle)
Früh am Morgen geht eine Frau mit eiligen Schritten ... Sie will Abschied von jemandem nehmen, den sie liebte. Sie weiss, dass es die letzte Begegnung sein wird. Derjenige, den sie liebte, ist tot. Aber sie will noch einen Augenblick dort verbringen, wo sein Körper ruht. Sie will ihm die letzte Ehre erweisen. Sie will einen letzten Moment dort bleiben, um ihren Kummer und ihre Traurigkeit auszudrücken und um Frieden zu finden.
Früh am Morgen geht eine Frau mit eiligen Schritten ... Beim Grab angekommen, erlebt sie einen grossen Schock nach dem anderen. Der erste Schock: Der Stein ist weggerollt. Der zweite Schock: Das Grab ist leer.
Nun eilt sie davon, um die Neuigkeit Petrus und Johannes mitzuteilen. Der Marathon geht weiter: Die beiden Jünger laufen zum Grab zurück und finden dort diesen Bericht bestätigt. Aber dann kehren sie nach Hause zurück. «Die Jünger verliessen das Grab und gingen nach Jerusalem zurück» (V. 10).
Früh an diesem Morgen bleibt Maria – die im verlesenen Text auch Maria Magdalena genannt wird –, beim leeren Grab zurück und weint ...
Ihr Rendez-vous der Liebe wird zu einem verpassten Rendez-vous.
Ich besitze ein Buch mit dem Titel: «Warum weinen die Frauen mehr als die Männer?» Das stimmt doch, oder? Und es ist eine gute Frage! Und auch das stimmt: Die Männer sind wieder weggegangen und Maria bleibt allein zurück und weint.
Zwei Engel erscheinen und fragen sie: «Warum weinst du?» Ich finde das sehr berührend: Sie sagen nicht zu ihr: «Weine nicht», oder schlimmer: «Du sollst nicht weinen!» Wenn Sie jemanden weinen sehen, sagen Sie zu dieser Person bitte nicht: «Du sollst nicht weinen!» Machen Sie es doch wie die Engel. Seien Sie selbst ein Engel und fragen Sie wie die Engel: «Warum weinst du? Warum weinen Sie?»
Ich weiss nicht, ob die Engel Flügel haben, aber ich weiss, dass sie zartfühlend sind. Sie anerkennen den Schmerz von Maria und fragen sie nach dem Grund. Sie laden die Frau ein, ihren Kummer in Worte zu fassen. Das tut sie, denn sie sagt: «Weil sie meinen Herrn weggenommen haben. Und ich weiss nicht, wo sie ihn hingebracht haben.» Die Engel antworten ihr nicht, aber sie bleiben da, jeder auf einer Seite des leeren Grabes.
Wenn Sie nicht wissen, was sagen, wenn jemand weint: Seien Sie ein Engel, sagen Sie nichts, aber bleiben Sie einfach da, ganz nahe ...
Und dann wandert der Blick von Maria Magdalena vom Grab zum Garten, symbolisch gesprochen vom Tod zum Leben. Und nun ist es ein Mann, der ihr die gleiche Frage stellt: «Als Maria sich umdrehte, sah sie Jesus vor sich stehen. Aber sie erkannte ihn nicht. Warum weinst du?’ fragte er sie.» Und wieder die gleiche Reaktion. Er sagt zu ihr nicht: «Du sollst nicht weinen!» sondern: «Warum weinst du?» Und dieser Mann, von dem sie meint, es sei der Gärtner, geht noch weiter auf sie ein: «Und wen suchst du?»
Diese Frau verhält sich gleich wie wir, wenn wir Angst haben: Sie hat sich ein ganzes Drehbuch aufgebaut. Als sie das leere Grab sah, hat sie sich eine Geschichte ausgemalt, in welcher es Diebe gibt und ein Versteck. Da muss man sich doch eine Erklärung zurechtlegen. Aber plötzlich drückt sie auch das aus, was sie in ihrem Herzen spürt: die Liebe zu diesem Menschen, der tot ist: «Hast du ihn weggenommen? Dann sage mir doch, wohin du ihn gebracht hast. Ich will ihn holen.» Ja, sie ist eine Frau wie viele andere auch. Sie ist zu allem bereit, um den wiederzufinden, den sie liebt. Aber Jesus hält sie zurück und sagt: «Maria!» Da fuhr sie zusammen und erkannte ihn. «Rabbuni!» rief sie (das ist Hebräisch und heisst: Mein Meister).
