Seelsorge, Predigten

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Heilsarmee Zürich Zentral  

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Predigt zum 28.1.2007 (Martin Gossauer)

Der Weg des Gebetes
(Psalm 63, 1-9)

1 Ein Lied Davids. Es stammt aus der Zeit, als er in der Wüste Juda war.
2 Gott! Du bist mein Gott! Ich sehen mich nach dir, dich brauche ich! Wie eine dürre Steppe nach Regen lechzt, so dürste ich, o Gott, nach dir.
3 Ich suche dich in deinem Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
4 Deine Liebe bedeutet mir mehr als mein Leben! Darum will ich dich loben;
5 mein Leben lang werde ich dir danken und meine Hände zum Gebet emporheben.
6 Ich juble dir zu und preise dich, ich bin glücklich und zufrieden wie bei einem Festmahl.
7 Wenn ich nachts in meinem Bett liege, denke ich über dich nach, meine Gedanken sind dann nur bei dir.
8 Denn du hast mir immer geholfen; ich preise dich, unter deinem Schutz bin ich sicher und geborgen.
9 Ich klammere mich an dich, und du hältst mich mit deiner starken Hand.

Einleitung

Wie kann ich beten? Ist es auch ihre Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, Wege des Gebetes zu finden? Ein Sprichwort sagt: «Jeder Vogel singt so, wie sein Schnabel gewachsen ist.» Diese Weisheit können wir sehr gut auch auf das Gebet anwenden.

So wie es über 1000 Vogelarten gibt, gibt es auch unzählige Arten zu beten und ebenso viele Arten, es nicht zu tun. Wie das Sprichwort sagt, betet jeder so, wie er ist und wie er kann! Jedes Gebet ist zuerst gezwungenermassen persönlich. Wir sind alle eingeladen, den Weg von unserem Herzen zu Gott zu suchen und zu finden, den Weg unseres persönlichen Gebetes. Wie immer er auch aussehen mag, er muss uns zu einem authentischen Gebet führen, das zuerst der Atem meines Lebens ist. Beten heisst atmen! Mein Gebet muss Teil sein von dem, was ich bin und lebe. Beten ist eine Art, mich selber zu sein, mein Leben atmen zu lassen in einer Welt, die mir den Atem raubt. So wie wir nicht leben können, ohne zu atmen, so kann auch unsere Beziehung mit Gott nicht leben ohne das Gebet.

Wir spüren, dass heute das Bedürfnis nach Innehalten und Stillewerden sehr gross ist in einer Welt, in der wir so manchem Druck ausgesetzt sind, in einer Welt, in der alles eine Sache der Dringlichkeit und der Rentabilität wird. Warum sich nicht einmal vorstellen, dass in dieser Situation das Gebet für mich ein Geschenk sein kann, eine Atempause der Stille und der Erholung bei Gott, der unsere Quelle ist? Mehr als darum, etwas zu sagen, geht es darum, zu hören und etwas in unserem Inneren zu empfangen, wenn wir uns an dieser Quelle den Durst stillen. Wenn wir das Gebet so anschauen, ändern wir auch unsere Haltung, wenn wir beten, und das Gebet hilft uns, eine wahre, konkrete Beziehung mit Gott aufzubauen. So wie David uns das am Beispiel von Psalm 63 zeigt: Für ihn bedeutet das Gebet Freude und Glück. Verse 4-6:

4 Deine Liebe bedeutet mir mehr als mein Leben!
Darum will ich dich loben;
5 mein Leben lang werde ich dir danken
und meine Hände zum Gebet emporheben.
6 Ich juble dir zu und preise dich,
ich bin glücklich und zufrieden wie bei einem Festmahl.

Ich möchte Ihnen heute, auf ganz konkrete Art und Weise, zwei Bilder zeigen, die, so hoffe ich, uns ermutigen zu beten und auf unserem Weg des Gebetes voranzugehen.

