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Predigt zum 25.3.2007 (Martin Gossauer)
Das Reich Gottes ist mitten unter euch
(Lukas 17, 20-21)
«Wann wird denn das Reich Gottes kommen?» wollten die Pharisäer von Jesus wissen. Er antwortete ihnen: «Das Reich Gottes kann man nicht sehen, wie man ein irdisches Reich sieht. Niemand wird euch sagen können: 'Hier ist es!' oder 'Dort ist es!' Das Reich Gottes ist schon jetzt da - mitten unter euch.»
Wann wird denn das Reich Gottes kommen?
Die Frage nach dem Kommen des Reiches Gottes war nicht nur zur Zeit Jesu aktuell, sondern auch zur Zeit des Evangelisten Lukas. Ja, man kann ruhig behaupten zu allen Zeiten. Zu allen Zeiten gab und gibt es so genannte Propheten und Prophetinnen, die ziemlich genau wussten, beziehungsweise wissen, wo das Reich Gottes ist, wie es aussieht, wann es kommen werde, wie es in Erscheinung treten werde und wo die Leute das Reich Gottes suchen sollen.
Das Reich Gottes, dieser geheimnisvolle Begriff, der in sich konzentriert die ganze fieberhafte Erwartung Israels enthält: Eines Tages wir Gott die Macht ergreifen und sein Volk von allen Unterdrückern befreien. Es war die Erwartung auf bessere Tage, der Traum von einer neuen, glücklichen Menschheit.
Nicht nur die Pharisäer warteten auf diesen Tag. Die zwölf Jünger selber fragten Jesus noch in dem Augenblick, als er sie verliess: «Herr, wirst du jetzt Israel wieder zu einem freien und mächtigen Reich machen?» (Apostelgeschichte 1,6).
Auch wir heute sind in dieser Erwartung von Gottes Reich, wenn wir beten «Dein Reich komme». Wir wünschen uns, dass Gott regiert. Was beinhaltet für uns diese Erwartung? Was erwarte ich heute von Gott? Was ist für mich das Reich Gottes? Wonach sehnt sich die Menschheit heute am meisten?
Wann wird dann das Reich Gottes kommen? Ja, auch wir fragen: Wann wird es endlich kommen? Wir fragen, weil wir bestimmte Erwartungen haben und uns dann darauf versteifen. Schon Johannes dem Täufer ging es so. Er, der das Kommen des Retters ankündigte, sollte ihn doch erkennen. Doch er sendet seine Jünger zu Jesus mit der Frage: «Bist du der versprochene Retter, oder müssen wir noch länger auf ihn warten?» (Lukas 7,19). Auch wir sind am Warten, bis sich unsere Erwartungen erfüllen und Gott eingreift. Am Warten, bis die Gemeinde perfekt ist, am Warten, bis der andere sich endlich ändert, am Warten, bis die Gemeinde unseren Vorstellungen entspricht. Weil wir zu wissen meinen, wie es sein muss, wie er, wie sie sein muss. Weil wir zu wissen meinen, so ist das Reich Gottes, so muss es sein. Wir lesen Bücher darüber und besuchen Seminare, wir füllen uns den Kopf mit Strategien und Theorien. Und wenn es dann einmal soweit ist, glauben wir, ja dann werden wir Gottes Reich sehen und erleben. Und so werden wir zu Christen mit enttäuschten Erwartungen. Wir werden zu enttäuschten Christen und wenden uns ab von den andern.
Müssen wir warten? Warten worauf? Müssen wir uns voneinander abwenden? Oder sollen wir vielmehr miteinander in der Differenz, die wir haben, gemeinsam einen Weg gehen?
Das Reich Gottes kann man nicht sehen, wie man ein irdisches Reich sieht
Was Lukas mit dem Reich Gottes meint, fragen wir ihn am besten selbst. In seinem Evangelium finden sich Hinweise genug, damit wir die Antworten erahnen können. Im heutigen Text antwortet Jesus den Pharisäern: Das Reich Gottes kann man nicht sehen, wie man ein irdisches Reich sieht. Niemand wird euch sagen können: «Hier ist es!» oder «Dort ist es!» Aus diesen Worten wird Folgendes deutlich: Das Reich Gottes ist nicht etwas, das von aussen her berechnet und festgestellt werden kann. Es ist nicht offensichtlich sicht- und greifbar. Die Antwort von Jesus hat die Pharisäer enttäuschen müssen. Und wenn ich ehrlich bin, enttäuscht sie mich auch. Es wäre doch so viel einfacher, sagen zu können: So ist das Reich Gottes, oder, so ist es nicht. Da ist das Reich Gottes, bei uns natürlich, und dort, bei den andern, ist es nicht. Die Vorstellung, dass Gott auf so diskrete, bescheidene, unscheinbare Art und Weise regiert, macht uns Mühe. Vielleicht müssen wir noch einmal über die Bücher und uns fragen, was für eine Sehnsucht dahinter steckt, wenn wir beten «Dein Reich komme» und sagen: «Herr, schenke uns deine Sehnsucht! Hilf mir, bei den einfachen Aufgaben anzupacken, in den kleinen Dingen Gottes Reich zu bauen, in dem, was unscheinbar ist.»
