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Predigt vom 27.8.2006 (Corinne Gossauer-Peroz)
Martha und Maria
(Lukas 10, 38-42)
In allen Familien bei allen Kulturen ist es das Gleiche! Sei es eine Familie aus Zürich, Basel, Bern oder Paris, überall ist es gleich! Wenn die Mitglieder unserer Familien beisammen sind, dann sind es immer die gleichen Personen, die die Dinge vorbereiten und organisieren ... Anlässlich eines Essens oder eines Familienfestes sind es immer die gleichen Personen, die diskutieren und bequem auf ihren Stühlen sitzen. Und es sind immer dieselben, die etwas tun: weil man schliesslich den Tisch decken und nachher das Geschirr abwaschen muss! In jeder Familie oder bei Freundestreffen gibt es jene, die den Augenblick zu geniessen wissen und andere, die den guten Moment einfach verpassen ... Das ist nicht neu! In Lukas 10, 38-42 wird uns eine solche Situation erzählt :
«Jesus kam mit seinen Jüngern in ein Dorf, wo sie bei einer Frau aufgenommen wurden, die Martha hiess. Maria, ihre Schwester, setzte sich zu Jesus und hörte ihm aufmerksam zu. Martha aber war unentwegt mit der Bewirtung der Gäste beschäftigt. Schliesslich kam sie zu Jesus und fragte: «Herr, siehst du nicht, dass meine Schwester mir gar nicht hilft? Sie überlässt mir die ganze Arbeit. Kannst du ihr nicht sagen, dass auch sie etwas tun soll?» Doch Jesus antwortete ihr: «Martha, Martha, du machst dir viel Sorgen und mühst dich um Dinge, die im Grunde nicht so wichtig sind. Wichtig ist nur eins! Das hat Maria verstanden, und davon werde ich sie nicht abbringen.»
(Hoffnung für alle)
1° Martha und Maria:
Ich habe diese Passage sehr gern, weil sie lebendig und so realistisch ist. Wir alle haben schon einmal den Stress und die Aufregung von Martha erlebt.
Martha ist angespannt, stark mit ihren zahlreichen Sorgen um das Essen beschäftigt. Wir verstehen warum: Jesus ist zu ihnen gekommen. Ihr obliegt die Ehre und die Verantwortung, ihn zu empfangen, ihn gut zu empfangen ... Martha, Maria und Lazarus waren Geschwister: Jesus kam gern zu ihnen auf Besuch. In Johannes 11, 5 heisst es: «Jesus hatte Martha, ihre Schwester Maria und Lazarus lieb.» Mit ihnen und bei ihnen konnte Jesus Augenblicke der Freundschaft geniessen, die auch er nötig hatte.
Martha ist eine dieser Frauen (und von dieser Art hat es in jeder Kultur!), die das Beste für jene will, die sie liebt. Sie will alles für Jesus und für jene tun, die unter ihrem Dach leben. Martha möchte, dass alle sich in ihrem Haus wohl fühlen. Sie sieht und sie tut, was es zu tun gibt: sie kocht, sie bereitet vor, sie organisiert ... Das Problem von Martha zeigt sich darin, dass ihr äusserer Stress etwas über ihren inneren Stress aussagt ... Es passiert den Frauen oft, dass sie – indem sie das Beste tun möchten – zuviel tun und dadurch gewisse Grenzen überschreiten. In Martha wächst die Erregung, weil ihre Schwester Maria ihr nicht hilft ...
Maria sitzt zu den Füssen von Jesus und hört seinen Reden zu (Lukas 10, 39). Maria hat begriffen, dass der Besuch von Jesus ein einzigartiger Moment ist. Sie hat beschlossen, so viel wie möglich davon zu profitieren, sie hört zu, was er zu sagen hat. Indem sie zu den Füssen von Jesus sitzt, drückt ihre Körperhaltung ihre innere Haltung aus. Sie «trinkt» förmlich die Worte von Jesus in sich hinein. Während Maria sorgsam auf seine Worte achtet, vergisst sie, dass ihr Platz eigentlich eher – in der damaligen Zeit – in der Küche wäre. Diese zwei Schwestern nehmen in der Gegenwart von Jesus zwei entgegen gesetzte Haltungen ein. Martha bereitet ihm ein Festmahl zu, und für Maria sind es die Worte von Jesus, die ein Festmahl für ihr Herz sind.