Ja, er ist es wirklich – Jesus, der mit ihr spricht und sie bei ihrem Vornamen nennt! Aber die Dinge sind nicht mehr wie früher. Es gibt nicht mehr die Möglichkeit der körperlichen Berührung, die zu den lebenden Menschen gehört. Der Körper des auferstandenen Jesus ist ein Körper der Herrlichkeit. «Halte mich nicht fest!», sagt er zu ihr in Vers 17. Durch die Auferstehung hat sich eine neue Art der Beziehung ergeben. Maria darf ihren Meister nicht mehr berühren, aber sie findet Brüder und einen Vater: «Denn ich bin noch nicht zu meinem Vater zurückgekehrt. Gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich gehe zurück zu meinem Vater und zu euerm Vater, zu meinem Gott und zu euerm Gott!» Durch die Auferstehung wird Jesus zu unserem Bruder, und sein Vater wird endgültig unser Vater!
Es ist etwas Zeit verflossen: Die Engel sind verschwunden. Sie werden nicht mehr benötigt. Jetzt wird Maria zu einem Engel, zu einer Verkünderin.
Sie selber wird die frohe Botschaft verkündigen! Sie ist die Erste, zu der Jesus gesprochen hat, obwohl diese Frau keine Visitenkarte vorweisen kann! Sie hat weder einen Doktortitel in Theologie noch ist sie eine weise Frau. Aber ihr Schatz ist in ihrem Herzen! Maria Magdalena ist eine Zeugin, weil ein Feuer in ihrem Herzen brennt. Dieses Feuer – das ist Christus! Er hat ihr Leben verändert. Mit ihm ist auch sie aus dem Tod zum Leben übergegangen. Aus diesem Grund will sie ihm nachfolgen.
Es ist etwas Zeit verflossen: Eine Frau geht mit eiligen Schritten ...
Indem er diese Frau zu den Jüngern zurückschickt, bestätigt Jesus das, was er nie aufgehört hat zu lehren:
Grosse und schöne Dinge können sich im Verborgenen ereignen! Schauen Sie genau hin: Die Auferstehung hat im Gegensatz zur Kreuzigung im Verborgenen stattgefunden ... Alles geschieht zuerst verborgen und verschwiegen. Und dennoch handelt es sich um den endgültigen Sieg über den Tod!
Sogar nach der Auferstehung braucht Jesus immer noch einfache Mittel ... armselige Mittel ... eine Frau, die weinte, wird zur Verkünderin bei einer Männergruppe! Verkünderin der Auferstehung! Ja, die Dinge des Reiches Gottes werden auf bescheidene Weise angezeigt und offenbart. Aber das, was zählt, das ist die Leidenschaft, die Überzeugung!
Die gute Nachricht der Auferstehung gleicht derjenigen des Reiches Gottes: Sie wird von Mensch zu Mensch weitergegeben! «Das Reich Gottes ist mitten unter euch» ... Der Glaube ist nicht eine Theorie, sondern eine lebendige, eine persönliche Beziehung mit dem lebendigen Christus. Eine Beziehung, die wir weitererzählen und miteinander teilen sollen!
Die Begebenheit hat mit Tränen angefangen ... Die Auferstehung, sogar diejenige von Jesus, beginnt mit Tränen. Maria weint zuerst wegen einer vermeintlichen Abwesenheit. Jetzt eilt sie fort wegen der Anwesenheit von Jesus, weil er auferstanden ist! Möge doch unser Schatz wie im Vorbild von Maria unser Herz sein! Ein Herz, das Vergebung erlangt hat, ein leidenschaftliches Herz, das Ja zu Jesus sagt. Mögen – wie bei dieser Frau – unsere Worte Zeugnis davon ablegen.
Schauen wir an diesem Ostermorgen auf – zur Seite des Lebens hin. Lassen wir Christus uns bei unserem Vornamen rufen und ihm antworten: «Rabbuni» (mein Meister). Und auf diese Weise werden wir auch diese Freude, diese Anwesenheit von Jesus teilen können!
Und wir werden sehen, dass sich etwas Neues vollenden wird, etwas, das Jesus tut und tun will.
«Im Dunkel unsrer Nacht, entzünde das Feuer, das nie mehr erlischt, das niemals erlischt.» (Taizé-Gemeinschaft)
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