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Predigt vom 29.10.2006 (Corinne Gossauer-Peroz)
Barmherzigkeit
(Markus 1, 35-45)
35 Am nächsten Morgen stand Jesus vor Tagesanbruch auf und ging an eine einsam gelegene Stelle, um dort allein zu beten. 36 Petrus und die anderen suchten ihn. 37 Als sie ihn gefunden hatten, sagten sie vorwurfsvoll: «Alle Leute fragen nach dir!» 38 Aber er antwortete: «Wir müssen auch noch in die anderen Dörfer gehen, um dort die Heilsbotschaft zu verkünden. Das ist meine Aufgabe.» 39 Und Jesus reiste durch die ganze Provinz, predigte in den Synagogen und befreite viele aus der Gewalt dämonischer Mächte. 40 Einmal kam ein Leprakranker zu Jesus. Er fiel vor ihm nieder und bat: «Wenn du willst, kannst du mich heilen.» 41 Jesus hatte Mitleid mit dem Mann. Deshalb legte er segnend die Hand auf ihn: «Ich will es tun! Sei gesund!» 42 Von diesem Augenblick an war der Aussatz verschwunden und der Mann geheilt. «Sprich mit niemandem über deine Heilung», schärfte ihm Jesus ein, «sondern gehe direkt zum Priester, und lass dich von ihm untersuchen. Bring das Opfer für deine Heilung, wie es Mose vorgeschrieben hat.» 45 Aber der Mann erzählte überall, wie er geheilt worden war, so dass Jesus nicht länger in der Stadt bleiben konnte. Er musste sich in eine einsame Gegend zurückziehen. Aber auch dorthin kamen von überall die Leute zu ihm.
Wie teilen wir unsere Zeit ein? Zeitmanagement ist ein sehr trendiges Thema, aber es ist nicht neu! Haben Sie sich schon einmal beim Lesen der Evangelien gefragt, wie Jesus seine Zeit einteilte? Er war von so vielen Dingen in Anspruch genommen! All die Stunden, die er mit seinen Jüngern unterwegs war und mit ihnen diskutierte. Er wurde auch von vielen anderen Menschen beansprucht, durch die Bitten der einen und der anderen, durch Hilferufe ...
Dieses erste Kapitel im Markusevangelium ist sehr interessant: Es beschreibt, wie Jesus von Johannes getauft wurde. Mit diesem sichtbaren Zeichen bezeugt Gott, dass Jesus «sein geliebter Sohn» ist. Dann folgen die 40 Tage in der Wüste und anschliessend beginnt das Wirken von Jesus in der Öffentlichkeit. Was wird Jesus mit seinen Tagen anfangen? Wie wird er seine Zeit einteilen? Wenn Sie dieses erste Kapitel lesen, dann erkennen Sie, dass Jesus seine Jünger auswählt und anschliessend Heilungen und Befreiungen an Menschen vollzieht. Sie können beobachten und fühlen, wie gross die Bitten und Begehren der Menschen bereits sind ...
Ganz am Anfang der ersten Tage des Wirkens von Jesus steht dieser wunderbare Satz im Vers 35 aus Hoffnung für alle: «Am nächsten Morgen stand Jesus vor Tagesanbruch auf und zog sich an eine einsam gelegene Stelle zurück, um dort allein zu beten.»
Jesus bringt all das zu Gott, was seinen Tag ausmachen wird. Tief verbunden mit seinem Vater nimmt er sich diese Zeit, um mit ihm allein in Gemeinschaft zu sein. Er nimmt sich Zeit, um «nahe bei Gott» zu sein, damit er nachher «nahe bei den Menschen» sein kann.
Und die Bedürfnisse der einzelnen Menschen holen ihn sehr schnell ein ... Die Jünger finden ihn wieder und sagen diese schrecklichen Worte zu ihm (Vers 37): «Alle Leute fragen nach dir!»