Jesus sagt: Das Reich Gottes ist schon jetzt da – mitten unter euch
Das heisst: Wer über das Reich Gottes spricht, muss die Rolle der Zuschauerin, des Zuschauers aufgeben und sich in das Geschehen des Alltags hineinnehmen lassen. Ein solcher Mensch, der auf der Suche nach diesem Reich Gottes ist, darf keine Distanz zum Alltag haben. Was er sagt und tut, soll immer mit seiner eigenen Lebenserfahrung verbunden sein. Es geht darum, in dem, was das Leben uns bringt, dieses eine Reich Gottes wahrzunehmen.
Die Frage ist jedoch: gibt es denn irgendwelche Zeichen, die deutlich machen, dass das Reich Gottes mitten unter uns ist, wie wir es im Evangelium gehört haben? Zwei Hinweise von Lukas, der das Reich Gottes als «mitten unter uns» beschreibt, sollen genügen.
Das eine Zeichen finden wir im Weihnachtsgeschehen: «Dies soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind in Windeln gewickelt und in einem Futtertrog liegend finden.» (Lukas 2, 12.) In der Übersetzung Hoffnung für alle heisst es: «Daran werdet ihr ihn erkenne ...:» Das Reich Gottes erkennen wir in IHM: Er, der versprochene Retter, Christus, der Herr ist Gott mit uns’, Immanuel. Er, der Menschensohn genannt wird, sagt in Lukas 11, 30ff: «So wie Jona für die Leute von Ninive ein Zeichen Gottes wurde, so wird auch der Menschensohn für euch ein Zeichen Gottes sein. ... Auch die Einwohner von Ninive werden euch am Gerichtstag verurteilen, denn nach Jonas Predigt bereuten sie ihre Sünden und wandten sich Gott zu. Der hier vor euch steht, ist grösser als Jona; trotzdem weigert ihr euch, seinen Worten zu glauben.» Das heisst, wir sollen unsere ganze Aufmerksamkeit Christus schenken und auf seine Worte hören. Das Reich Gottes ist nicht ein zukünftiger, vollkommener Zustand oder ein Modell des harmonischen Zusammenlebens. Das Reich Gottes kommt in der Person von Christus. Das Reich Gottes geschieht, wenn wir uns ihm zuwenden. Das Reich Gottes kommt, wenn das in einem Menschen geschieht, wovon Jesus von sich uns seinem Vater spricht, wenn er im Johannes 14, 23 sagt: «... und wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen.» Die Gegenwart von Christus ist Gottes Reich mitten unter uns. Auch heute in unserer Welt ist das so: Unser Auftrag ist es, Christus zu leben: Licht und Salz sein, so dass die Menschen Christus in uns sehen und hören. Und in all unseren Begegnungen sollen wir Ausschau nach dem Christus in unserem Nächsten halten.
Ein zweiter Hinweis von Lukas finden wir in der Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus in Lukas 16,19-31: Der reiche Mann, einmal im Totenreich, bittet Abraham, er möge Lazarus doch zu seinen Brüdern schicken und sie warnen. Wenn nämlich jemand von den Toten zu ihnen komme, würden sie sicher eher glauben und umkehren. Die Antwort Abrahams lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: «Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.» Das Aussergewöhnliche und Wunderbare mag für den Augenblick überzeugen, auf die Länge und im Alltag wird nur das aufmerksame Hinhören zu tragen vermögen. Das mag zwar oftmals nicht spannend, sondern hin und wieder ermüdend und häufig sehr gewöhnlich sein, aber es ist das dem Reich Gottes Entsprechende. Den Menschen dieser Welt Aufmerksamkeit schenken – denn wir haben nur’ diese Menschen und wir haben nur’ diese Welt. Aufmerksamkeit ist das knappste Gut in unserer Zeit.
Das Reich Gottes wird sichtbar in der konkreten Tat im Alltag
Jesus sagt: Das Reich Gottes ist schon jetzt da – mitten unter euch.