1. Das Seil: Gott unser Führer

Es ist zwar nicht Wanderzeit, doch eine junge Frau erzählt von einer Bergwanderung im Sommer und schreibt: Begleitet von einem Bergführer, bin ich am Morgen früh um fünf Uhr aufgebrochen, um einen bekannten Gipfel der Alpen zu besteigen. Nach einigen Stunden des schweigsamen Aufstieges, dreht sich der Bergführer um und sagt zu mir: «Halten wir doch einen Moment inne für eine Pause. Heute ist Sonntag. Wenn ich im Dorf wäre, ginge ich nun in die Kirche zum Gottesdienst. Jetzt möchte ich hier ein Gebet sprechen.»

Der blaue Himmel erstreckte sich wunderbar über das ganze Tal und die Kirchenglocken im Dorf unten begannen zu läuten. Was für eine Wohltat. Er soll doch ruhig beten, ich setze mich hin und massiere mir die Füsse. Denn, beten sagte mir damals gar nichts.

Zu meiner Überraschung begann mein Begleiter mit intensiver, lauter Stimme zu beten, ganze ohne Hemmungen: «Herr, du kennst mich. Du weißt, dass ich weder wirklich gut noch wirklich böse bin. So hilf du mir und führe mich, ich will auf dem Weg zu dir gehen. Du weisst, dass ich dich liebe und ich danke dir für die Gewissheit, dass du mich liebst.»

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich in einem Gebet einen richtigen Dialog entdeckte, einen Sinn und eine Hoffnung. Der Bergführer sprach dann zu Gott über verschiedene Personen seines Dorfes, die alleine oder krank waren. Er vertraute sie ganz einfach Gottes Liebe an.

Während ich mir die Füsse rieb, begann ich ganz natürlich auch an die eine oder andere bekannte Person in meiner Heimat zu denken.

Wir sind dann bald weiter gestiegen, und etwa eine Stunde später, in einem steilen Durchgang, bin ich ausgeglitten und beinahe gestürzt. Dank dem Seil, das uns verband, und der Aufmerksamkeit des Bergführers kam ich mit dem Schrecken davon. Als der Weg wieder gemächlicher war, hielt mein Begleiter an und sagte: «Sehen Sie, vor einigen Augenblicken waren Sie froh, dass das Seil Sie hielt. Doch jetzt, wo der Weg einfacher ist, käme es Ihnen in den Sinn, dieses Seil, das uns verbindet, fallen zu lassen? Nein, sicher nicht. Nun, mit Gott ist es dasselbe: Wir rufen ihn immer an, wenn etwas nicht klappt, doch dann vergessen wir ihn wieder. Darum war es doch gut, an diesem wunderschönen Morgen zu beten.» Die einfache, spontane und ehrliche Haltung des Bergführers berührte mich so sehr, dass dieses Erlebnis mich auf den Weg des Glaubens und des Gebetes führte.

Ein schönes Zeugnis und ein gutes Bild für das Gebet: Das Gebet ist wie ein Seil, das uns mit Gott, unserem Führer verbindet. Es stimmt, oft beten wir zu Gott, wenn wir irgendetwas von ihm wollen oder wenn etwas nicht geht. Und dann legen wir ihn wieder auf die Seite, wie ein Paar Handschuhe. Der Bergführer hielt an jenem prächtigen Tag an, um Gott zu loben und ihm zu danken. Für ihn war beten wie atmen. Wir atmen ja immer, die ganze Zeit. Und Gott möchte die ganze Zeit mit uns in Verbindung bleiben durch das Gebet. Lassen wir nie das Seil fallen, diese direkte Verbindung mit Gott, die uns Sicherheit, Schutz und seine Gegenwart gewährt.

Was mich auch beeindruckt in diesem klaren Zeugnis, ist der Mut des Bergführers, einfach vor dieser jungen Frau zu beten. Er zeigte ihr damit, dass das Gebet für ihn zum alltäglichen Leben gehört. Seine Haltung bewegte die Frau und brachte sie zum Nachdenken über ihre eigene Beziehung mit Gott. Wir können nie wissen, was für eine Ausstrahlung unser Gebet und unser Zeugnis haben können. Ich selber habe eigentlich noch nie erlebt, dass Menschen sich lustig gemacht haben, wenn ich bete oder ihnen vorschlage, für sie zu beten. Im Gegenteil, sie sind gewöhnlich dankbar dafür und respektieren es.

