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Predigt vom 10.9.2006 (Corinne Gossauer-Peroz)
Martha und Maria, Teil 2
(Lukas 10, 38-42)
«Jesus kam mit seinen Jüngern in ein Dorf, wo sie bei einer Frau aufgenommen wurden, die Martha hiess. Maria, ihre Schwester, setzte sich zu Jesus und hörte ihm aufmerksam zu. Martha aber war unentwegt mit der Bewirtung der Gäste beschäftigt. Schliesslich kam sie zu Jesus und fragte: «Herr, siehst du nicht, dass meine Schwester mir gar nicht hilft? Sie überlässt mir die ganze Arbeit. Kannst du ihr nicht sagen, dass auch sie etwas tun soll?» Doch Jesus antwortete ihr: «Martha, Martha, du machst dir viel Sorgen und mühst dich um Dinge, die im Grunde nicht so wichtig sind. Wichtig ist nur eins! Das hat Maria verstanden, und davon werde ich sie nicht abbringen.»
(Hoffnung für alle)
Martha und Maria sind vielleicht immer noch in Ihren Köpfen und in Ihren Herzen. Viele unter Ihnen sind zu mir gekommen und haben mir gesagt, wie sehr dieser biblische Text zu ihnen gesprochen hat; wie stark er sie gestört hat und wie gut er ihnen getan hat! Nach meiner Predigt vor zwei Wochen habe ich zu meinem Mann gesagt, was ich oft sage: «Es gibt so viel zu sagen, dass ich eine zweite Predigt darüber schreiben könnte.» Heute Morgen werde ich einige Gedanken anfügen, die an Ihre Reaktionen gebunden sind und die auch sehr gut zum Berufungssonntag der Heilsarmee in der Schweiz passen.
«Wichtig ist nur eins»: Dieser Text im Lukas-Evangelium, Kapitel 10 berichtet von zwei Frauen, aber es ist nicht nur ein Text für Frauen! Wir als Frauen und Männer, privat oder bei der Arbeit, müssen ständig eine Wahl treffen und unsere Prioritäten überprüfen. Wenn wir das nicht tun, dann explodieren wir wie Martha ...
- Eine erste Überlegung: Es ist wichtig zu betonen, dass Martha «an ihrem richtigen Platz war»: Sie füllte ihre Rolle gut aus. Der Text sagt uns klar, dass Jesus zu Martha kam und dass er nicht allein kam. «Jesus kam mit seinen Jüngern in ein Dorf, wo sie bei einer Frau aufgenommen wurden, die Martha hiess» (Lukas 10, 38). Also, wenn man sich vorstellt, dass Martha für 15 oder mehr Personen kochen musste, dann hatte sie das Recht, gestresst zu sein!
Martha, Maria und Lazarus sind Freunde von Jesus. Martha ist sicher die Älteste der drei Geschwister, und es scheint, dass sie verwitwet war. Sie wohnte nahe bei Jerusalem und Jesus kehrte oft bei ihr ein, um sich zu stärken und einige Augenblicke der Freundschaft zu erleben. Martha ist die Hausherrin, und deshalb ist sie die Verantwortliche für das Menü und den Service. Es stimmt schon: Jesus hätte Maria sagen können, dass sie ihrer Schwester helfen solle. Er hätte auch zu Martha sagen können: «Komm, setze dich auch zu uns, es ist nicht schlimm, wenn es nichts zu essen gibt. Die Jünger können warten.» Er hat aber nichts solches gesagt oder getan! Weil seine Jünger, wie alle Männer, sagen mussten: «Wann kann man essen? Was gibt es zu essen?» ...
Was Jesus Martha vorwirft, ist nicht das, was sie tut, sondern ihre innere Erregung, mit welcher sie die Dinge tut. Es ist diese innere Erregung, welche Spannung und Kritik hervorbringt. Berufung bedeutet, den Platz, die Rolle zu entdecken, die der Herr uns zeigt. Es ist dann die grosse Herausforderung, sich nicht von den Dingen «auffressen» oder überrennen zu lassen, die zu tun sind ... Im Zentrum der Berufung ist das Wichtigste, die persönliche Beziehung mit Gott, mit Christus und mit dem heiligen Geist zu nähren und wachsen zu lassen.
