Ich lade Sie ein, einem Text zum Voraus zu lesen, der voller Spannung ist. Das Kapitel 9 des Johannes-Evangeliums erzählt nicht nur von einer Begegnung, einem Wunder, einem Gespräch, sondern auch von einer Entwicklung. Ein Blinder wird von Jesus geheilt und das zieht eine richtige Gerichtsverhandlung in vier Entwicklungsschritten nach sich. Lesen Sie genau – und Sie werden mit Erstaunen vernehmen, dass Jesus – weil er diesen Mann geheilt hat:
und zum Schluss erneut von den Pharisäern angegriffen.
Einzig der geheilte Blinde – allein gegen alle anderen – verteidigt Jesus. Achtung: Sie werden an einer merkwürdigen Tatsache teilhaben: Der Blinde sieht zum ersten Mal mit seinen Augen, er sieht auch mit den Augen seines Herzens, wer Jesus ist. Aber die Pharisäer versinken in der Dunkelheit. Jedermann ärgert sich und diskutiert über das Ereignis, aber Jesus – er tritt nur am Anfang und am Schluss des Kapitels in Erscheinung. André Sève kommentiert diese Textstelle folgendermassen – und ich habe seinen Humor sehr gern. Er sagt: «Am Anfang sind alle blind, am Ziel gibt es einen Geheilten und viele, die blind geworden sind.»
1° Es würde zu weit führen, wenn wir auf diese Entwicklungsschritte und das Wunder eintreten würden. Ich überlasse das Ihrer persönlichen Lektüre dieses Textes. Ich möchte vielmehr die wichtigsten Elemente betrachten, von denen wir viel lernen können. Eines ist klar: Die Worte «blind», «sehen» und «Sünde» tauchen überall im Text auf. Bleiben wir zunächst beim Ausdruck «Sünde» stehen. Es sind die Jünger, welche diese polemische Diskussion eröffnen: «Herr, wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? War es seine eigene Schuld oder die Sünde seiner Eltern?» (Hfa, Vers 2). Die Jünger reden genau gleich daher, wie wir es auch heute noch tun, wenn etwas passiert: «Wo ist Gott in all dem Geschehenen?» Oder wenn uns etwas zustösst: «Was habe ich dem lieben Gott getan, dass mir das passiert?» Die Antwort von Jesus folgt auf der Stelle: «Er ist blind, weil an ihm die Macht Gottes sichtbar werden soll» (Vers 3). Gegenüber dieser Frage der Jünger, die so alt wie die Erde ist: «Wer ist schuld daran?» nimmt Jesus Stellung. Er zerschneidet die Verbindung zwischen dem Bösen und dem Unglück: zwischen dem Unglück als Folge des Bösen. Aber von der Behinderung dieses Mannes her wird Jesus einen Weg in die Zukunft eröffnen. Jesus tritt nicht in die Diskussion ein, er handelt! Und dennoch erschöpft sich dieser Abschnitt nicht in der Erzählung eines Wunders. Das Wunder wird in zwei Sätzen wiedergegeben: Es sind die Verse 6 und 7 in einem Kapitel, das 41 Verse enthält!
Eigenartigerweise spricht das ganze Kapitel von der Sünde. Aber es sind die Menschen, die darüber reden, und das alles ereignet sich ohne Jesus. Er ist nur am Anfang und am Schluss des Kapitels anwesend. Über eine Sache sind sich alle Beteiligten einig: Es ist die Sünde, welche die Verbindung mit Gott stört und durcheinander bringt. Die Sünde verhindert, dass sich das Werk von Gott in den Herzen und im Leben der Menschen erfüllen kann. Sie macht auch das Beten schwierig. Aber in einer ganz direkten Art ordnet Jesus die Sünde dem Gewissen und dem Wort zu.
Jesus prangert die Sünde an und vergleicht sie mit der Blindheit ... Blindheit des Geistes und des Herzens. «Ihr sagt ja: 'Wir sehen.' Deshalb bleibt eure Sünde.» Diese «blinden» Pharisäer glauben klar zu sehen! Sie haben sogar Jesus als einen Sünder bezeichnet und zum Blinden gesagt: «Wir wissen, dass dieser Jesus ein gottloser und sündiger Mensch ist.» (Vers 24). Was für eine Verwirrung und Verwechslung. Wie viel Unverständnis! Der letzte Vers des Kapitels gibt die Antwort von Jesus an die Pharisäer wieder: «Wäret ihr tatsächlich blind, dann könnte euch geholfen werden. Aber ihr sagt ja: 'Wir sehen.' Deshalb bleibt eure Sünde.» (Hfa Vers 41). Jesus wird diesen gleichen Gedanken in einem anderen Zusammenhang ausdrücken: «Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken!» (Matthäus 9, , Vers 12).
2° Licht zu erhalten, das bedeutet Zeugnis abzulegen. Ein Blinder wird geheilt, aber seine Heilung schenkt den anderen Menschen keine Erleuchtung, kein Licht. Diese Heilung lässt vielmehr eine allgemeine Unruhe entstehen. Die Theologin France Quéré deutet diese Unruhe folgendermassen: «Die Menschen wollten die Ursache der Sünde wissen. Jesus weist sie auf das Ziel hin. Die Jünger debattieren, Jesus heilt.» Das Werk Gottes hat sich in diesem Mann, der blind war, offenbart. Aber niemand von ihnen kann das Zeichen erkennen ... Vielleicht darum, weil diese Menschen um ihn so sicher meinen, alles zu wissen und deshalb auch so hart in ihrem Urteil sind. Alle kennen die Wahrheit, oder glauben sie zu kennen. Aber mit ihren Urteilen versinken sie in der Dunkelheit. Sogar das Wissen kann eine Quelle des Irrtums sein. Ihre Rechthaberei geht so weit, dass sie nicht glauben, dass dieser Mann blind war und sie fragen dessen Eltern: «Ist das euer Sohn? Stimmt es, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann?»( Vers 19, Hfa).