2. Das Gebet ist wie ein Fluss: Gottes Geist fliesst

Im zweiten Bild geht es um Wasser: Der Chinese Chang-Pô war ein weiser Mann, der unter der Dynastie Tang lebte (618 – 907), also irgendwann zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert. Er sagte: Du brauchst den Fluss nicht anzutreiben, er fliesst von alleine.

In Bezug auf das Gebet kann das heissen: Setze dich also nicht unter Zwang, wenn du betest, höre vielmehr auf das Lied der Quelle in dir. Lass den Fluss fliessen und folge ihm. So ist es mit dem wahren Gebet. Das Gebet ist zuerst dieses Geschenk, diese Freude – ja, ich sage Freude – des Hörens, der Stille, der Ruhe in Gott, der unsere Quelle ist. Und jedes Gebet, jedes Wort, das wir sagen, fliesst daraus heraus und wird Teil dieses Flusses, der fliesst. Dieser Fluss ist Gottes Geist, der in uns wirkt. Beten heisst, dass wir in das Wasser dieses Flusses eintauchen, das Wasser dieser Quelle. Und dieses Wasser wird uns reinigen, formen, polieren wie es mit einem Stein geschieht, der ins Wasser fällt.

Franz von Assisi sagt: «Wenn wir wüssten, wie Gott anzubeten, wir würden die Welt mit der Ruhe der grossen Wasserströme durchqueren.»

Lassen wir uns in diese wahre Anbetung hinein nehmen, die uns durch die Stürme des Lebens hindurch trägt.

Schlussfolgerung

Wie können wir beten? David hat seinen Weg des Gebetes gefunden. Die Psalmen sind Gebete, die das Leben atmen, es sind Atemzüge seines Lebens.

Wir haben den Psalm 63 gelesen, der so gut dieses Verlangen ausdrückt, mit Gott in Verbindung zu sein. Das ist wahres Gebet. Es ist ein Dialog zwischen zwei Wesen mit dem Verlangen zu lieben: das Verlangen von Gott, das immer zuerst da ist – und unser Verlangen. Bei David drückt es sich aus in Worten wie «ich sehne mich nach dir,... ich brauche dich,... ich suche dich,... ich denke über dich nach» (Verse 2,3,7). Gott ist immer bereit, auf unser Verlangen zu antworten, unseren Durst nach ihm zu stillen.

Im Psalm 63 finden wir die beiden Bilder von heute morgen: das Seil und das fliessende Wasser.

Der Vers 9 sagt: Ich klammere mich an dich, und du hältst mich mit deiner starken Hand. Diese Worte erinnern uns an das Bild des Seiles und des Bergführers. Habe ich dieses gleiche Verlangen wie David, ganz bei Gott zu sein, gehalten von seiner Gegenwart?

Der Vers 2 spricht vom Wasser: Wie eine dürre Steppe nach Regen lechzt, so dürste ich, o Gott, nach dir. Man sagt uns, dass David sich in der Wüste Juda befand, als er diesen Psalm betete. In einem andern Psalm (42,2) betet David: Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so sehne ich mich nach dir, o Gott! Ja, ich dürste nach Gott, nach dem lebendigen Gott.

Habe ich dieses gleiche Verlangen wie David, in diesen Fluss einzutauchen, der aus Gottes Gegenwart fliesst? Ist es mein grösstes Verlangen wie bei David, wenn er sagt: Ich suche dich in deinem Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen (Psalm 63,3)? Lassen wir uns von dem Wasser dieses Flusses mitreissen, lassen wir uns von seinem Lebenswasser tragen. Daraus fliessen Gottes Macht, seine Herrlichkeit, seine Liebe. Daraus fliessen unser Lob, unsere Freude und Zufriedenheit, ein erfülltes Leben. (Vers 3 bis 6 wiederholen)

Ich wünsche mir für uns alle dieses Verlangen von David und das Geschenk eines solchen Festmahles von Gott mit Vers 6: Ich juble dir zu und preise dich, ich bin glücklich und zufrieden wie bei einem Festmahl.

Amen.

Kontakt

Majore
Walter und Hanny Bommeli

Heilsarmee Zürich Zentral
Ankerstrasse 31
8004 Zürich

Tel. 044 242 53 89

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