Nach einem Tagesbeginn im Gebet, in der Gegenwart des Vaters, macht sich Jesus auf den Weg, um in andere, benachbarte Dörfer zu gehen. Dieses Vis-à-vis mit seinem Vater führt Jesus zu den einzelnen Menschen hin. Dieses Vis-à-vis mit seinem himmlischen Vater erweitert sein Herz. Weil Gott der Vater aller Menschen ist, ist es nötig, dass diese gute Nachricht allen Menschen verkündet wird. Sein Programm ist im Vers 38 festgelegt: «Wir müssen auch noch in die anderen Dörfer gehen, um dort die rettende Botschaft zu verkünden. Das ist meine Aufgabe.» Und dann, auf einmal nähert sich ein Aussätziger Jesus.
1° «Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus. Er fiel vor ihm nieder und bat: Wenn du willst, kannst du mich heilen» (Vers 40).
Dieser Mann ist beeindruckend mit seinem Mut und seinem Glauben! Er nähert sich Jesus, fällt auf die Knie und drückt seinen Glauben aus. In seiner Kühnheit bricht dieser kranke Mann ein Tabu. Der Aussatz ist eine Krankheit der Haut, die die Glieder angreift und zerstört und sie mit Wunden bedeckt. Die Angst vor der Ansteckung war so gross, dass die Aussätzigen vom ganzen sozialen Leben der Mitmenschen ausgeschlossen wurden. So hat also dieser Ausgestossene einen gesunden Menschen aufgesucht, um mit ihm zu sprechen. Und damit hat er etwas Unerlaubtes getan. Sein Wunsch geheilt zu werden, zeigt sich bereits in diesem Schritt und in diesem Satz: «Wenn du willst, kannst du mich heilen.» Diese Worte sind fantastisch. Sie enthalten den ganzen Glauben dieses Mannes. «Wenn du willst», das will mit anderen Worten sagen: « ... du musst nur wollen ... Ich selber, ich glaube an dich, ich bin mir deiner gewiss!» Lassen wir diese Worte in uns nachklingen: «Wenn du willst, kannst du mich heilen» (Vers 40). Spüren Sie nicht auch, dass sie wie ein Schrei, wie ein Gebet klingen? ... Ein Gebet voller Erwartung, voller Demut und Glaube. Zu diesem Zeitpunkt war Jesus nur ein «Wanderprediger, ein Heiler», wie es andere auch gab. Aber dieser Mann wendet sich an ihn, als ob er Gott persönlich sei. Er sagt ihm eigentlich: «Dein Wille geschehe. Wenn du willst, dann kannst du es tun.»
Jesus ist durch einen solchen Glauben berührt! Vom ersten Tag an lässt Jesus sich durch grosse Menschenmengen nicht «bluffen», aber er lässt sich durch einzelne Menschen innerlich berühren. Für Jesus ist der Einzelne wichtiger als die Gruppe. Das ist auch die gute Nachricht der Evangelien! Weil sich alles im einzelnen Menschen ereignet: in seinem Herzen und in seinem Körper: das Leiden, die Krankheit, der innere Sturm, der Zweifel, die Liebe, die Freude, der Glaube, die Umkehr ... Alles spielt sich im einzelnen Menschen ab: in seinem Herzen und in seinem Körper.
2° «Jesus hatte Mitleid mit dem Mann» (Vers 41). Ich liebe diese Passage, weil wir dort das erste Gefühl, die erste Emotion von Jesus finden, von der uns berichtet wird. Verschiedene französische Übersetzungen der Bibel drücken das so aus: «Jésus est ému de compassion.» «Jesus ist von Barmherzigkeit berührt» (Version Thompson) oder: «Jésus fut pris aux entrailles.» «Jesus war in seinem Innersten, in seinen Eingeweiden ergriffen» (Version Chouraqui); oder in unserer Mundart: «Er het Erbarme gha» (Nöis Teschtamänt uf Bärndütsch). Bis dahin hatte Jesus auch schon Menschen geheilt, aber es war dabei kein Gefühl in Worte gefasst worden. Hier lesen wir nun diesen ersten Vermerk: «Jesus hatte Mitleid mit dem Mann» oder «Er wurde von Barmherzigkeit berührt.» Dieses erste Kapitel im Markus-Evangelium zeigt uns auf seine Weise, dass am Anfang des Dienstes von Jesus die Barmherzigkeit stand. Jesus hat beschlossen, sein Gefühl nicht zu ersticken, sondern es durchaus sichtbar werden zu lassen.