2° Die Krise:
In allen Familien bei allen Kulturen ist es das Gleiche! In Frankreich, in der Schweiz oder anderswo: Wenn die Mitglieder unserer Familien versammelt sind, gibt es gelegentlich Krisen. Vielleicht redet man in der deutschen Schweiz weniger laut als in Frankreich, Italien oder Afrika ... Selbst wenn die Bande sehr stark und schön sind, kann es zu Explosionen kommen. Martha sollte ihre Schwester lieb haben, aber plötzlich reisst ihre Geduld! Und wie immer in solchen Momenten liegt die Schuld bei den anderen! So ist Maria die Schuldige und Verantwortliche für den Streit. Sie, die eigentlich gar nichts tut! Wenn Besuch da ist, müssen die Frauen sich rühren! Martha ist aufgebracht und ein wenig eifersüchtig. Und in ihrem Zorn wendet sie sich an Jesus und sagt ihm, was sie denkt! Aufgeregt wie sie ist, wird sie sogar kühn: Sie sagt Jesus auch, was er zu Maria sagen soll!
Lukas 10, 40: «Herr, siehst du nicht, dass meine Schwester mir gar nicht hilft? Sie überlässt mir die ganze Arbeit. Kannst du ihr nicht sagen, dass auch sie etwas tun soll?»
Einverstanden, Martha ist gestresst, weil sie das Essen vorbereiten muss ... Aber sie ist auch ärgerlich, weil Jesus es normal zu finden scheint, dass Maria seinen Worten zuhört ... Martha hofft – was normal wäre –, dass Maria von Jesus zur Mithilfe aufgefordert wird, damit sie endlich das tut, was sie tun sollte!
3° Die Antwort von Jesus: Aber wie es oft der Fall ist und glücklicherweise gibt Jesus eine andere Antwort: Lukas 10, 41 und 42: «Martha, Martha, du machst dir viel Sorgen und mühst dich um Dinge, die im Grunde nicht so wichtig sind. Wichtig ist nur eins! Das hat Maria verstanden, und davon werde ich sie nicht abbringen.»
Jesus greift in diesen Konflikt ein. Aber er stösst die Haltung von Martha nicht zurück. Er beginnt mit: «Martha, Martha ...». Dieses Wiederholen des Vornamens ist ein Zeichen von Zuneigung, aber es bedeutet auch: Achtung, Martha, verwechsle nicht das Wesentliche mit Unwichtigem. Achtung, Martha, dein Stress lässt dich deinen Sinn für die Prioritäten verlieren.
«Martha, Martha, du machst dir viel Sorgen und mühst dich um Dinge, die im Grunde nicht so wichtig sind. Wichtig ist nur eins! Das hat Maria verstanden, und davon werde ich sie nicht abbringen.» (Hfa)
Jesus wirft Martha nicht vor, dass sie sich um den Haushalt kümmert; er wirft ihr vielmehr ihre innere Erregtheit vor. Sie ist gestresst, weil die materiellen Sorgen ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen, ihre Kräfte und ihre ganze Energie. So ist es, wenn man alles selber machen will, und vor allem gut machen will ... Was Jesus ihr vorwirft, ist die allzu grosse Wichtigkeit, die sie unwichtigen Dingen beimisst. Wichtiger als alles sind seine Gegenwart und seine Worte, es ist dieser einzigartige Augenblick zusammen. Maria hat verstanden, was das Wichtigste war: diese Augenblicke friedlich und ruhig erleben zu können. Von seiner Gegenwart zu profitieren.
In seiner Antwort zeigt Jesus auch das Vertrauen, das er in Martha setzt: Er weiss, dass es ihr möglich ist, die Dinge anders zu sehen. Er legt ihr nahe, ihr Vertrauen und ihren Frieden wieder zu finden. Und schliesslich sagt Jesus nicht, dass die Dinge, mit denen sie sich beschäftigt, schlecht seien. Aber er macht eine subtile Unterscheidung, indem er sagt, dass die Dinge, mit denen Maria sich beschäftigt, besser seien.
4° Handeln und Kontemplation
Wenn man die Antwort von Jesus hört, ist es zu einfach, die aktiven Personen auf die eine und die kontemplativen auf die andere Seite zu stellen. Zu viele Bibel-Kommentatoren haben Martha und Maria einander so gegenübergestellt. Jesus tut das nicht. Martha ist nützlich, ihr Dienst ist unentbehrlich. Jesus sagt zu ihr nicht: «Setz dich hierher und tue nichts mehr», sondern mit grosser Sensibilität lässt er sie erkennen, dass es Schatten gibt, die über unsere s Taten fallen: Aufregung, Sorge, Angst, Nervosität, Eifersucht, Urteilen ...