Und mitten in diesen Worten, die verurteilen, gehen die Pharisäer noch weiter und sagen zum Blinden: «Was, du Sünder, willst uns belehren?» (Vers 34).
Er wird auch von der Menge ausgefragt und mit ihren Fragen unter Druck gesetzt: «Wieso kannst du denn plötzlich sehen? So im Vers 10., und dann: «Wo ist denn dieser Jesus?», fragten sie ihn weiter, im Vers 12. «Was glaubst denn du, wer dieser Mann ist?» im Vers 17. Und im Vers 26 fangen die Pharisäer von Neuem an: «Aber was hat er denn gemacht? Wie hat er dich geheilt?» Er aber wiederholt sein Zeugnis. Als ich über dieser Predigt gebetet habe, bin ich durch die Einfachheit des Zeugnisses von diesem Mann sehr berührt und ermutigt worden.
Gegenüber den aggressiven Fragen bezeugt der geheilte Mann mit ganz einfachen Worten: «Ich weiss nur eins: Ich war blind, und jetzt kann ich sehen!» (Vers 25).
Mitten in diesen Sätzen, bei welchen es um die Identität von Jesus geht, kommt beim Blinden ein Schimmer von Humor oder Naivität auf, der mir sehr gefällt! Im Vers 27 sagt er zu den Pharisäern: «Das habe ich euch doch schon gesagt. Habt ihr denn nicht zugehört? Warum soll ich alles noch einmal erzählen? Wollt ihr etwa seine Jünger werden?» Vom Zeugnis geht er zur Einladung über! Aber jene Männer wehren sich sofort: «Du bist sein Jünger. Wir sind Moses Jünger.»
Wenn Sie das Kapitel 9 des Johannes-Evangeliums noch einmal lesen, dann können Sie sehen, dass der geheilte Blinde sich langsam aber sicher der Person von Jesus nähert, indem er geduldig die Fragen beantwortet. Von nun an sieht er mit seinen Augen, aber in seinem Innern geht schrittweise ein Licht auf.
Verfolgen Sie doch diese Schritte mit: Der Blinde sagt zuerst im Vers 11: «Ein Mann, er heisst Jesus, hat mir einen Brei auf die Augen gestrichen.» Dann, im Vers 17 sagt er: «Er muss ein von Gott gesandter Prophet sein.» Und nachdem er Jesus erneut sieht, legt er dieses Glaubensbekenntnis ab: «Ja, Herr, ich glaube!» Und er warf sich vor Jesus nieder.» (Vers 38).
3° Man kann Augen haben – und nichts sehen! Man kann Ohren haben – und nichts hören! Jesus selber sagt es, und diese Passage ist die Demonstration dafür. Man kann das Evangelium lesen ohne zu sehen, ohne Jesus zu hören. Wir können unsere Termine mit ihm verpassen. Denn wissen und sogar sehen genügt nicht, um Christus als Retter und Herrn anzuerkennen. Hören ist unerlässlich. Das Wort Gottes lesen, es in uns nachklingen lassen, das ist unerlässlich. Im Grunde ist es der Schlüssel zum Wunder: Jesus hat einen Menschen gesehen, der ihn nicht gesehen hat und der ihn nicht fragte! Jesus hat mit ihm gesprochen, dieser Mann hat ihm zugehört und hat das ausgeführt, was er gehört hat. Sein Hören und sein Gehorsam werden ihn zum «Sehen» hinführen.
Xavier de Chalendar kommentiert das Sehen und den Glauben auf folgende Weise: «Ein Jünger Christi ist jemand, der hört, und das erlaubt ihm, von neuem zu sehen, anders zu sehen. Jesus ist jemand, der einlädt, an sein Wort zu glauben. Der Glaube ist nicht dem Wissen, sondern dem Vertrauen auf Gott zugeordnet. Und glauben kommt aus einem Wort, das als Antwort auf eine Frage hervorbricht: «Und du, was sagst du von ihm? (Vers 17): «Was glaubst denn du, wer dieser Mann ist?»
«Glaubst du an den Menschensohn?», fragt Jesus den geheilten Blinden in Vers 35. An diesem Morgen stellt sich uns die Frage: «Glaubst du an Jesus? Glaubst du an den Menschensohn?» «'Ja, ich will gern an ihn glauben! Aber ich kenne ihn nicht', erwiderte der Geheilte. 'Du hast ihn schon gesehen, und in diesem Augenblick spricht er mit dir!', gab sich Jesus zu erkennen. 'Ja, Herr', rief jetzt der Mann, 'ich glaube!' Und er warf sich vor Jesus nieder.» (Verse 35 bis 38 Hfa)
«Glaubst du an Jesus?» – Möge der Schrei unseres Herzens sein: «Ja, ich glaube, Herr! Ja, ich glaube an dich, aber ich möchte immer mehr lernen, wer du bist.» Möge der Schrei unseres Herzens sein: «Ich möchte nur eine einzige Tatsache kennen: dich, Herr! Dich, der du mich aus der Dunkelheit ans Licht führen willst.» Amen.