- Eine zweite Überlegung: Die Worte von Jesus haben mir seine Begegnung mit der Frau mit dem Salböl in Erinnerung gerufen. Wir haben diesen Text im Matthäus-Evangelium, Kapitel 26 in einem Gottesdienst im Juli betrachtet. Vor allen Anwesenden hat eine Frau ein sehr teures Salböl auf das Haupt von Jesus ausgegossen, aus Liebe und aus Dankbarkeit zu ihm. Dort waren es die Jünger, die sich geärgert haben. Es stimmt: Man hätte das Parfum verkaufen und mit dem Erlös viel Gutes für die Armen tun können. Aber auch hier zeigt Jesus, dass er nicht die gleichen Prioritäten setzt wie die Menschen. «Arme, die eure Hilfe nötig haben, wird es immer geben, ich dagegen bin nicht mehr lange bei euch» (Matthäus 26, 11). Diese beiden Frauen, die Frau mit dem Salböl und Maria (und möglicherweise sind beide dieselbe Person), haben die Wichtigkeit des Zeitpunkts erfasst, der mit Jesus zusammenhängt. «Wichtig ist nur eins»: Es gibt Begegnungen mit Jesus, die man nicht verpassen darf. Es gibt im Wachsen einer Berufung ganz innige Momente mit dem Herrn, welche die Liebe und die Dankbarkeit, ihm anzugehören, immer grösser werden lassen. Diese Augenblicke erlebt man nur im Hören auf Gott, im Gebet, in der Stille, beim Lesen der Bibel.
- In der letzten Predigt über Martha und Maria habe ich gesagt, dass ich Clichés und vorschnelle Vergleiche gar nicht schätze:
Martha die Aktive, die Mutige und Maria die Mystische, die Kontemplative
Martha die «Krampferin», die Arbeitende und Maria die Träumerin.
Mich irritiert auch, dass man Menschen, die man als geistlich, mystisch oder träumerisch bezeichnet, immer ein wenig belächelt, weil es immer jemanden gibt, der sagt, dass sie sich nicht genug engagieren, nicht richtig in der Realität leben. Lukas 10 zeigt auf, dass beide, Martha und Maria, nötig sind, aber dass es eine Frage der Ausgewogenheit ist ...
Die gute Nachricht für uns alle heisst: Jesus erzwingt nichts: Er will weder die Marthas noch die Marias ändern. Er nimmt uns an, mit allem, was wir sind und so wie wir sind. Ob wir jetzt eine Martha oder eine Maria sind: Seine einzige Sorge besteht darin, dass wir in unserer Freundschaft mit ihm wachsen können. Im Zentrum jeder Berufung liegt die grosse Herausforderung, Martha und Maria, jeder von beiden, den richtigen Platz zu geben. Dieser Platz ist ein Gleichgewicht, dessen Frucht die Freude ist, die Freude, im Dienste des Herrn und der Menschen zu stehen.
- Und hier meine dritte und letzte Überlegung: Während ich über Martha und Maria nachdachte, ist mir ein Vers wieder in den Sinn gekommen, der für mich sehr wichtig im Ausleben meiner Berufung geworden ist. In Johannes 6, 28 und 29 fragen einige Menschen Jesus: «Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?» Jesus antwortete ihnen: «Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat» (Einheitsübersetzung).
Achten wir auf diese subtile Änderung im Text: Die Menschen sprechen von Werken in der Mehrzahl, aber Jesus sieht nur eines und braucht die Einzahl. Diese Menschen wollen Werke für Gott tun! Das ist fantastisch! Jesus sagt ihnen nicht: «Super, ich habe viele Dinge für euch zu tun! Ihr werdet keine ruhige Minute mehr haben!» ... Nein, er sagt ihnen das Folgende (Hfa): «Nur eines erwartet Gott von euch: Ihr sollt an den glauben, den er gesandt hat.» Wie zu Maria sagt er auch hier: «Wichtig ist nur eines...» Jesus antwortete ihnen: «Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.»
Wir spüren hier die genau gleiche Anspannung, das gleiche Problem, wie bei Martha und Maria: viele Dinge tun zu wollen oder nur eines tun zu sollen ...