Der Mensch gewordene Gott kommt den Menschen ganz nahe und nimmt an ihrem Leiden teil. Der Mensch gewordene Gott in Jesus ist in seinem tiefsten Innersten berührt von einem Aussätzigen. Mitleiden, am Leiden teilhaben heisst mitfühlen, mit jemandem leiden ... Gott hat Jesus in die Welt gesandt, damit er unsere Verwundungen mitfühlt und sie dadurch berühren und auf sich nehmen kann. Jesaja 53 im Alten Testament spricht von diesem Handeln Gottes in Jesus. Es wäre gut, das ganze Kapitel 53/dreiundfünfzig im Jesaja immer wieder zu lesen.
3° «Deshalb streckte er die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es tun! Sei gesund!» (Vers 41). Jesus bleibt nicht bei seinem Gefühl stehen, nein, er handelt! Das Gefühl von Jesus ist nicht eine Frage der Empfindung, sondern eine Frage der Barmherzigkeit. Als Träger der Liebe Gottes bricht Jesus ein Tabu: Er streckt die Hand aus und berührt diesen Menschen. Wir finden hier die zweite Geste von Jesus, über welche Markus berichtet. Im Vers 31 des ersten Kapitels hatte Jesus die Hand der Schwiegermutter von Simon genommen und sie geheilt. Weil Jesus mitleidet, beschliesst er, seine Hand auszustrecken und diesen aussätzigen Menschen zu berühren, den man unter keinen Umständen berühren sollte!
Am Anfang ist diese Geste. Eine Geste, aus Mitgefühl ausgeführt. «Ich will es tun! Sei gesund!» Jesus sagt «Ich, ich will». Er sagt nicht: «Ich entscheide oder ich befehle.» Er sagt: «Ich will das, was du willst.»
Die Begegnung von Jesus mit dem Aussätzigen macht uns klar: von einem Menschen berührt zu werden heisst: sich zuerst von seiner Not, von seinem Bedürfnis berühren zu lassen. Sich von den Bedürfnissen der Menschen berühren zu lassen heisst, aus sich heraus, von sich weg zu gehen. Sich berühren zu lassen, das bedeutet zu lernen, eine Geste zu machen ... Uns von den Menschen berühren zu lassen heisst, dass wir lernen müssen, unser Herz und unsere Hände zu öffnen.
Am Anfang des Wirkens von Jesus ist die Barmherzigkeit.
Am Anfang des Wirkens von Jesus ist die Geste: Er streckt die Hand aus und berührt einen Aussätzigen.
Am Ende des Wirkens von Jesus ist die Barmherzigkeit.
Am Ende des Wirkens von Jesus ist die Geste: Die Hingabe seines Lebens, damit das, was uns noch von Gott trennt, aufgehoben wird. Mit ausgebreiteten Armen hat er am Kreuz unsere Sünde und unser Elend auf sich genommen.
Ich habe diesen Text von Markus sehr gern, weil Jesus von der ersten Stunde seines Wirkens an der Retter ist. Er ist es, der durch das Wort und durch die Geste rettet. Er ist es, dessen Wort und dessen Hingabe seines Lebens nichts als Liebe sind. «Christus hat unsere Sünden auf sich genommen und sie selbst zum Kreuz hinaufgetragen. Das bedeutet, dass wir für die Sünde tot sind und jetzt leben können, wie es Gott gefällt. Durch seine Wunden hat Christus uns geheilt» (1. Petrus 2, 24 Hfa).
Der Aussätzige ist nicht hier unter uns. Aber wir alle haben einen «inneren Aussatz», Verwundungen, Orte des Leidens ... Wir haben alle unseren «inneren Aussatz», unsichtbar für die anderen, aber sehr real in uns. Nur Christus allein kann in diesen Schattenzonen, die sich zwischen uns und Gott wie auch zwischen uns und die anderen legen, etwas tun. Es ist an uns, ihm zu sagen: «Wenn du es willst, kannst du mich rein machen.» Die Frage ist immer wieder dieselbe: Wollen wir zu ihm kommen, um ihm unsere Bitte, unser Bedürfnis vorzubringen? Sind wir bereit, uns von Jesus berühren zu lassen?
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