«Wichtig ist nur eins!» Das ist ein guter Slogan, ein gutes Motto für unseren Einstieg nach den Ferien. In der Schule, bei der Arbeit, zuhause, im Korps, in der Familie, mit unseren Freunden: «Wichtig ist nur eins!» Was genau ist diese einzig wichtige Sache? Es ist das, was Maria tat: «Maria setzte sich zu Jesus und hörte ihm aufmerksam zu.» Jesus setzt sein Wort, das Wort Gottes, an die Spitze der Prioritäten des menschlichen Lebens. «Der Mensch lebt nicht allein von Brot, sondern von allem, was der Herr ihm zusagt», heisst es in Lukas 4,4: Auf das Wort von Gott zu hören ist die erste und wichtigste Aufgabe der Männer und Frauen aller Zeiten! Auf das Wort Gottes zu hören, sagt Jesus, ist die einzige Notwendigkeit! Er sagt auch dass, wer nicht auf das Wort hört, sein Haus auf Sand baut (Lukas 6, 47 bis 49).
In unserem Leben gibt es immer so viele Dinge zu tun! Es gibt die Arbeit, die Kinder, das Fernsehen, das Haus, man ist immer müde... Und es ist schwierig, sich Zeit zum Lesen der Bibel zu nehmen und darauf zu hören, was der Herr uns sagen möchte. Aber das Wort von heute Morgen sagt uns dies: Sich keine Zeit zu nehmen, um zu den Füssen des Herrn zu sitzen, bedeutet: das Wesentliche zu verpassen. Damit verpasst man einen einzigartigen Moment; einen Moment, der Reichtum, Ermutigung und Versprechungen enthält. Es ist ein Moment, der ein Brot des Lebens, eine Nahrung für unser schwieriges und beladenes Leben ist.
5° «Nahe bei Gott, nahe bei den Menschen» Es gibt nicht einerseits die kontemplativen Menschen und andererseits die aktiven. Es gibt nicht die einen, die sich auf konkrete Weise engagieren im Dienst für den Nächsten und die anderen, die beten können – oder das lieber tun. Aber die Gefahr ist realistisch: Indem wir uns aktiv für den Herrn einsetzen, kann es passieren, dass wir unser Herz verlieren. Wir können zwar das Gefühl haben, alles für den Herrn zu tun, aber wir wissen immer weniger, wer dieser Herr eigentlich ist, dem wir dienen. Wie auch immer die Form unseres Engagements ist, einzig in Gott kann die Motivation unseres Engagements sich erneuern. Nur indem wir uns Zeit nehmen, uns zu seinen Füssen zu setzen, können unsere Prioritäten eine richtige Ordnung finden. Das war es vielleicht, was Jesus Martha sagen wollte.
An diesem Morgen heisst das für uns :
Was Jesus nötig hat, sind nicht zuerst unsere «Werke», auch nicht unsere Handlungen. Er gebraucht sie. Ja ...
Aber ... Was Jesus zuallererst nötig hat, ist unsere Verfügbarkeit. Jesus war zu Martha gekommen, um sie zu sehen, aber er sah sie nicht; um einige Zeit mir ihr zu verbringen, aber sie war anderswo: in der Küche ... Sie war zu beschäftigt, um verfügbar zu sein. Der «Dienst» kann uns sogar den Meister vergessen lassen.
«Wichtig ist nur eins!» Wichtig ist es, die Bedeutsamkeit des Moments gut zu verstehen.
Was Christus erbittet, ist unsere Freundschaft, unsere Liebe. Er möchte Zeit mit uns verbringen: er mit uns und wir mit ihm.
Was Christus erbittet, das ist unser Herz, nicht mehr und nicht weniger.
Wenn das Herz friedlich und durch die Gegenwart von Christus bewohnt ist, dann stellt sich die richtige Ordnung unserer Prioritäten ein.
Das Wichtigste ist es, ihn lieben zu lernen und zu entdecken, mit welcher Liebe Gott uns liebt.
Wichtig ist auch, diese persönliche Beziehung mit Jesus zu pflegen.
Das Wichtigste für ihn ist, unser Herz zu nähren, damit wir uns engagieren und aktiv sein können. Die Zeit, die wir mit Jesus verbringen, führt uns immer zu den anderen zurück. Einem Mann, der auch zu verstehen versuchte, was das Wichtigste in seinem Leben war, hat Jesus geantwortet: Matthäus 22, 37 bis 39: «Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand! Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ebenso wichtig ist aber das zweite: «Liebe deinen Mitmenschen, so wie du dich selber liebst!» Nahe bei Gott, nahe bei den Menschen.
Möge der heilige Geist uns helfen zu verstehen, was wichtig ist: wir mit Christus und Christus mit uns. Wir mit den anderen, wir mit uns selber ... Amen.
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