Natürlich braucht die Welt Menschen, die sich engagieren und Dinge tun für das Reich Gottes. Natürlich hat die Heilsarmee Menschen nötig, die sich einsetzen für Christus: als Freunde, als Soldaten und auch als Offiziere! Menschen, die sich für ihr Korps und ihren Nächsten engagieren! Aber überzeugter Christ zu sein, bedeutet zuerst, anders zu leben als die anderen! Das heisst aus diesem einen Glauben heraus zu leben an den, den Gott gesandt hat. Aus diesem Glauben heraus soll unser Engagement fliessen!
Um diesen Gedanken zu abzuschliessen: Geben wir Martha, was Martha zusteht! Im Johannes-Evangelium, im Kapitel 11 ist Martha imstande, ein grossartiges «Glaubensbekenntnis» abzulegen, bevor Jesus ihren Bruder auferweckt. «Ich weiss, dass Gott dir alles geben wird, worum du ihn bittest. Ja, Herr, ich glaube, dass du Christus bist, der Sohn Gottes, auf den wir so lange gewartet haben» (Johannes 11, 22 und 27, Hfa). In diesem Augenblick konnte Martha das einzig Wesentliche aussprechen und ausleben: Sie hat ihr Vertrauen und ihren Glauben an Jesus ausgedrückt.
Heute Morgen möchte ich Ihnen einen Satz anvertrauen, der mein Zeugnis ist. Dieser Satz ist vor einigen Jahren aus meinem Innersten aufgestiegen, als wir im Korps Rouen in Frankreich stationiert waren: «Offizierin oder Offizier zu sein, das ist der schönste Beruf auf Erden!» Das bedeutet, wirklich nahe bei Gott und nahe bei den Menschen zu sein! Sich mit Gott für andere und mit anderen einzusetzen! In diesem Korps gab es viele Dinge zu tun. Wir mussten lernen, unsere Arbeit aus der Kraft des Glaubens heraus zu tun. Stille Tage im Hören auf Gott halfen uns, in der Hektik des Alltags bestehen zu können, nach dem Rat von Jesus in Johannes 6, 27: «Setzt alles dafür ein, die Nahrung zu bekommen, die euch das ewige Leben bringt. Nur der Menschensohn kann sie euch geben. Denn Gott, der Vater, hat ihn dazu bestimmt.» (Hfa)
«Was sollen wir tun?», fragen die Menschen Jesus. Das ist die entscheidende Frage, wenn man von Berufung spricht ... Eine Berufung ist wie eine Ehe. Wenn einmal das grosse «Ja» gegeben wurde, müssen an jedem neuen Tag andere «Ja» ausgesprochen und angeboten werden durch Liebe und durch Loyalität. «Was sollen wir tun?», fragen die Menschen Jesus.
Jesus sagt, dass das, was Gott zuerst verlangt, der Glaube an ihn, den Sohn Gottes, ist. In diesem Sinn sind wir alle eingeladen, an den zu glauben, den Gott gesandt hat, und die Tiefe seiner Liebe zu verstehen. Wir sind alle aufgerufen zu handeln wegen dieser Liebe. «Die Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus manifestiert» muss die Motivation «unserer Handlungen» sein und bleiben. Diese Liebe muss auch das sein, was die Qualität unseres Charakters ausmacht. Wir sind auch alle aufgerufen, Christus ähnlicher zu werden. «Alles zu verlassen, um Christus nachzufolgen» heisst nicht immer, alles liegen zu lassen und anderswo hinzugehen. Wir sind aufgerufen, da, wo wir leben, zu glauben, zu lieben und zu handeln mit dem, was wir sind. Alle sind aufgerufen, nahe bei Gott und nahe bei den Menschen zu sein.
Frère Roger, Gründer von Taizé, welcher vor einem Jahr während eines Gottesdienstes ermordet wurde, hat das folgende Zitat am Tag seines Todes in einem Brief geschrieben: «Erkennen wir es genug? Gott hat ein solches Vertrauen in uns gesetzt, dass er für jeden von uns einen Ruf hat. Welches ist dieser Ruf? Er lädt uns ein zu lieben, so wie er uns liebt. Wer Gott liebt, der wählt die Liebe. Für den, der versucht zu lieben im Vertrauen, wird das Leben schön.»
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