Seelsorge, Predigten

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Heilsarmee Zürich Zentral  

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Predigt vom 24.8.2005 (Corinne Gossauer-Peroz)

Die Letzten werden die Ersten sein
(Matthäus 20, 1-16)


Ende August, anfangs September, das ist die Zeit der Wiederaufnahme ... die Schule der Kinder fängt wieder an, ebenso das Studium der Jugendlichen, für andere beginnt die Arbeit wieder. Und für diejenigen, die nicht in diese Kategorien passen, ist es die Wiederaufnahme eines normalen Tagesrhythmus ... In der Schule, beim Studium, bei der Arbeit oder im täglichen Leben gibt es überall Erste und Letzte! Jesus sagt: «So werden die Letzten die Ersten sein, und die Ersten die Letzten ...» Ich denke oft an diesen Satz, wenn ich in einer langen Schlange vor der Kasse eines Ladens warte und dann plötzlich eine neue Kasse geöffnet wird! Wenn ich schnell genug bin, kann ich zur neuen Kasse gehen und ich finde das sehr angenehm, nicht wahr? Dann steigt in mir Freude auf, dass ich Zeit gewonnen habe, aber ebenso ein Gefühl von Gerechtigkeit.

1° Aber der Text des Matthäus-Evangeliums lässt in uns nicht unbedingt ein Gerechtigkeitsgefühl aufsteigen. Dieses Gleichnis irritiert oder nervt uns sogar. Es ist wahr, die Haltung des Patrons ist ungewöhnlich und sogar empörend. Heute würde uns ein Chef - aus welcher Branche auch immer - sagen, den Text des Evangeliums anzuwenden, wäre ruinös für die Firma, und im Besonderen für das Klima in der Firma! Es ist unmöglich, eine gerechte Lohnabstufung nicht zu respektieren, das würde zu einem Chaos führen (und in Frankreich zu Streikaktionen, die die Welt auf den Kopf stellen ...) Trotzdem, Jesus kann und will nicht soziale Ungerechtigkeit lehren. Das, wovon er spricht mit Hilfe dieses Gleichnisses, das ist das Himmelreich Gottes! In einem Gleichnis hat nicht jedes Detail immer eine Bedeutung, man muss nach der zentralen Aussage der Geschichte suchen. Die verschiedenen Elemente der Geschichte sind nur dazu da, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken ... Schauen wir die Botschaft an, die Jesus uns übermitteln will. Alles beginnt wie mit einer wahren Geschichte: Wir sind in Palästina, ganz früh am Morgen. Einige Männer warten darauf, für den Tag eingestellt zu werden. Der Patron erscheint und stellt ein erstes Mal Männer ein, dann wieder um 9 Uhr, am Mittag, um 3 Uhr und sogar noch einmal um 5 Uhr am Nachmittag! Die Einladung gilt für jeden: Vers 4: «Ihr könnt in meinem Weinberg arbeiten, ich will euch angemessen bezahlen.» + Vers 6: «Warum tut ihr den ganzen Tag nichts?» ... «Weil niemand uns eingestellt hat» ... «Geht auch ihr noch hin und arbeitet in meinem Weinberg!»

WEIL UNS NIEMAND EINGESTELLT HAT ... Dieses Gleichnis spricht von Arbeit, aber wer Arbeit sagt, meint auch unsichere Arbeit oder Arbeitslosigkeit ... Als wir im Korps von Rouen in der Normandie stationiert waren, haben wir 200 Nahrungsmittelpakete pro Woche an Familien verteilt. Das Problem Nummer eins war die Arbeitslosigkeit mit allen ihren Konsequenzen. «Weil uns niemand eingestellt hat ...» Ich habe sehr tief in die Leiden gesehen, die mit der Arbeitslosigkeit verbunden sind, ich habe auch gelernt, dass der Alkohol das zweite Problem werden kann ... Aber ich habe auch die Freude miterlebt mit denen, die wieder eine Arbeit gefunden haben, es war wie der Ausgang aus einem Tunnel...