Wir finden in der Bibel keine Spekulationen über das ewige Leben, und die Diskussion über die Frage, wer der Nächste sei, wir nicht in akademischen oder philosophischen Abhandlungen erörtert. Stattdessen wird immer Bezug zum konkreten Lebenszusammenhang genommen, in dem die jeweiligen Menschen stehen. Solche Gedanken über das ewige Leben gipfeln in den Evangelien in Geschichten aus dem Alltag, wie diejenige, die Jesus erzählte als Antwort auf die Frage des Schriftgelehrten: «Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?», die Erzählung von diesem Mann, der von Jerusalem nach Jericho hinunterwanderte und zusammengeschlagen wurde. Wer hat ihm geholfen? Einer der verachteten Samariter.
In der Bibel werden nicht irgendwelche abstrakte Gedanken gemacht, sondern gezeigt, dass es auf das konkrete Tun ankommt: Jesus sagt zu den Pharisäern: «Äusserlich seid ihr ohne Fehler, ihr glänzt wie die Becher, aus denen ihr trinkt. Aber innerlich seid ihr schmutzig und verkommen. Ihr Scheinheiligen! Ihr wisst doch ganz genau, dass Gott beides geschaffen hat – Äusseres und Inneres. Meint ihr da wirklich, dass er nur auf das Äussere achtet? Eure Schüsseln und Becher sind voll. Gebt das, was drin ist, den Armen, dann seid ihr auch vor Gott rein!» (Lukas 11, 39-41). Die Frage nach Reinheit entscheidet sich nicht in dogmatischen Überlegungen, sondern an den Gaben, die man den Bedürftigen wirklich schenkt. Auch hier steht die Tat, das Tun eines jeden und einer jeden im Zentrum. Und im nächsten Kapitel unterstreicht dies Jesus noch, wenn er sagt: «Sorgt ihr euch vor allem um das Reich Gottes, dann wird euch Gott alles andere geben. Du kleine Herde, du brauchst keine Angst vor der Zukunft zu haben! Denn dir will der Vater sein Königreich schenken. Verkauft euren Besitz, und gebt das Geld den Armen! Sammelt euch so einen Vorrat, der nicht alt wird und niemals verderben kann, einen Schatz im Himmel.» (Lukas 12, 31-33).
Als Schlussfolgerung könnte man daraus ziehen, dass der Ort des Glaubens die konkrete Wirklichkeit ist. Das Tun der Beteiligten, das Mitgestalten an der einen gemeinsamen Welt. Und diese konkrete Wirklichkeit bedeutet – wenn wir Lukas ernst nehmen – beispielsweise: obdachlose Kinder, leidende Mitmenschen, Arme und Schwache in dieser Gesellschaft. An unserem Einsatz für sie zeigt sich, wo wir uns als Christen und Christinnen hineingeben in dieses Reich Gottes, das mitten unter uns ist, das bereits da ist. Unser Handeln zeigt die Identität unseres christlichen Lebens. Da wird dann das Reich Gottes sichtbar. «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen», sagt Jesus in Matthäus 7,16+20 und meint damit, an seinen Taten werdet ihr einen Menschen erkennen.
Schlussgedanken
Zum Abschluss wollen wir noch einmal festhalten: Das Kommen von Gottes Reich kann nicht beobachtet werden... man kann nicht sagen «hier ist es, dort ist es!»... ganz einfach, weil es schon hier ist!
Doch dieses Reich ist immer anders, als wir es uns vorstellen. Weil Gott immer der andere ist, der sich nicht festlegen lässt, der sich aber finden lässt, wenn wir ihn suchen.
Doch dieses Reich ist verborgen! Um es zu entdecken, braucht es eine feine Aufmerksamkeit, es braucht ein feines Gehör, um sein Murmeln zu hören, es braucht Augen des Glaubens, um es in der Nacht wahrzunehmen.
Dieses Reich ist ein Geheimnis! Es ist nicht erkennbar in den Dingen, die spektakulär sind und viel Lärm machen, sondern nur in den demütigen Spuren, in den armseligen Zeichen seiner verborgenen Gegenwart. Doch eben, ein Zeichen ist immer zerbrechlich und deutbar: Man muss es entziffern, interpretieren ... das ist die Rolle des Glaubens. Wir sind immer versucht, Zeichen von Gott zu fordern oder anderswo zu suchen! Doch es ist in unserem täglichen Leben, wo Gott sich von uns finden lassen will. Das Geschenk des Reiches Gottes wird im Bleiben gewährt, das Verbleiben im konkreten, alltäglichen Stehen und Mitgehen im Willen Gottes. Im tapfer gelebten Alltag, im Durchhalten der Krisen, Härten, Ängste und Einsamkeiten. Im Schritte tun und Aufeinander-Zugehen, in der Begegnung. In diesen, unseren Alltag hinein sendet Gott seinen Retter, Christus.
Das Reich Gottes ist schon jetzt da – mitten unter euch! – mitten unter uns!
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