Im Text von Matthäus ist der Patron ein guter Mensch, er will unbedingt diesen Männern einen Lohn offerieren, welche auf dem Dorfplatz herumstehen, ihnen Würde schenken. Bis um 5 Uhr am Nachmittag stellt er Leute ein: «Ihr könnt in meinem Weinberg arbeiten!» Im Alten Testament war der Weinberg ein Symbol, für das Volk Gottes. Jesaja 5 Vers 7 sagt uns: «Der Weinberg des Herrn seid ihr Israeliten! Sein Lieblingsgarten, Juda, seid ihr!» Der Weinberg ist der Ort des Glücks, der Ort des Bundes der Menschen mit Gott, der Ort, wo sie sich zusammen freuen. Wenn Jesus vom Himmelreich spricht, ist das auch der Ort der Güte Gottes, der Ort, zu welchem Gott nicht aufhört uns einzuladen.

2° Mit Vers 8 des Gleichnisses fängt das Unvorstellbare an. Die Arbeiter der ersten Stunde müssen dabei stehen, wenn die Letzten ihren Lohn ausbezahlt bekommen. Wie soll man sich da nicht ärgern über einen Patron, der so handelt? Aber das ist noch nicht alles. Die Verse 9 bis 12 führen uns mitten in den Skandal hinein: Allen wird der gleiche Lohn ausbezahlt! ... Welche Ungerechtigkeit! Ja, wirklich, das ist schockierend ... Denn im Weinberg der Menschen, der unsere Gesellschaft darstellt, muss man alles kaufen, bezahlen, verdienen. Es gibt Gesetze, die man respektieren muss. Man muss auch die Ordnung respektieren – besonders in der Schweiz! ... Aber im Weinberg der Menschen sind oft die Ersten die Ersten und die Letzten bleiben die Letzten ...

Vergessen wir nicht, dass Jesus mit diesem Gleichnis von seinem Vater und dem Himmelreich spricht. Es ist einfach: Bei den Menschen muss alles verdient werden, aber bei Gott wird alles geschenkt! Alles ist Gnade! Die Liebe von Gott ist unermesslich, nicht kalkulierbar. Vor Gott gibt es keine Privilegien: Die Ersten werden genau so behandelt wie die Letzten, weil Gott alle Menschen liebt. Er will, dass alle in seinen Weinberg kommen können, mit anderen Worten, in seine Gegenwart. Die Liebe Gottes für die Menschen ist nicht an unsere Verdienste gebunden und schon gar nicht an unsere eigenen Anstrengungen. Sondern es ist Gott, unser Vater, der uns einlädt und uns empfängt. Er vergibt uns, das ist reine Gnade, und wir leben in dieser Gnade. Römer 3, 22: «Alle sind schuldig geworden und haben die Herrlichkeit verscherzt, die Gott ihnen geschenkt hatte. Aber Gott hat mit ihnen Erbarmen und nimmt sie wieder an. Das ist ein reines Gunstgeschenk. Durch Jesus Christus hat er uns aus der Gewalt der Sünde befreit.»

3° Aber dieses Gleichnis nervt uns, weil die Liebe von Gott uns stört. Gott soll gut sein bis zu dem Punkt, dass er den Ersten wie auch den Letzten den genau gleichen Lohn gibt? Ist das nicht stossend? Und wir benehmen uns wie die Arbeiter der ersten Stunde, die schimpfen und nichts verstehen ... Dass Gott gerecht sei, einverstanden, aber dass Gott auch grosszügig gegenüber Menschen ist, die weniger gedient haben als wir, das stört uns ... Und dann, wenn Gott den Letzten ebenso viel gibt wie den Ersten, wieso sollen wir uns müde arbeiten einen ganzen Tag lang? Warum sollen wir uns Mühe geben und als Jünger leben? Könnten wir nicht in letzter Minute gerettet werden?

Ja, die Liebe von Gott für alle, das ist leicht zu akzeptieren in der Theorie, aber es ist schwierig in der Praxis ...

Dieser Text sagt uns aber auch, dass es Arbeiter der ersten Stunde braucht! Sie sind an der Arbeit, im Dienst ihres Herrn, aber welches Glück für sie, dass sie so früh eingestellt worden sind von ihrem Herrn. Welches Privileg, eintreten zu können in seinen Weinberg, in seine Liebe, in seine Gegenwart. Diese Gegenwart umfasst auch den Sohn und den heiligen Geist. Welches Vorrecht ist es, in der Arbeit von Gott mitarbeiten zu können. Die Gegenwart Gottes in unserem Leben soll ein Grund zur Freude sein und bleiben. Trotz Müdigkeit und Hitze ist das mehr wert als die Verzweiflung von jenen, die darauf warten, um eingestellt zu werden, aber niemand ruft sie herein ... Dieses Gleichnis lässt uns an die Geschichte vom verlorenen Sohn denken ... Und auch an die Gefühle des älteren Sohnes, der zuhause blieb, der bei der Arbeit blieb und sich aufgelehnt hat, als er sah, wie der Vater in Liebe seinen Bruder willkommen hiess ... Und die Antwort des Vaters an den älteren Sohn ist vergleichbar mit dem hohen Lohn, den er den Arbeitern der letzten Stunde gab: «Mein Sohn, du bist immer bei mir, und dir gehört alles, was ich habe.» ...

Schluss: Was für ein Glück, dass Gott uns in seinem Weinberg eingestellt hat! Es braucht Arbeiter der ersten Stunde, aber Gott lädt uns ständig an diesen Ort, wo wir ihn treffen können, ein. Er macht aus uns seine Freunde und seine Jünger. Er bietet uns eine Hoffnung an. Wir leben in seiner Gegenwart, welche eine Gegenwart der Liebe ist, eine Gegenwart der Freude! Kennen wir noch den Preis dieser Gegenwart? Lassen wir es nicht zu, dass wir uns an die Gnade Gottes gewöhnen ... Lassen wir uns immer wieder neu faszinieren und ehren von seinem Wirken in unserem Leben. Lassen wir uns in Staunen versetzen, dass wir gerufen worden sind, um in seiner Gegenwart der Vergebung und der Liebe zu sein, es gibt kein grösseres Geschenk!

Aber wir, die wir die Liebe kennen, mit der er uns liebt, wir sind aufgefordert, die Letzten zu lieben, denn für sie wie für uns ist die Einladung die Gleiche. Die Letzten können Menschen sein, die wir nicht «ebenso gut» finden, wie wir sind, Menschen, die uns nerven durch ihre Worte oder durch ihr Betragen ... Durch das Beispiel von Gott selbst sind wir auch aufgerufen, sie willkommen zu heissen und nicht zu murren... Die Letzten zu empfangen ohne Angst, dass wir unseren Platz als Erste und als Privilegierte verlieren ... Erste oder Letzte, freuen wir uns doch gemeinsam, dass wir in der Gegenwart Gottes sein dürfen.

Dieses Gleichnis stellt uns vor die Liebe Gottes für jedes Individuum. Bei Gott kommt die Liebe vor der Gerechtigkeit und das ist genau das, was uns stören und durcheinander bringen kann ... Dieses Gleichnis stört uns, weil es uns auffordert zu akzeptieren, dass Gott gut, grosszügig ist wie im Gleichnis aufgezeigt ... Dieses Gleichnis gibt uns dieses Modell der Grosszügigkeit wie ein Beispiel, dem wir nachfolgen sollen:

«Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist!»

Kontakt

Majore
Walter und Hanny Bommeli

Heilsarmee Zürich Zentral
Ankerstrasse 31
8004 Zürich

Tel. 044 242 53 89

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